KAPITEL
Barash Presse 03

Filmkunst jenseits des Mainstreams

Feministische und queere Geschichten auf der Leinwand — das Team der Lesbisch Schwulen Filmtage hat für Libertine die Highlights des Kinoherbstes zusammengetragen.

KIKI (SCHWEDEN)

25 Jahre nach Jennie Livingstons Kult-Dokumentarfilm »Paris is Burning« bringt uns »Kiki« die Welt der heutigen jungen black LGBT-Community in New York City nahe. Die Regisseurin Sara Jordenö wirft gemeinsam mit Kiki-Gatekeeper Twiggy Pucci kiki02Garçon einen Blick auf die Bälle, bei denen die Teilnehmenden in Voguing-Wettbewerben um Trophäen kämpfen, und lässt deren Protagonisten über ihre Wünsche und ihren Alltag berichten. Die Bälle entstehen inzwischen weniger aus der Subkultur heraus, sondern werden von queeren Jugendhilfeprogrammen organisiert. Wie ihre Vorgänger erschaffen sie sich selbstgewählte Familien innerhalb eines Netz werkes von Ballroom-Häusern und demonstrieren einen starken Zusammenhalt.

Es fällt auf, wie aufgeklärt die Jugendlichen genderpolitische Fragen diskutieren. Auch wenn das Coming-Out für einige heute leichter zu sein scheint, bringt Co-Autor Twiggy Pucci Garçon es auf den Punkt, wenn er daran erinnert, dass es noch viel zu kämpfen gibt. »Kiki« wurde auf der diesjährigen Berlinale mit dem queeren Teddy-Award als beste Dokumentation ausgezeichnet. Auch der QueerScope-Debütfilmpreis der deutschen queeren Filmfestivals ging zum ersten Mal an den Film der schwedischen Regisseurin.

Im Kino: Lesbisch Schwule Filmtage Hamburg: 18.10.2016, Eröffnungsgala mit anschließender Filmvorführung auf Kampnagel

OVARIAN PSYCHOS (USA)

Sie treffen sich nachts in den Straßen von Los Angeles. Sie haben Räder und sie sind viele. In der Gruppe befahren sie Wege, die sie alleine nicht nehmen würden. Die Ovarian Psychos sind Frauen* of color, Aktivist*innen, die meisten aus East Los Angeles ovarian_psycos_1und anderen Vierteln der Arbeiterklasse. Im urbanen Raum sichtbar werden sie gemeinsam auf ihren Fahrrädern. Sie entgegnen der Gewalt, die einige von ihnen erlebt haben. Auf der Straße und zu Hause setzen sie ein Zeichen gegen Vereinzelung und die Gentrifizierung ihrer Communities.

Xela de la X, die Gründerin der Psychos, kämpft darum, ihren Aufgaben als Aktivistin und Mutter gerecht zu werden. Wenn Evie mit ihrem Fahrrad unterwegs ist, wird sie angestarrt. Die Radkultur wird von weißen Männern der oberen Mittelschicht dominiert. We niger als eine von fünf Radfahrenden in L.A. ist eine Frau. Women Make Movies, eine non-kommerzielle feministische Medienkunst-Organisation aus New York City, hat den Dokumentarfilm von Joanna Sokolowski produziert.

Im Kino: Lesbisch Schwule Filmtage Hamburg: 20.10.2016, 22:15 Uhr, Passage-Kino

LIBERTINE präsentiert:

BARASH (ISRAEL)

Die 17-jährige Naama Barash lebt mit ihrer Familie in der Nähe von Tel Aviv. Eines Tages taucht Dana in der Schule auf: blond, wunderschön und wilder als alle anderen. Sie zeigt Naama, wie Mädchen sich küssen und nimmt sie mit zu den verbotenen barash_presse_06Partys. Naama rasiert sich für ihren Schwarm sogar die Haare ab. Doch Dana lässt sich nicht festnageln. Währenddessen ist Naamas Schwester Liora von der Basis verschwunden, auf der sie gerade ihren Militärdienst leistet. Und es gibt Gerüchte, Liora sei mit einem Araber zusammen.

