KAPITEL
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Draußen durch den Sommer tanzen

Im Sommer wird draußen getanzt, ist klar! Aber welche Festivals sollte man mal besuchen? Die großen deutschen Schwesterfestivals Rock am Ring und Rock im Park, sowie das Southside und Hurricane im Juni sind längst ausverkauft, aber die lohnen sich ohnehin nur für alle, die mehr Wert auf Eventcharakter als auf Livemusik legen, und die sich zwischen Bierdusche, riesigen Zeltplätzen mit wenig Schlaf und viel Lärm und großem Festivalgelände ohne Charme wohl fühlen.

Anders gestalten sich Festivals wie das Melt und Splash im Juli, die in Gräfenhainichen mehrere Bühnen zwischen riesigen Kränen stehen haben und wo statt XL-T-Shirt-Träger mit Totenkopftattoo die Glitter-im-Gesicht-Fraktion auf Post-Hippies trifft. Aber auch dazu gibt es Alternativen, die sich lohnen. Christiane Falk fasst für Euch die besten in In- und Ausland zusammen.

 

Sziget Festival, 10.-17.August

Dass das Festival den Untertitel „The Island of Freedom“ trägt, ist kein Zufall. Dort ereignet sich tatsächlich jedes Jahr Außergewöhnliches – ein vielfältiges Programm aus Musik, Theater, Kunst oder auch Sport. 400.000 Fans schlagen ihre Zelte auf und gestalten ihre Zeit dort wie einen Abenteuerurlaub.

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Das Gelände: Eine der drei Stadtinseln von Budapest in Ungarn, „Óbudai“ oder auch „Hajógyári-sziget“ genannt, wird im Sommer als Festival-Insel genutzt, auf der auf mehr als 1000 Musiker und Künstler auf rund 60 Bühnen auftreten. Vom unbekannten Theaterensemble bis zum internationalen Superstar der Musikbranche bieten die Macher alles.

Das Lineup: Zwischen partytauglichem Mainstream und Anspruch: Bunt und abwechslungsreich, so präsentiert sich das Sziget auch in diesem Jahr. R´n´B-Superstar Rihanna wird für den Ausnahmezustand sorgen, Roisin Murphy (ehemals Moloko) für filigrane elektronische Sounds, Parov Stelar für Electroswing. Die Gitarrenfraktion ist durch Muse vertreten, die mit ihren bombastischen Sounds wohl die meisten Fans anlocken werden, die unverwüstlichen Alternativerocker Skunk Anansie können sich auf ihre treue Fanbasis verlassen. Aus der Electropop-Ecke gehören Bastille und Chvrches zu den bekanntesten Acts. Chaos und Action dürfte bei K.I.Z. anstehen – die Deutschrapper werden sicher auch das internationale Publikum begeistern – auch wenn sie darin noch nicht so viel Erfahrung haben wie der Weltmusiker Manu Chao und Sigur Ros aus Island, die ihre Fans mit traumhaft verwunschenen Liedern regelmäßig in andere Sphären beamen. Für Fans des EDM-Szene stehen sowohl der aus Kaiserslautern stammende Zedd als auch David Guetta an den Turntables. Boys Noize wird mit seinem Elektrogeballer für zuckende Körper sorgen.

Die Geheimtipps: Aurora aus Norwegen ist auf dem Weg zum Superstar – Indiepop mit viel Elektronik – das liße sich auch eine bekannte Mobilfunkfirma nicht entgehen und unterlegte ihr Werbevideo mit „Running With The Wolves“. Mit den aus Stuttgart stammenden Die Nerven und Isolation Berlin stellen sich zwei der wichtigsten deutschsprachigen Gitarrenacts vor.

Homepage: http://de.szigetfestival.com/

 

Øyafestival 9.-13. August 2016 in Oslo

Seit 1999 feiern Musikfans beim Øyafestival in Oslo, Norwegen, zum dritten Mal nun Jahr nun im Tøyenpark im Nordosten der Stadt. 60.000 Fans werden auch in diesem Sommer erwartet. Weil drum herum Wohnhäuser stehen, endet der Abend im Park nicht allzu spät, und das Geschehen verlagert sich in die Clubs der Stadt.

oyaDas Gelände: Keine Lust auf siffiges Ambiente? Dann seid ihr hier richtig. Kaum fällt mal ein Becher auf den Boden, sammelt ihn ein freiwilliger Helfer ein. Beim Oya kann man in seinen besten Klamotten auf Decken unter Bäumen sitzen – Exzesse finden woanders statt. In all den Festivaljahren gab´s keine einzige Festnahme, was auch daran liegt, dass hier kein Komasaufen angesagt ist – dafür ist nicht nur der Alkohol zu teuer, sondern die Menschen zu entspannt und wirklich gewillt, ausgewählte Musiker und Bands bewusst mitzubekommen. Von den fünf Bühnen werden parallel immer nur drei bespielt, was den Vorteil hat, dass man viel mehr Konzerte sehen kann als bei anderen Festivals. In den Pausen locken Biogerichte an den Essensständen und diverse Shops für Schallplatten, stilsichere Klamotten und Comics.

Das Lineup: In Norwegen sind manche Acts Superstars, die bei uns zu Lande nicht wirklich bekannt sind – ideal, um diese zu entdecken! Einheimische wie Ane Brun, Aurora, Amanda Bergman (aus Schweden), Erlend Ropstad, Highasakite (aus Norwegen) wechseln sich mit internationalen Superstars wie den Elektro- und TripHop-Pionieren Massive Attack ab, der ebenfalls aus England stammende DJ Jamie XX ist dabei, die Grande Dame des Alternative, PJ Harvey mit ihrer Band, das bluesige Rockduo The Kills, die alten Helden von New Order und auch die energiegeladene Show von The Last Shadow Puppets, dem Nebenprojekt von Arctic Monkeyss Frontmann Alex Turner ist bestätigt. Darüber hinaus jazzige Sounds von Tenorsaxophonist Kamasi Washington, der auch schon mit HipHop-Spezialisten wie Flying Lotus zusammen gearbeitet hat, Indierockfans sollten sich für die drei Schwestern von Haim Zeit nehmen und die britischen Foals auf dem Zettel haben – eine der besten Livebands des letzten Jahrzehnts. Zu den Höhepunkten dürfte das Konzert der transsexuellen Künstlerin Anohni zählen, die bislang als Anthony Johnson bekannt war und nun unter ihrem weiblichen Rufnamen eine hochpolitische elektronische Platte aufgenommen hat (Artikel zu Anohni in der 2.Ausgabe des Libertine Magazins).

Geheimtipps: Zwei Bands sollten kein Besucher verpassen: Lush, eine Ikone der 90er zwischen Shoegazer, Indie und Britrock, haben neue Songs aufgenommen und feiern in diesen Tagen ihr großes Comeback. The Avalanches aus Australien haben 2000 ihr einziges Album veröffentlicht, für „Since I Left You“ 3.500 Vinylsamples verwendet und sind nicht nur deswegen eine spannende elektronische Band. Wer auf Sounds à la James Blake steht, ungewöhnlichen Electropop mit warmer, hoher Männerstimme schätzt, sollte sich Gundelach anhören.

Homepage: www.oyafestivalen.com

 

Flow Festival: 12. bis 14. August in Helsinki

2004 haben die Macher das Flow Festival ins Leben gerufen, und es im Laufe der Jahre als eines der beliebtesten skandinavischen Open Airs etabliert. Rund 70.000 Musikfans feiern drei Tage und Nächte zu 150 internationalen und nationalen Acts verschiedener Genres.

Das Gelände: Der Stadtteil Sörnäinen liegt an der Küste von Helsinki, einer Stadt mit rund 620.000 Einwohnern. Dort sind neben Industrie Shopping Malls und sozialer Wohnungsbau angesiedelt. Und mittendrin eines der stilsichersten Festivalgelände überhaupt: Die Macher dekorieren alte Lagerhallen und Gasometer, stellen zwei Zelte auf und auf offener Fläche steht die Open-Air-Hauptbühne. Der Skatepark bietet zudem sportliches Austoben. Das alles – angefangen von den bunten Lampions in den Bäumen sieht so abgefahren und künstlerisch aus, dass man sich das Gelände ohne Musik gerne anschauen würde – mit einem Line Up zwischen Superstars und Geheimtipps aber noch lieber. Zudem bietet das Flow Festival das wohl beste kulinarische Angebot überhaupt. Essen und Trinken sind hier nicht notwendiges Übel, sondern purer Genuss. Endlich mal kein Handbrot, stattdessen Smoothies bis hin zu gehobener in der Stadt ansässigen Bio-Küche (egal ob afrikanisch, asiatisch oder klassische Burger), man kann sich hier kaum entscheiden, was es denn sein darf. Der Geldbeutel wird dabei etwas mehr strapaziert als bei der Billigkost auf anderen Festivals, das gilt auch für die köstlichen Cocktails und anderen Getränke, aber bei der Qualität sollte das zu verschmerzen sein.

