KAPITEL
IMG 20170517 WA0008

Die Zukunft ist ein alter Hut

Tag gegen die Homophobie. Klaus Wowereit kommt auf die Bühne eines sonnenerstrahlten Pariser Platzes vor dem Hintergrund des Brandenburger Tors. Der Moderator versucht sofort, ihn dazu zu bringen, seinen berühmtesten Satz zu posaunen (nein, wir werden ihn jetzt nicht nennen). Der ehemalige Bürgermeister Berlins ist sichtlich unwillig. Er scheint der vielen alten Phrasen müde zu sein, denn genau das überschattet den diesjährigen Tag gegen die Homophobie.

Dabei konnte man sich über so vieles freuen; das Wetter war mittsommerlich, das Publikum wohlgesonnen, über den Teich hinweg feierte man euphorisch, dass Chelsea Manning, eine der berühmten Wikileaks Whistleblower, endlich freigelassen wird. Und endlich, endlich werden die 5000 überlebenden Männer die in Deutschland unter §175 für Homosexualität verurteilt wurden, rehabilitiert.

Ein kurzer Rückblick: Der §175 des deutschen Strafgesetzbuches war vom 1. Januar 1872 bis zum 11. Juni 1994 in Kraft. Er stellte sexuelle Handlungen zwischen Personen männlichen Geschlechts unter Strafe. Am 1. September 1935 verschärften die Nationalsozialisten den §175, unter anderem durch Anhebung der Höchststrafe von sechs Monaten auf fünf Jahre Gefängnis. Die spätere Bundesrepublik Deutschland hielt zwei Jahrzehnte lang an den Fassungen der § 175 und 175a aus der Zeit des Nationalsozialismus fest. 1969 kam es zu einer ersten und 1973 zu einer zweiten Reform. Seitdem waren nur noch sexuelle Handlungen mit männlichen Jugendlichen unter 18 Jahren strafbar, wogegen das Schutzalter bei lesbischen und heterosexuellen Handlungen bei 14 Jahren lag. Erst 1994 wurde §175 auch für das Gebiet der alten Bundesrepublik vollkommen aufgehoben. Insgesamt wurden etwa 140.000 Männer nach den verschiedenen Fassungen des §175 verurteilt.

Der Auftritt des Zeitzeugen Helmut Kress, der 1961 mit 15 Jahren ins Gefängnis musste, weil er einem anderem Jungen einen schüchternen Liebesbrief schrieb, war ohne jede Frage der Höhepunkt des Tages. Beim Bericht, dass sein Vater nach seiner Entlassung nie wieder ein Wort mit ihm sprach, versagte ihm merklich immer noch die Stimme, doch er betonte wenig später inständig und fröhlich, dass er dennoch niemals seine Sexualität verborgen hätte und dass er stets einen Satz wiederholt hätte: „Ich bin kein Verbrecher.“

Abgesehen davon, dass §175 1994 außer Kraft trat und dass es dennoch bis 2017 gedauert hat sich mit den Geschädigten zu befassen, darf man Heiko Maas, Bundesminister der Justiz und für Verbraucherschutz, durchaus sehr für das im März 2017 von allen Fraktionen beschlossene Gesetz gratulieren:

3000 Euro erhalten die nun rehabilitierten Männer als Entschädigung für die Missachtung ihrer Menschenwürde, plus 1500 Euro für jedes Jahr das seit ihrer Verurteilung vergangen ist. Maas betont dies seien rein symbolische Summen, die das Geschehene nicht wiedergutmachen können. Eine offizielle Entschuldigung der Regierung bleibt allerdings merklich aus.

