KAPITEL
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Unerwartet queer: der Tango Argentino

Der Tango Argentino, ein als verrucht und romantisch geltender Tanz, ist typischerweise mit starken, dunklen Männern und langgliedrigen, verführerischen Frauen verbunden, die salopp gesagt Sex in Tanzform“ ausüben. Oder, wie es in einem altbekannten Reim heißt: „El hombre conduce, la mujer seduce“ (Der Mann führt, die Frau verführt.). Aus dieser weit verbreiteten Perspektive scheint der sich rasant und weltweit verbreitende „Queer Tango“ – bei dem gleichgeschlechtliche Partner in aufgelösten Rollen tanzen – als eine Revolution, ein Aufbruch traditioneller Geschlechterrollen in einem als so heteronorm wahrgenommenen Tanz, der laut Volksmund in den Bordellen Buenos Aires‘ entstand.

Doch wer einmal anfängt, die Geschichte des Tangos zu recherchieren, muss verblüfft feststellen, dass der Tango zuallererst ausschließlich zwischen Männern getanzt wurde. Der genaue Ursprung des Tangos ist umstritten. Die ersten veröffentlichten Tangokompositionen lassen sich bis in die 1870er zurückdatieren, was darauf hindeutet, dass der Tanz zu einer Zeit entstand, als die argentinische Gesellschaft überwiegend männlich war. Eine Hungersnot in Europa und ein Appell der argentinischen Regierung nach ‚begabten‘ Immigranten hatte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts tausende Familien Europas und Afrikas dazu gebracht, ihre Söhne in die neue Welt zu schicken, um Geld zu verdienen, und diese Einwanderungswellen schufen in Buenos Aires eine schiefe Geschlechterbilanz. „Es gab eine viel größere Bevölkerung junger Männern als Frauen“, sagt Daniel Trenner, ein Tangoexperte, der Vorträge über das Thema am Mt. Holyoke College in Massachusetts hält. Die Männer lebten zusammen in kleinen Wohnungen und einer der wenigen Orte, an denen sie hoffen konnten, eine junge Frau zu treffen, war eine Tanzveranstaltung. Aber die Konkurrenz war heftig, sagt Trenner, also „hat niemand gewagt mit einem Mädchen zu tanzen, der nicht schon ein guter Tänzer war.“ Darum übten Männer zusammen, perfektionierten ihre Polkas und Walzer, damit sie eine Frau beeindrucken konnten. Es scheint also, dass der Tango nicht in Bordellen, sondern in den Mietshäusern begann.

Gleichgeschlechtlicher Tango als Norm

Trenner betont, dass es keine Beweise für die Bordellentstehungslegende gibt. „Historische Forschung zeigt, dass Bordelle in Buenos Aires in den 1880er Jahren nicht anders waren als z.B. Bordelle in Bombay. Frauen kamen nur, um ihre bezahlte Tätigkeit auszuüben, es gab keinen Platz für Geselligkeit und Tanz“, erklärt Trenner. Obwohl Männer anfingen, Tango mit einem Blick auf Frauen zu tanzen, ist es unbestreitbar, dass es eine „halbgeheime“ schwule Kultur gab. Es gab gewisse Tänzer, die als gut Folgende  – also im klassischen Frauenpart  – berühmt waren, und die nicht mit Frauen tanzten. Diese Männer wurden von anderen Männern als bevorzugte Partner umkämpft“, sagt Trenner. Es gab ein unbeständiges, queeres Element der männlichen Praxis.“ Manche Männer tanzten also nicht nur aus Not zusammen, sondern fanden durchaus Gefallen daran. Zunächst war Tango in den oberen Schichten nicht nur wegen der gleichgeschlechtlichen Tänzer, sondern auch aufgrund seiner afrikanischen Einflüsse und klar sexuellen Konnotationen als skandalöser Tanz verschrien. Aber diejenigen, die den Tanz für sich entdeckten, erkannten in ihm den Ausdruck einer neuen, starken argentinischeren Kultur und Identität.