Wen und wie die Barash-Schwestern lieben, stellt den Zusammenhalt innerhalb ihrer Familie auf eine harte Probe. Michal Vinik erzählt in seinem sinnlichen Regiedebüt von erster Liebe, Liebeskummer und der Suche nach dem eigenen Ich – und stellt die Frage, wie frei man als junge Frau im heutigen Israel leben kann. Für sein vielschichtiges Drehbuch und seine hinreißenden Nachwuchsdarstellerinnen wurde »Barash« auf dem Internationalen Filmfestival Haifa mit gleich drei Preisen aus gezeichnet.

Im Kino: Lesbisch Schwule Filmtage Hamburg: 22.10.2016, 20:30 Uhr, Passage-Kino

ALICE UND DAS MEER (FRANKREICH)

Alice heuert als Mechanikerin auf einem Frachtschiff an, während ihr Freund auf dem Festland zurückbleibt. In ihrer Kabine findet sie das Notizbuch ihres Vorgängers, in dem das besondere Gefühl von Glück und Traurigkeit eines Lebens auf hoher See beschrieben wird, das auch Alice spürt. Ihr Alltag an Bord gestaltet sich nicht gerade einfach, ist doch der Erste Offizier ausgerechnet ihre große Liebe aus vergangenen Zeiten. Alice merkt, hin- und hergerissen von ihren Gefühlen, dass selbst die Weiten und die Freiheit des Meeres ihre Grenzen haben.

In ihrem unaufgeregt erzählten Spielfilmdebüt entwirft Lucie Borleteau den gesellschaftlichen Mikrokosmos auf einem Containerschiff, einer männlich dominierten Welt, in der Alice sich als einzige Frau an Bord auf unterschiedlichsten Ebenen behaupten muss. Problematisch wird dies insbesondere, sobald sie als sexuell selbstbestimmte Person auftritt und so die Ebene einer geschlechtsneutralen Kollegin verlässt.

Im Kino: seit 22.09.2016

BAD MOMS (USA)

Amy (Mila Kunis) steckt fest im Alltagsstress: Als junge Mutter versucht sie, Karriere und Familie zu vereinbaren. Das ist nicht so badmoms02einfach und als sie dann auch noch ihren Mann, der ohnehin keine große Hilfe beim Hüten der Kinder ist, beim Betrügen erwischt, platzt ihr der Kra gen. Aus der braven Ehefrau wird eine »Bad Mom«. Sie setzt ihren untreuen Gatten vor die Tür und kommt gemeinsam mit zwei anderen Müttern, der frivolen Carla (Kathryn Hahn) und der braven Kiki (Kristen Bell), auf den Geschmack der Freiheit: Zwischen herrlichem Slapstick und schlüpfrigen Gags schimmert hier latent auch die Realität hervor, in Form der absurden Zwänge des Mutterseins und seiner kaum erfüllbaren Normen. Die scheinbare Freiheit, einer Erwerbstätigkeit nachzugehen, hat Mutterschaft auch komplizierter gemacht, was v.a. einem Arbeitsmarkt geschuldet ist, der die Doppelbelastung zahlreicher Frauen ignoriert. In »Bad Moms« stehen drei Frauen im Mittelpunkt, die einem Ideal nach Perfektion nicht mehr hinterherzurennen versuchen, sondern sich in erster Linie wieder um sich selbst kümmern wollen. Ein Moment emanzipatorischen Empowerments im Blockbusterkino.

Im Kino: seit 22.09. 2016

Das komplette Programm der Lesbisch Schwulen Filmtage Hamburg findet ihr unter www.lsf-hambug.de

Text: Aileen Pinkert (LSF Hamburg)

Fotos: Ovarian Psychos: Women make Movies; Barash: Salzgeber; Kiki: Films Boutique; Bad Moms: Tobis Film; Alice und das Meer: Film Kino Tex

 

 

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