Dafür ist ausdrücklich zu loben, dass das Entschädigungsverfahren „hürdelos“ verlaufen soll, wo es üblicherweise große Hürden geben müsste; denn die meisten Urteile sind nicht mehr nachweisbar, da ihre Aufbewahrungsfrist bei den Gerichten oftmals schon lange abgelaufen ist und die zu Unrecht Verurteilten ihre Dokumente verständlicherweise oft vernichtet haben, oder nicht einmal Zugang dazu hatten. Der Staat fordert alle Geschädigten auf in diesem Fall eine eidestandliche Erklärung abzugeben, die sie in jedem Falle ohne Untersuchung akzeptieren würden. Außerdem betont Maas, dass man nicht nur kritisch in die Vergangenheit, sondern auch in die Zukunft blicken müsse. Daher würden der Magnus Hirschfeld Stiftung nun 500.000 Euro zur Verfügung gestellt. Dies bekam begeisterten Beifall. Doch damit sollte es mit den handfesten Versprechungen und Perspektiven auch schon vorbei sein.

Es wurde über die Festnahmen homosexueller Männer in Tschetschenien geredet. Dank Frau Merkels Treffen mit Putin sei es seitdem nicht mehr zu neuen Festnahmen gekommen. Ohne jeden Zweifel ein klares Zeichen unserer Kanzlerin. Sicherlich fühlen sich die Männer in Tschetschenien sehr getröstet. Jüngste internationale Verbrechen gegen homosexuelle Frauen – wie zum Beispiel die eingefädelte Auslieferung des Paares Maria Jimena und Shaza Ismail nach Georgien im April – kamen an diesem Tag nicht auf.

Und Deutschland? Diskriminierung an Schulen seien immer noch Gang und Gebe, es gebe „politische Kräfte im Land die uns die erreichten Rechte wegnehmen wollen“, sagt Fernsehmoderatoren Bettina Böttinger. Wir müssten zusammenhalten, Deutschland müsse eine klarere Position zur gleichberechtigten Ehe einnehmen, wir müssten mehr Gelder für internationale LGBTQI Institutionen aufbringen – das heißt, Moment, wir tun aber auch schon wahnsinnig viel. Nur zu Erinnerung.

Wer mögen diese politischen Kräfte nur sein? Bestimmt doch nicht die AFD? Es wurde außerdem betont, dass wir „auch Alliierte in Ländern wie der Türkei hätten.“ Dass wir leider eben auch viele Nicht-Alliierte dort und hier haben, wurde wieder gewissentlich ausgelassen, nur durch das „auch“ angedeutet. Denn dass durch unsere Globalisierung und offenen Grenzen nun einmal neben vielen wundervollen Menschen auch völlig verschiedene kulturelle Einstellungen zu LGBTQI eintreffen und kollidieren und es unter anderem deswegen vermehrt zu sowohl verbaler als auch physischer LGBTQI Diskriminierung in Deutschland kommt, das möchten die Wenigsten aussprechen. Weder die Kräfte hinter den „politischen Bewegungen im Lande“ noch die hinter dem bedeutungsschwangeren „auch“ werden benannt; und an handfesten Zukunftsstrategien oder auch nur spezifischen Vorschlägen fehlt es deutlich.

In den künstlerischen Darbietungen hat sich der Fortschritt und die Freiheit in unserem Land aufs Beste präsentiert: neben Berlin-typischen DJs sang zuerst die Kabarett Legende Sigrid Grajek und schmetterte 1920iger Liebeslieder an Frauen, die heute recht zahm klingen – aber die sie eben auch schon zu ganz anderen Zeiten mutig sang. Danach trat der türkischstämmige, preisgekrönte Bauchtänzer Serkan Arpaç auf und tanzte tapfer auf der völlig überhitzen Bühne in wunderbar extravaganten Kostümen.

So unterschiedliche Menschen mit offensichtlich riesigen Steinen auf ihrem Lebensweg und doch standen sie beide stolz und fröhlich auf denselben Brettern. Es war schön und erhebend mitanzusehen. Ein konkretes Beispiel für die erheblichen Leistungen, die hinter uns liegen. Doch wenn man weiterhin altbekannte Phrasen drischt, ominöse Andeutungen macht und neue Probleme in der LGBTI community nicht einmal wagt anzusprechen, dann ist es wirklich noch ein langer Weg bis in die gleichberechtigte Zukunft, die wir uns alle wünschen.

Text: Roxane Llanque Bild: Laura Meise

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *