KAPITEL
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Verlosung: Margarete Stokowski – „Untenrum frei“

In ihrem Buch „Untenrum frei“ wagt die Autorin und Kolumnistin Margarete Stokowski einen Rundumschlag: In sieben politisch-feministischen Essays stellt sie die Frage nach dem Zusammenhang von Sex und Macht. Können wir im Kleinen frei sein, wenn wir es im Großen nicht sind? Wir finden: Ein wunderbar provokantes und befreiendes Buch.

Als kleines Mädchen fällt Margarete Stokowski ungeschickt mit dem Fahrrad hin und verletzt sich zwischen den Beinen. Ihrer Mutter sagt sie davon nichts und leidet still. Warum? Weil sie für dieses Untenrum kein Wort hat, und was man nicht benennen kann, darüber kann man auch nicht sprechen. Dies ist die Geschichte, mit der Margarete Stokowski ihr Buch „Untenrum frei“ beginnt. Eine erste Erfahrung mit Scham und mit den Regeln, die für Frauen gelten.

Warum wir über das Untenrum nicht sprechen? Weil wir über das Obenrum nicht sprechen, so die These von Margarete Stokowski. „Wir können untenrum nicht frei sein, solange wir obenrum nicht frei sind, und umgekehrt.“ „Obenrum“, das bezeichnet unser Verständnis von uns selbst und den anderen, geprägt durch die Machtstrukturen, die noch immer in der Gesellschaft herrschen und die sich deutlich beispielsweise in den Rollenerwartungen an junge Mädchen niederschlagen oder in der Wahrnehmung von Frauen, die in der Öffentlichkeit stehen, oder aber in der Darstellung von Frauen in der Werbung. Solange wir hier oben nicht aufräumen, die verstaubten Stuben auskehren, uns befreien, werden wir auch „untenrum“ nicht frei sein können.

Frau. Sex. Macht

Wer jetzt sagt: „Wieso? Wir sind doch frei! Gab es da nicht mal diese sexuelle Revolution?“, lese dieses Buch. Denn es zeigt auf, wie weit wir tatsächlich noch von der Geschlechtergerechtigkeit entfernt sind und wie pervertiert die Errungenschaften der 60er und 70er Jahre heute in Erscheinung treten. Margarete Stokowski legt die Karten (oder besser gesagt die Belege) auf den Tisch: Wir sind heute sexuell offener, ja, aber umgeben sind wir nicht von Sex, sondern „was wir in den Medien oder in der Öffentlichkeit sehen … sind in den allermeisten Fällen nackte oder halbnackte Frauenkörper.“ Sie sollen Sex symbolisieren und verheißen und damit Autos und Kartoffelsalat verkaufen. Wieso ‚sex sells‘ allerdings nur für Frauen gilt, ist hier die Frage. Wären wir wirklich obenrum frei, müssten wir mindestens ebenso viele nackte Männer in der Werbung sehen. Aber, so Stokowski: „Die Autovermietung, die zu Werbezwecken einen jungen Mann lasziv an einer Kühlerhaube knabbern lässt, muss wohl erst noch gegründet werden.“

Ähnlich verhält es sich mit der Wahrnehmung von Frauen in Machtpositionen. Wieso war das Erste, was wir von der neuen britischen Ministerpräsidentin Theresa May gesehen haben, ihre Schuhe im Leopardenprint? Wann haben wir denn wohl zum letzten Mal die Schuhe von Joachim Gauck in Nahaufnahme gesehen? Wann wurde Thomas De Maizière anhand seines Aussehens bewertet? Wären wir wirklich obenrum frei, könnten wir uns dann nicht den Kommentar verkneifen, wann immer Kanzlerin Angela Merkel etwas anderes trägt als ihren neutralen „entsexualisierten“ Hosenanzug?