Die erste Tangofotografie, erschienen 1903 im "Caras y Caretas"

Die erste Tangofotografie, erschienen 1903 im „Caras y Caretas“

Die Erfindung des Radios und die Einführung des Tangos in die Künstlerszene von Paris machten den Tango schließlich in Europa und Nord- und Südamerika salonfähig. Über die Jahrzehnte setzte sich die Tradition der Männer, die den Tanz zusammen lernten, fort, mit Vätern, die ihren Söhnen die komplexen Schritte lehrten. Die Anthropologin Julie Taylor erklärt, dass die Väter es für ihre kulturelle Pflicht hielten, die Tradition des Tangos weiterzugeben. „Sie haben verstanden, dass dies ein argentinischer Tanz war“, fügt sie hinzu.

Dies wurde in den 1940er Jahren verfestigt, das goldene Zeitalter des Tangos, als der Tanz seinen Zenit erreichte und zum Gipfel des gesellschaftlichen Lebens in Buenos Aires wurde. Während der Rest der Welt sich im Krieg befand, war Buenos Aires kulturell lebendig und die Tango-Szene war ähnlich wie die Hip-Hop-Szene in New York“, berichtet Trenner, „es war populäre Gangsterkultur.“ Aber obwohl Männer und Frauen bei gesellschaftlichen Ereignissen, sogenannten Milongas, zusammen tanzten, war ein Großteil der Gesellschaft immer noch konservativ und trennte die Geschlechter, nicht zuletzt wegen der starken Körpernähe des Tanzes. Tango erlernen konnte man also oft immer nur noch mit einem gleichgeschlechtlichen Partner. So überrascht es nicht, dass viele Fotos gleichgeschlechtliche Paare bei „Practicas“, also Übungstänzen, zeigen, vielmehr jedoch, dass das allererste Foto, das einen Tango einfängt, zwei Männer zusammen tanzend darstellt  – veröffentlicht im Jahre 1903 im damals populärsten Magazin Buenos Aires „Caras y Caretas“. Ebenso erstaunt, dass die allererste Tango Show 1920 zwei Frauen als Hauptpaar einsetzte. Gleichgeschlechtlicher Tango fand also  zum Ärger konservativer Fans des Tangos – durchaus von Anfang an auch aus Vergnügen und Begeisterung statt. Taylor verweist auf ein berühmtes Foto von Metzgern auf der Straße, die zusammen in Tangoposition stehen. Das Foto reflektiert Macht und Identität, sagt Taylor. Es ist ein kraftvolles Foto und eine kraftvolle Haltung.“

Für weibliche Paare wurde es vor allem in Paris um 1910 interessant.

Während der Tanz in seiner Heimat noch von großen Teilen der Gesellschaft verachtet wurde, traf er bei den Bohemiens und reichen lateinamerikanischen Einwanderern in Paris auf große Begeisterung. In sogenannten „Tes Dansants“ durften Frauen ihre PartnerInnen selber wählen – Frauen wie Männer. Sie tendierten oft dazu, Frauen zu wählen und in den spanischsprachigen (hochinteressanten, doch inzwischen vergessenen) Pariser Zeitschriften „Elegancias“ und „La Vie Parisienne“ und auf Postkarten der französischen Künstlerin Suzanne Meunier dieser Zeit findet man mit Vorliebe erotische, aber auch verspielte und fröhliche Darstellungen von Frauen, die zusammen Tango tanzen; stets stilvoll und elegant gekleidet.