AnohniDas Lineup: Genau wie beim Oya Festival sind Anohni (Foto) und Massive Attack als Headliner gebucht, überhaupt nehmen mehrere relevante Electropop-Künstler einen wichtigen Platz im Line-Up ein. Neben DJ Jamie XX von der Indieband The xx wird die weltweit gefeierte FKA Twigs aus London ihren Mix aus wortgewaltigen Texten und anspruchsvollen Beats präsentieren. M83 aus Frankreich landeten 2011 Überhits wie „Midnight city“ und „Reunion“ und können auch mit dem kürzlich erschienen Album „Junk“ überzeugen, das tanzbaren Dreampop bietet.

Elektronische Acts, teilweise als DJ, teilweise mit Band fungierend, sind mit John Talabot, Jeff Mills DJ Arca und Four Tet gebucht. Mit Roman Flügel, Ben Clock und Pantha du Prince sind dazu einige der wichtigsten Vertreter aus Deutschland bestätigt. Klassischer Pop wird von der Australierin Sia kommen oder auch von dem schottischen Trio Chvrches.

Wer Gitarrensounds bevorzugt, kann sich auf Superstars aus allen Jahrzehnten freuen: Iggy Pop stellt sein überragendes neues Album plus Klassiker aus den letzten vier Jahrzehnten vor. Mit New Order kommt die Band, die sich nach dem tragischen Ende von Joy Division aus den ehemaligen Mitgliedern rekrutiert hat. Dazu ist eine der Indie-Ikonen bestätigt: Morrissey, ehemaliger Frontmann von The Smiths, spielt eine seiner raren Festivalshows. An jüngeren Bands gehören The Last Shadow Puppets, The Kills und Daughter zu den wichtigsten Vertretern.

Geheimtipps: In Trance zu verfallen, ist beim Sound von Death Hawks aus Finnland leicht. Ihr hypnotischer psychedelischer Rock besticht durch authentisches Retrofeeling. Ebenfalls aus Finnland stammt der Rapper View, der noch in diesem Jahr sein erstes Album veröffentlichen wird. Seine dunklen, langsamen Beats werden Fans von Drake oder auch The Weeknd gefallen. Die Hamburger Djane und Produzentin Helena Hauff war nicht nur Resident-DJ im legendären Pudel Club, der kürzlich abgebrannt ist, sie wird mittlerweile europaweit für große Veranstaltungen gebucht und besticht durch düstere Klangwelten.

Homepage: www.flowfestival.com/

 

Rock en Seine, 26.-28.August in Paris

Das 14.Jahr hintereinander lohnt es sich auch als Tourist, in den architektonisch durchaus sehenswerten Pariser Stadtteil Billancourt zu fahren. Dann gilt es nur noch, die Seine zu überqueren, um am letzten Augustwochenende von Freitag bis Sonntag Musiker aus dem Ausland, aber auch einheimische Musiker zu erleben. Rock en Seine gehört zu den größten Festivals des Landes – 70 Acts treten vor täglich bis zu 40.000 Musikbegeisterten auf. Genau wie das Oya- und das Flow Festival ist diese Veranstaltung im Château de Saint-Clouds Park ein Open Air ohne Campingfläche.

rock-en-seine-crowdDas Gelände: Die Franzosen beweisen bei Rock en Seine Geschmack, was das Ambiente angeht. Über die Pont de Saint-Cloud führt der Weg in eine herrlich gestaltete Parkanlage, die im 17.Jahrhundert entstanden ist. Dort bauen die Macher fünf Bühnen auf, zwischen der größten und dem Rest liegt ein kleines Waldstück, in den man sich zurückziehen und statt Bier Wein trinken und Käse essen kann. Der Franzose ist und bleibt ein Genussmensch, hat allerdings von vegetarischer Ernährung bislang wenig gehört und ignoriert den Veganer bislang so gut wie möglich. Nach Beschwerden mancher internationaler Besucher im letzten Jahr soll auf dem Gebiet aber nachgebessert werden. Lobenswert sind einige kleine, sehr charmante Stände wie der eines Pariser Cafés, der selbstgebackene Plätzchen und frischgebrühte Kaffeespezialitäten anbietet. Die kann man genießen, während man auf einer der vielen Wiesen zwischen kunstvoll entworfenen Festivalpostern entlang spaziert. Überhaupt lässt sich der Festivalbesucher hier nicht stressen. Schick gestylt wird zwischen den Konzerten geplauscht und entspannt, um dann rechtzeitig wieder vor einer der Bühnen zu stehen und enthusiastisch zur Musik zu feiern.

Das Lineup: Pop, Rock, HipHop und Electro, darunter Hochkaräter wie die bei den vorangegangen Festivals bereits genannten Iggy Pop, The Last Shadow Puppets und Massive Attack. Der Sound der isländischen Ausnahmeband Sigur Ros (mit Accent – ich weiß nicht, wie ich den auf der Tastatur machen kann!) hat sich stark gewandelt – als Trio auftretend begeistern sie mit dynamischem Postrock, der von einer visuell abwechslungsreichen Lichtershow untermalt wird. Nicht verpassen sollte man auch die poppigen Indiesongs von Two Door Cinema Club aus Irland, den melancholischen Postpunk der Editors, den unverwüstlichen Retrorock von Wolfmother und den explosiven Electroclash der in Berlin lebenden Kanadierin Peaches. Damien Junior Gong Marley sorgt für Reggaeklänge, Gregory Porter für jazzigen Soul und die Schweden von Miike Snow für anspruchsvollen Pop.

Geheimtipps: Soulwax waren Ende der 90er eine verkannte Rockband, bevor die Brüder Dewaele als DJs unter dem Namen Too Many DJs und dank genialer Bastardpop-Songs zu Stars wurden. Mittlerweile machen sie als Soulwax wieder Musik und das so mitreißend wie früher. Auch Sharon Jones and The Dap-Kings sind alte Hasen, haben Retro-Soul gespielt, lange bevor der durch Frauen wie Amy Winehouse wieder salonfähig wurde. Für Amy wurden sie als Band engagiert, als diese zum Superstar wurde, davor und danach brillierten sie alleine – auch jetzt wieder nach der Krebserkrankung von Sharon Stone, die sie bekämpft hat wie eine Löwin. 2003 war eigentlich Schluss bei L7, einer mächtigen Frauenrockband aus Los Angeles. Ende der 80er begann ihre Karriere, ihr 92er Album „Bricks are heavy“ gilt als eines der besten der Alternative-Szene. Bei den bisherigen Auftritte nach der Comeback-Ankündigung konnten L7 musikalisch immer noch überzeugen.

Homepage: www.rockenseine.com

 

17.-18.September Golden Leaves Festival in Darmstadt

Darmstadt – für Musikfans kann es Mitte September keinen besseren Ort in Deutschland geben, um in unaufgeregter Atmosphäre Musik zu hören. Die Macher legen in erster Linie Wert auf ein musikalisch hochkarätiges Lineup mit Liebe zum Detail. Alle Besucher müssen spätestens eine Stunde nach Einlass auf dem Gelände sein – jeder Musicact erhält so die gleiche Aufmerksamkeit. Das Motto „Spread Love for Great Music“ wird detailverliebt umgesetzt. Von diesem Konzept mit ca. 1000 Besuchern ließen sich in früheren Jahren schon international äußerst erfolgreiche Acts wie die Briten von Glass Animals, die britische Singer/Songwriterin Lucy Rose und die aus Hamburg stammenden Hundreds überzeugen.

Das Gelände: Die Location bleibt bis kurz vor dem Festival geheim. Die Tickets kann man sich entweder über eine Crowdfunding Kampagne sichern, oder man meldet sich für die Gästeliste an und wird im Losverfahren ausgewählt. Sicher ist nur: Die Bands spielen auf zwei Bühnen ohne zeitliche Überschneidungen. Wer dazwischen Hunger verspürt, kann sich sowohl als Vegetarier, Veganer und Fleischesser Diverses frisch zubereiten lassen und sich den Nachtisch am Eisstand ordern.

keomaDas Lineup: Im 5. Festivaljahr zeigt der Kölner Elektropopper Roosevelt sein Können, das Berliner Duo Me and my Drummer hat zugesagt genau wie die wunderbare Folkband Lanterns on the Lake aus Newcastle in England. Enno Bunger stellt seinen mittlerweile elektronisch geprägten Klavierpop vor und Keoma (Foto), das Zweitprojekt von Kat Frankie ist, mit dem sie beim deutschen Vorentscheid des Eurovision Song Context aufgetreten ist, ebenfalls dabei.

Geheimtipps: Jede Menge. Dass viele Bands noch nicht sonderlich bekannt sind, ist Konzept, schließlich sollen hier musikinteressierte Menschen auch gerne mal überrascht werden und neue Lieblingsacts entdecken.

Homepage: www.goldenleavesfestival.de/

 

Text Christiane Falk FOTO PR, Sziget Festival: Peter Kallo

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