U1_978-3-498-06439-6.inddSo und anders räumt Margarete Stokowski in ihrem Buch mit dem Status Quo auf. Wenn die ehemalige taz.- und heutige Spiegel online-Kolumnistin in ihrer Argumentation Schicht um Schicht die Zusammenhänge zwischen Macht und Sex entblättert, sich dabei Querverweise auf Simone de Beauvoir, Michel Foucault oder Susan Sontag leistet, dann ist das nicht nur erhellend und wirklich lehrreich. Nein, das macht auch noch richtig Spaß. Denn Margarete Stokowski versteht ihr Handwerk: Sie schreibt wortgewaltig und witzig in ihrem lockeren, teilweise rotzigen  Ton und fordert die (gleichaltrigen) Leser*innen auf, sich noch einmal in ihre eigene Jugend in den 90er Jahren zu versetzen – zwischen Polly Pocket und Power Rangers, Hanson Brothers und Spice Girls, erster Liebe und erster Diskriminierung. Gleichzeitig ist das Buch erschütternd und rührend, gerade weil die Geschichten aus Stokowskis Leben, ihre eigenen Aha- und WTF-Momente – und ja, leider auch die leidvollen Situationen – so nah an unserem eigenen Erleben liegen.

Das Obenrum wirkt immer untenrum

Gerade diese Verknüpfung von persönlichen Momenten mit dem großen überbordenden Ganzen sowie der Wechsel zwischen plauderndem und nüchternem Ton machen den Charme des Buches aus. Schlaglichtartig beleuchtet Stokowski ihr eigenes Leben und Erleben, beobachtet und hinterfragt sich selbst und zeigt, „wie sich schon in unserer Kindheit Muster einschleichen können, die uns einschränken und die wir wieder loswerden müssen, sobald wir gesehen haben, dass das Leben kein Disneyfilm ist.“ Dass ihr Bruder ein eigenes Zimmer hatte, während sie und ihre Schwester sich ein Zimmer teilen mussten, war das schon Sexismus? Und dass der Vater eins hatte und die Mutter keins? Ein eigenes Zimmer pro Penis? Dass sie in der Grundschule unbedingt schön und fürsorglich sein wollte. War das sie selbst? Oder war das schon Rolle?

Sie erzählt, wie es ist, in ein binäres System hineinzuwachsen, gegendert zu werden: wie sie im Kindergarten ihre Stimme verstellt, bis sie unnatürlich hoch klingt, um nicht mit einem Jungen verwechselt zu werden. Wie sie sich bei einer Freundin, die ein Fan der Ninja Turtles ist, denkt: “Nun ja, Lina will halt ein Junge sein, blöd gelaufen bei ihr“, anstatt sich zu fragen, ob es nicht vielleicht verschiedene Möglichkeiten gibt, die Mädchenrolle zu spielen. Und sie berichtet, wie das Erlernen dieser Muster sich nachteilig ausgewirkt hat: Im Laufe ihres Lebens wird aus dem Schweigen nach dem Fahrradsturz ein Schweigen über eine Vergewaltigung werden. Die Suche nach Kontrolle über das eigene Leben wird zu Essstörungen und Selbstverletzungen führen. Auch gesellschaftliche Umstände werden sie zum Schweigen bringen: Einmal zeigt Margarete Stokowski einen Mann an, der sie nachts auf dem Heimweg sexuell bedrängt hat. Sie hat die Stimme erhoben, nicht geschwiegen. Zwei Monate später erhält sie einen Brief, die Strafverfolgung – übrigens wegen Beleidigung (!) – wird eingestellt.

So ist die Biographie der Autorin, die sie in einen größeren philosophischen, politischen, gesellschaftlichen Zusammenhang einbettet, nur eine von vielen, die durch eine bestimmte Verteilung von Macht nicht nur abstrakt, sondern ganz konkret bestimmt werden. Margarete Stokowski hat ein absolut lesenswertes und wichtiges Buch geschrieben, das nicht als Manifest bezeichnet werden möchte, es aber doch irgendwo ist. Denn es geht uns alle nicht nur „untenrum“ an.

Und noch ein Kindheitserlebnis hat sich in Margarete Stokowski eingebrannt: das eine Mal, als sie eine Strumpfhose anziehen soll, das aber partout nicht will. Sie schreit ihre Großmutter an: „Nein, Oma! Jeder bestimmt über sich selbst!“ Sie wünschte, sie hätte sich damals „nicht mehr so sehr entwickelt“, resümiert Stokowski in ihrem Buch, „denn genau das ist heute wieder meine Haltung. Zwischendurch hatte ich sie leider vergessen.“

Wir verlosen 3 x 1 Exemplar von »Untenrum frei«. Einfach bis 30. November eine Email mit dem Betreff „Untenrum frei“ an gewinnspiel@libertine-mag.com schicken. Viel Glück!

Margarete Stokowski: „Untenrum frei“. Rowohlt, Reinbek. 256 Seiten, 19,95 Euro.

Text: Mae Becker

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