Kritik und einziehender Konservatismus

Argentinier wie der berühmte Journalist Lugones und konservative Tangokritiker wie der schottische Schriftsteller Robert Cunningham Graham sahen diesen Szenen weiblicher Freiheit und Dominanz mit Entsetzen zu: „Damen boten durch die Schlitze ihrer Röcke einen flüchtigen Vintage-ladies-dancing-the-tango-1920Blick auf ihre Beine. Dadurch, ohne das Wahlrecht zu brauchen, versuchen sie zu zeigen, dass sie den anwesenden Männern in Freiheit gleichgestellt sind. […] Lesbierinnen hatten ihre Legionen geschickt und Frauen tauschten intelligente Blicke aus […] Die Farben ihrer Wangen röteten sich, wenn ihre Augen sich unerwartet mit denen einer anderen Priesterin des geheimen Kults trafen“, schrieb Mr. Graham in einem kritischen Artikel in 1914, offensichtlich schwer überfordert von Frauen, die so ungeniert den Tango genossen.

Die Tradition der Männer, die zusammen Tango praktizierten, setzte sich währenddessen bis in die 1950er Jahre in Argentinien fort, was bedeutet, dass männliche Paare die Norm für ein gesamtes Jahrhundert waren. Mitte der fünfziger Jahre brach jedoch die argentinische Wirtschaft zusammen und das Land ging durch 30 Jahre Korruption und Unterdrückung. Gesellschaftliche Veranstaltungen und mit ihnen der Tango wurden unterdrückt. Als der Tango langsam zurückkehrte, Mitte der 1980er Jahre, lehnte der Feminismus die Geschlechtertrennung ab und ermutigte Frauen, neben Männern zu üben. „So hatte man in der modernen Wiederbelebung des Tangos plötzlich Männer, die Frauen auch während der Practicas im Namen des Feminismus führten. Das war ironischerweise wirklich weit von der Tradition entfernt „, sagt Trenner. So ist also der als innovativ geltende Queer Tango in Wirklichkeit eine Rückkehr zu den Ursprüngen des Tanzes, in einem einzigartigen kulturellen Zirkelschluss.

Responder  das aktive Folgen

Doch auch abgesehen vom gleichgeschlechtlichen Tango, waren die Rollen im Tango niemals so aktiv und passiv definiert, wie es heute oft behauptet wird. Denn obwohl es klare Rollen des „Führenden“ und des „Folgenden“ gibt, ist die Macht des Führenden durchaus eingeschränkt und unterliegt der Interpretation des Folgenden. Während Standardtänze durch festgelegte Schrittfolgen definiert sind, wird der Tango Argentino in völliger Improvisation getanzt; er kennt nur Elemente, die frei kombinierbar sind. Jeder Schritt ist eine neue Entscheidung und ein Wechselspiel von Führenden und Folgenden. Dieses Wechselspiel heißt im Spanischen ‚Marcar y responder‘ (zeichengeben und antworten“).  Ohne klare Signale von Seiten des/der Führenden kann der/die Folgende nicht antworten, sich nicht entfalten. Diese Führungssignale sind als invitio, als „Einladung“ zu verstehen: geht der/die Folgende (meist die Frau) nicht darauf ein – und es ist ihre Entscheidung  so muss der/die geschickte Führende für Zuschauer unbemerkbar sofort eine andere Bewegungsfolge vorschlagen. Die Folgenden verfügen außerdem über Elemente, die nur sie ausführen können, sogenannte „Ornamentes“, Dekorationen, die den Führenden zum Innehalten zwingen und damit den Tanz ebenfalls bestimmen.

Wenn der argentinische Tango also auch immer noch als heteronomer Tanz gilt, in dem die Frauen- und Männerrolle klar definiert ist und der hauptsächlich in gemischten Paaren getanzt wird, so ist er doch seit seinen Ursprüngen und durch die Geschichte hindurch ein Tanz, der festgelegte Rollen und Konventionen angreift und auflöst, und der Frauen mehr Bedeutung und Freiheit erlaubt, als in jedem anderen Paartanz. Man darf also die weitere Entwicklung und Wiederentdeckung dieses einzigartigen Tanzes, des Tango Argentino, mit Spannung erwarten.

Text: Roxane Llanque Fotos: Dr. Ray Batchelor

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