KAPITEL
Lotte

„Lotte ist nicht wirklich greifbar, sie hat fast schon etwas Animalisches.“

Als zukünftige Tatort-Kommissarin geht Karin Hanczewski (34, Berlin) demnächst auf Verbrecherjagd. In „Lotte“, ein Newcomerfilm, der durch Crowdfunding finanziert wurde und in der Reihe „Perspektive Deutsches Kino“ auf der Berlinale lief, ist sie in einer gänzlich anderen Rolle zu sehen. Libertine-Autorin Christiane Falk hat sich mit der Schauspielerin über die ungewöhnliche Frau unterhalten, die sie in dem Film verkörpert.

Christiane: Die Figur der Lotte, die Du spielst, ist Anfang 30, eine rastlose Person, die durch Berlin streift und trotz Job keinen festen Wohnsitz hat, stattdessen mal hier mal da schläft. Soweit noch nicht ungewöhnlich, doch plötzlich taucht ihre halb so alte Tochter in ihrem Leben auf, und ich konnte mich an keinen deutschen Film erinnern, in dem sich eine Mutter so verhält wie Lotte.

Karin: Mir wurde jetzt mehrmals gesagt, Lotte habe ein sehr männliches Verhalten. Das finde ich nicht, aber sie ist ein wirklich ungewöhnlicher Frauentypus. Sie hat ihr Kind weggegeben, der Zuschauer erfährt nicht, warum. Ich habe selten eine Frau wie sie gesehen, die überhaupt nicht weiß, wie sie mit ihrem Kind umgehen soll. Sie macht fast alles falsch, nimmt sie auf Partys mit, animiert sie zum Drogen nehmen – bei so was fasst sich jeder halbwegs sozialisierte Mensch an den Kopf. Lotte ist nicht wirklich greifbar, sie hat fast schon was Animalisches. Ich hätte die Rolle nicht spielen können, wäre ich nicht sicher gewesen, dass sie im Inneren sehr verletzlich ist. In einer Szene stellt sie ihr Kind vor die Wahl, ob es beim Vater bleibt oder zu ihr kommt. Aber eigentlich entscheidet sie selbst und reißt die Tochter impulsiv vom Vater weg.

Christiane: Du sagst, Lotte ist die intensivste Figur, die Du bislang gespielt hast. Sie entwickelt sich im Laufe des Films, aber nicht so schnell, wie das für einen Hollywoodfilm typisch wäre, sondern mehr so im Kleinen.

Karin: Es geht darum, wie sie sich die beiden, Mutter und Tochter durch ihre Begegnung verändern. Mir war da ganz wichtig, dass Lotte an einen Punkt kommen muss, an dem sie ihr bisheriges Verhalten so nicht mehr durchziehen kann. Es gab mal eine Drehbuchversion ohne großen Konfliktpunkt bei Lotte. Ich meinte dann zum Regisseur, dass mich die Figur dann nicht interessiert, sie muss am Ende anders sein als zu Beginn des Films.

Christiane: Du konntest also direkten Einfluss nehmen auf die Figur?

Karin: In diesem Film glücklicherweise ja. Der Regisseur kam schon ein Jahr vor Drehbeginn auf mich zu und meinte, er würde mich für die Rolle gerne haben. Er hatte zu dem Zeitpunkt nur ein paar Szenen, aber ich fand seine Ideen gut und die Figur spannend. Er setzte sich dann hin, schrieb los, und wir waren im ständigen Diskurs. Ich hab noch drei Monate vor Drehbeginn immer wieder gefragt, warum sich Lotte so oder so verhält, weil ich die Rolle verstehen und sie mit Leben füllen wollte. Wir haben nächtelang telefoniert und uns ausgetauscht.

Christiane: Durch den Film habe ich auch über Rollenverhältnisse von Müttern und Töchtern nachgedacht. Sollten Mütter wie Freundinnen sein oder eben grade nicht?

Karin: In meinen Leben wollte ich das nie, ich hab meine Eltern bislang nie mit zu Partys genommen und fand das auch bei anderen verwunderlich. Ich möchte die nicht betrunken sehen. Im Film passt es eher zusammen, weil Mutter und Tochter vom Alter her nicht so weit auseinander liegen. Ich habe auch mit meiner Filmtochter durch die gemeinsamen Drehtage eine sehr schöne Beziehung aufgebaut. Sie ist 19, studiert Bio-Chemie und klar weiß ich, dass ich die Ältere bin und sie das Küken, aber wir sind uns trotzdem in Sprache und Verhalten nahe genug, um miteinander rumspaßen zu könne. Auch in meiner Rolle als Tatort-Kommissarin in Dresden spiele ich demnächst wieder eine Mutter.

Christiane: Welche Filmprojekte stehen dieses Jahr noch bei Dir an?

Karin: Neben dem bereits abgedrehten Tatort stehen noch zwei weitere an. Dann schreibt Tom Sommerlatte, bei dem ich schon „Im Sommer wohnt er unten“ mitgespielt habe, an einem neuen Drehbuch. Da bin ich auch diesmal wieder dabei.

 

Foto: © Martin Neumeyer

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