KAPITEL
Olga

Koksen mit der Mutter und Massenmord als Rache an der Gesellschaft – Frauenrollen auf der Berlinale 2016

Alles andere als weichgespült: Libertine Autorin Christiane war von einigen weiblichen Filmcharakteren auf der Berlinale besonders beeindruckt – hier kommen ihre fünf wichtigsten Empfehlungen.

„Já, Olga Hepnarová“

Nur im Gerichtssaal zieht Olga mal nicht an einer Zigarette. Es sind wenige Minuten, in denen sie den Blick grade aus auf ihr Gegenüber richtet und erklärt, dass sie schuldig sei. Ganz bewusst habe sie den LKW in die Menschenmenge gelenkt, um damit ihrem Hass auf die Gesellschaft Ausdruck zu verleihen. Die Kälte in der Familie, die Boshaftigkeiten anderer junger Mädchen und die Enttäuschungen in der Liebe mit anderen Frauen in der Liebe hätten sie zu diesem Akt der Zerstörung getrieben. Der „Prügelknabe“ sei sie gewesen, immer und immer wieder. Acht unschuldige Menschen sterben bei ihrer Amokfahrt, zahlreiche andere werden verletzt. Wenige Szenen später hängt die 23jährige am Galgen, während ihre Mutter, die Schwester und der Großvater am Tisch zu Hause die Suppe verteilen. „Já, Olga Hepnarová“ basiert auf einem wahren Fall, der letzten Frau, die in der Tschecheslowakei 1975 hingerichtet wurde. Die Polin Michalina Olszanska brilliert in dem schwarz-weiß gedrehten Film von Tomas Weinreb und Petr Kazda nicht nur in der Szene, in der sie als Angeklagte vor Gericht zur Klägerin wird.

„Lotte“

Eine Mutter, die mit Anfang 30 grade mal doppelt so alt ist wie ihre Tochter, bringt der bis dahin vernünftigen Schülerin, die beim Vater aufgewachsenen ist, so manches fürs Leben bei: Rauchen, Trinken und Rülpsen zum Beispiel. Die beiden lernen sich durch Zufall kennen, bis dahin und dann überraschenderweise auch darüber hinaus führt Lotte ein rastloses Leben – zwar mit festem Job als Krankenschwester, ansonsten aber rastlos, was Partner, Wohnung und Zukunftspläne angeht. Nachwuchsregisseur Julius Schultheiß hat sich eine unkonventionelle Frauenfigur für seinen Film „Lotte“ ausgedacht und diese mit Karin Hanczweski perfekt besetzt. Die Berlinerin ist demnächst auch als eine der drei neuen Tatort-Kommissarinnen aus Dresden zu sehen. Das Libertine-Interview mit ihr unter http://libertine-mag.com/cult-fashion/lotte-ist-nicht-wirklich-greifbar-sie-hat-fast-schon-etwas-animalisches/

„A quiet Passion“

Es mag pervers klingen, aber gut möglich, dass Emily heutzutage das Internet für Emails und Tweets genutzt hätte“, sagt die durch „Sex And The City“ bekannt gewordene Schauspielerin Cynthia Nixon über die amerikanische Autorin Emily Dickinson, deren Figur sie in dem Biopic „A quiet passion“ von Terence Davies verkörpert. Die amerikanische Dichterin und Autorin starb 1886, nachdem sie nur sehr selten das elterliche Haus verlassen hatte. Tagsüber tauschte sie sich am liebsten mit ihren Angehörigen und der Nachbarin ausgetauscht, um nachts in aller Ruhe zu schreiben. Nixon mag Recht haben, genau so ein Typ Frau säße heute wohl zu Hause und würde über soziale Netzwerke in die Außenwelt eintauchen. Mit Perücke und in opulenten Kostümen steckend, erkennt man die Anwältin aus Sex And The City erst auf den zweiten Blick, verfolgt dann aber begeistert ihr facettenreiches Spiel.

„Kate spielt Christine“

Über 40 Jahre ist der Selbstmord der Amerikanerin Christine Chubbuck her. Die 29jährige Fernsehmoderatorin eines Senders in Florida erschoss sich vor laufender Kamera. Wäre die Tragödie in Zeiten des Internets geschehen, hätte das Geschehene sicher innerhalb weniger Minuten über die ganze Welt verbreitet. Weil das einzige Band aber bis heute unter Verschluss gehalten wird, geriet der Fall selbst unter TV-Machern in Vergessenheit. Für die experimentellen Doku „Kate spielt Christine“ begleitet das Filmteam um Robert Greene die Schauspielerin Kate Lyn Sheil bei ihren Recherchen. Sie soll die Moderatorin spielen, sucht in Seragosa die Orte auf, an denen Christine gelebt und gearbeitet hat, spricht mit Arbeitskollegen und versucht herauszufinden, was zu diesem Selbstmord geführt hat. Sheil, die neben Indiefilm-Projekten auch in der zweiten und dritten Staffel der Netflix-Serie „House of Cards“ zu sehen war, überzeugt und verwirrt – spielt sie sich selbst in diesem Film im Film oder doch nur eine Rolle?

 „Maggie´s Plan“

In Rebecca Millers Verfilmung „Maggie´s Plan“ bestechen mit Julianne Moore und Greta Gerwig gleich zwei Frauen. Moore spielt die intellektuelle Dänin Georgette, die ihrem Mann (Ethan Hawke) haushoch überlegen ist und für den Job gerne auch die zwei Kinder vernachlässigt. Gerwig spielt die liebenswürdige Mittdreißigerin Maggie, die sich als beziehungsunfähig bezeichnet, aber unbedingt ein Kind möchte. Bevor es zur Samenspende durch einen alten Schulfreund kommt, taucht John auf, der Georgette verlässt und mit seinen beiden Kindern mit Maggie und dem Neugeborenen eine neue Familie gründet. Der Entscheider über das persönliche Schicksal ist aber nicht er, sondern Maggie, die mit seiner Exfrau einen Plan ausheckt, so dass am Ende ein neues Familiengefüge entsteht.

Maggie's Plan

TEXT Christiane Falk FOTO Black Balance (Já, Olga Hepnarová), Johan Voets (A Quiet Passion), Jon Pack © Hall Monitor, Inc. (Maggie´s Plan)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *