KAPITEL
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In Love With … John Grant

Lieblingsmensch – in diesem Fall ein Lieblingsmann, da lande ich ohne Umwege bei John Grant. Nachdem der Amerikaner anfangs in der relativ unbekannten Band Czars gesungen hat, bringt er seit 2010 Alben unter seinem eigenen Namen heraus. Die Band Midlake hat beim Debüt mitmusiziert, Sinéad O’Connor auf seinem zweiten Album mitgesungen, diesmal ist u.a. Amanda Palmer von den Dresden Dolls mit von der Partie.

Kennengelernt habe ich Johns Musik durch meine Arbeit als Radiomoderatorin – irgendwann ist Johns Song „Marz“ in unserer Sendung gelandet. „Bittersweet strawberry marshmallow butterscotch. Polarbear cashew dixieland phosphate chocolate“ sind die ersten Zeilen daraus, unterlegt von einer lieblichen Klaviermelodie, die später von Streichern und Gitarren ergänzt wird. John singt von einer märchenhaften Welt auf dem Mars und nimmt mich damals wie heute mit an einen Ort, der  in Ton und Text so herrlich und friedvoll ist, wie sich die Realität selten zeigt.

Als ich John zum ersten Mal zum Interview traf, beeindruckte mich sofort, wie offen und ungeschönt er über sein Leben redet. Auf seinem neuesten Album sprechen Menschen aus verschiedenen Ländern einen Prolog. Es sind Zeilen aus der Bibel, aus dem Hohelied der Liebe: „Die Liebe ist langmütig, die Liebe ist gütig. Sie ereifert sich nicht, sie prahlt nicht, sie bläht sich nicht auf.“ Eine Definition von Liebe, die wahrscheinlich viele als Kinder in der Kirche beigebracht bekommen haben. Auch John. Mit acht oder neun lernte er zudem, dass es keine Liebe zwischen Gleichgeschlechtlichen geben dürfe. Das war falsch, sagte die Familie und alle anderen auch. Blöd nur, dass John sich trotzdem fortlaufend in seine besten Freunde verliebte. Die ewigen Schuldgefühle lösten viel in ihm aus. Alles, was er erlebte, was das Gegenteil von dem, was das Hohelied versprochen hatte. John wurde abhängig vom Alkohol, er schmiss massig Drogen ein. Statt an Liebe zu glauben, tröstete er sich mit Sex und damit, begehrt zu werden. Als er glaubte, seine Dämonen annährend besiegt zu haben, steckte er sich in einem schwachen Moment mit HIV an. Glücklicherweise hat die Erkrankung es nicht geschafft, ihn erneut emotional zu brechen, auch wenn er auf seinem zweiten Album diese dunkle Zeit thematisiert. Heutzutage wirkt John glücklicher als jemals zuvor. Er lebt mit seinem Freund auf Island und hat eine Lebenswelt gefunden, die es ihm möglich macht, inneren Frieden zu finden. Wenn ihn dann noch mal wieder die Wut oder Trauer packt, dann verarbeitet er sie in seinen Songs. Die neuen sind die aggressivsten, die er je geschrieben hat, weil er sich endlich zugesteht, diese Emotionen herauszulassen. Er haut dem Zuhörer eine Funk-Feule entgegen oder schreibt den langsamen Rocksong, den andere im Kitsch ertrinken lassen: „Ich war wochenlang zu schwach, um meine Wohnung zu verlassen. Ich werde nie verstehen, was im Mittleren Osten passiert. Und es gibt Kinder, die Krebs haben. Damit kann ich nicht konkurrieren“. Er macht Mut, weil er einerseits sagt: „Ja, nimm dir auch mal die Zeit, dich in deinem Luxusleiden zu suhlen“, aber dann sofort ergänzt: „Aber bitte nicht zu lange!“

John Grants aktuelles Album „Grey Tickles, Black Pressure” ist am 9. Oktober erschienen.

TEXT Christiane Falk FOTO xxx

In Love with… John Grant von Libertine Magazin auf Vimeo.

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