KAPITEL
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„Die Tänzerin“: Der Schmetterling aus dem Kokon

Loïe Fuller war eine Pionierin des modernen Tanzes. Mit Soko in der Hauptrolle erzählt der Film „Die Tänzerin“ – allerdings ohne viel Rücksicht auf historische Fakten – die Geschichte dieser Frau, die für ihre künstlerische Vision alles aufs Spiel setzte und weder auf Normen und Regeln, noch auf die eigene Gesundheit Rücksicht nahm.

Wie verfilmt man die Lebensgeschichte einer avantgardistischen Pionierin, die vor mehr als hundert Jahren im Zenit ihres Erfolges stand? Eine schillernde Figur, bei deren Leben die Details so verschwommen und unvollständig sind? Die junge Regisseurin Stéphanie Di Giusto entschied sich, sich bei ihrem Filmdebüt „Die Tänzerin“ über die amerikanische Tanz-Pionierin Loïe Fuller auf die wesentlichen Züge ihrer Protagonistin – Willenskraft, Vision, Leidenschaft, Zerissenheit – zu konzentrieren und die restliche Geschichte um diese herum neu aufzubauen.

Die wichtigsten Stationen im Leben Loïes werden dabei nicht ausgespart: Der Film beginnt in Amerika, im Illinois des späten 19. Jahrhunderts, wo Marie-Louise Fuller mit ihrem trinkenden, pöbelnden, aber liebevollen Vater auf einer Farm lebt. Schnell wird klar, dass das gar nicht mehr so junge Mädchen – sie ist schon 25 – nicht in diese Welt gehört: Auf dem Acker rezitiert sie Verse aus Oscar Wilde’s „Salomé“. Als ihr Vater ermordet wird, beschließt sie, zu ihrer streng puritanischen Mutter nach New York zu fahren und dort ihrem Traum, dem Schauspiel, nachzugehen.

Dort packt sie die Vision des Tanzes, der heute als Serpentinentanz in die Geschichte eingegangen ist. Endlose Seidenstoffbahnen werden dabei durch die Luft geschwungen und in allen Farben des Regenbogens beleuchtet: Wie ein fluoreszierender Schmetterling. Als sie es nach Paris schafft, wird sie beinahe über Nacht zum Shootingstar der Avantgarde, schafft es bis in die Pariser Oper und gründet ihre eigene Tanzschule. Wie eine Wahnsinnige arbeitet Loïe an ihrer Vision, lässt ihre Gesundheit völlig außer Acht. Sie experimentiert mit elektrischem Licht, das ihre Netzhaut verbrennt, die schweren Stoffbahnen zerbersten ihre Arme und Schultern: Außerhalb der Bühne läuft sie gebückt, trägt einen Augenschutz. Dann trifft sie die junge Tänzerin Isadora Duncan, die wie sie eine neue, unkonventionelle Vision des Tanzes vertritt und deren Karriere Loïe uneingeschränkt zu fördern versucht.

Um diese historischen Fakten herum werden im Film sehr viele fiktive Begebenheiten hinzu erfunden: Da ist der junge französische Adelige Louis D’Orsay, der so sehr von Loïe fasziniert ist, dass er ihr seinen gesamten Besitz zur Verfügung stellt. Die beiden führen eine halbplatonische Liebesbeziehung, leiden gemeinsam und stützen sich gegenseitig in ihrer Zerrissenheit. Die genaue Funktion dieses fiktiven Charakters bleibt aber unklar, es drängt sich der Verdacht auf, dass eine heterosexuelle Liebesbeziehung als notwendig erachtet wurde. Was der Film nämlich komplett verschweigt – und es ist nicht ganz ersichtlich, wieso – ist Gab Sorère, Loïe’s 17 Jahre jüngere Lebensgefährtin, mit der sie 30 Jahre lang, bis zu ihrem Tod, zusammen war und die ihre Tanzschule noch bis in die 50er Jahre weiter führte. Eigentlich eine Liebesgeschichte, die es Wert gewesen wäre, erzählt zu werden – stattdessen wird eine Affäre Loïes mit Isadora Duncan hinzugedichtet, die glaubhaft abgehoben von Lily-Rose Depp verkörpert wird. Isadora wird als eine skrupellose Verführerin dargestellt, die Loïe’s Zuneigung ausnutzt und sie leiden lässt, um ihre Vision vom Tanz umsetzen zu können – woran Loïe beinahe zerbricht.

Fakt ist: Loïe Fuller und Isadora Duncan waren beide nicht nur künstlerische Pionierinnen, sondern veränderten auch das Frauenbild des frühen 20. Jahrhunderts. Auf der einen Seite die viel zu durchschnittlich und schwerfällig daherkommende Loïe, die sich auf der Bühne plötzlich in ein atemberaubendes, ageschlechtliches Gesamtkunstwerk verwandelt, und auf der anderen Seite die zierliche und graziöse Isadora, die am Liebsten barfuß und in Tunika tanzte und damit das klassische Ballett aufrüttelte. Zusammen begründeten sie nicht nur eine neue, facettenreichere Weiblichkeit mit, sondern legten auch den Grundstein für Modern Dance: Zwei sehr unterschiedliche Künstlerinnen mit einer klaren Vision. Zwei Geschichten, die viel zu lange unerzählt blieben. Dennoch ist es schade, dass der Film es vorzieht, beide Biografien zugunsten der Dramaturgie des Films so zu verklären.

Historisch korrekt ist an „Die Tänzerin“ wenig, aber das Besondere und die Faszination, die von Loïe Fuller’s Leben überliefert sind, werden mit der Hilfe der großartigen Leistung von Soko in der Hauptrolle sehr glaubhaft überliefert. Am Ende bleibt von diesem Film die Zerrissenheit und Leidenschaft einer Künstlerin, die stur und entschlossen ihrer Vision folgt, ganz egal, wie sehr sie dabei mit Normen brechen muss.

„Die Tänzerin“ erscheint am 9. März auf DVD, Blu-Ray und als Video on Demand.

Wir verloren 2 x die DVD zum Film! Einfach bis zum 13. März eine E-Mail mit dem Betreff „Die Tänzerin“ an gewinnspiel@libertine-mag.com schicken.

Text: Johanna Warda
Bild: PROKINO Filmverleih GmbH

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