KAPITEL
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Ehe für alle – Vorurteile sind heilbar

Ehe und Adoptionsrecht für alle? Es ist 2017 und immer noch wird diskutiert. Eine aktuelle Umfrage der Antidiskriminierungsstelle des deutschen Bundes besagt, dass 83 % der Bevölkerung in Deutschland die Ehe und 76 % das Adoptionsrecht für homosexuelle Paare befürworten. Die Mehrheit ist für gleiche Rechte, die Politik zieht (noch) nicht nach. Auch hier in Kolumbien, wo ich diese Zeilen in der tropischen Hitze tippe, ist das Thema unerwartet nah – jedoch in eine regressive Richtung.

Es wird gerade viel über Veränderungen diskutiert. In Kolumbien gibt es Ehe und Adoptionsrecht für homosexuelle Paare bereits, doch die Abgeordnete Viviane Morales möchte das Volk über das bereits gegebene Recht neu abstimmen lassen. Falls der Entscheid stattfindet, „wird das Adoptionsrecht abgelehnt, in unserem konservativen Land”, mutmaßt ein kolumbianischer Freund. In beiden Fällen, daheim in Deutschland und hier in Kolumbien,  wird der Wille des Volkes als Argument angeführt. Dabei ist etwas anderes ausschlaggebend, nämlich der Gleichheitssatz des Grundgesetzes bzw. das kolumbianische Antidiskriminierungsgesetz. Umfrageergebnisse sind dennoch ein wichtiger Indikator für die Menge an Akzeptanz und Stigma, die auf Regenbogeneltern und ihre Kinder zukommt. Und Vorurteile verschwinden durch Gesetze erst einmal nicht – hier braucht es (Fort-)Bildung, Dialog, Aufklärung und manchmal auch Geduld.
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Ich spreche aus Erfahrung. Ich komme aus einer Patchwork-Familie. Diese besteht neben meinen leiblichen Eltern, die sich früh trennten, aus neuen (Ehe-)Partner*innen sowie Halb- und Stiefgeschwistern mit unterschiedlichen Lebensstilen und sexuellen Orientierungen. Ich liebe jede*n von ihnen sehr. Doch einfach war meine Kindheit nicht immer.Nicht wegen der Vielfalt, die empfand und empfinde ich als bereichernd, sondern wegen Vorurteilen, mangelnder Akzeptanz, Streits zwischen den erwachsenen Parteien. Wären sich alle einig gewesen, dass Bi- und Homosexualität nichts an der Qualität der Eltern ändert, wäre meine Kindheit angenehmer verlaufen.

Stattdessen übernahm ich vorübergehend homophobe Meinungen: „Ich finde es eklig, wenn sich zwei Männer küssen”, teilte ich dem bisexuellen Familienmitglied Y mit. Ich war etwa sieben. „Diese Worte hat dir X in den Mund gelegt!”, konterte Y. Ich war beleidigt, denn es klang für mich wie der Vorwurf, ich plapperte hohl nach. Knapp 20 Jahre später lautet meine Antwort hingegen: ja und nein. Klar, den Satz hatte X genauso gesagt und ich hatte ihn wiederholt. Dennoch, die Anwiderung, mit der er vorgebracht worden war, hatte auch in mir Ekel wachsen lassen – obwohl ich mit dem Konzept des Küssens allgemein gar nichts anfangen konnte. Aber erst einmal blieb hängen: Bei Gleichgeschlechtlichen ist Küssen falsch. In meiner Schule waren diese Sachen kein Thema. Im ländlichen Süddeutschland der 90er war ich schon als „normales” Trennungskind ein Alien. Als junge Erwachsene begrüßte ich es deshalb sehr, als sexuelle Vielfalt in manchen Ländern in den Lehrplan integriert wurde. So bekommen Kinder heute womöglich andere Meinungen zu hören als zuhause. Allerdings: Auch bei den Erwachsenen sollte man ansetzen. Sexuelle und familiäre Vielfalt könnte man beispielsweise bei Elternabenden thematisieren und auch Lehrer*innen sollte man weiterbilden und sensibilisieren.

Ich selbst bildete mir letztlich auch ohne Lehrplan meine eigene Meinung (entdeckte, dass gleichgeschlechtliches Küssen alles Bogotá (4)andere als eklig ist) und diskutierte viel mit meiner Familie – zunehmend erfolgreich. Es dauerte rund 20 Jahre, aber als X, Y und einige weitere Familienmitglieder zusammen Patchwork-Ostern feierten, hätte ich heulen können vor Freude. Spätestens seitdem glaube ich fest daran, dass auch erwachsene Menschen nicht in ihren Vorurteilen erstarren müssen. Ähnliche Hoffnung hege ich für unsere Kanzlerin. Eine Reaktion von ihr ist mir besonders im Gedächtnis geblieben: Als sie in der Sendung „Wahlarena” ein Mann mit der Frage konfrontierte, warum ihm und seinem Partner die Kindesadoption vewehrt sei. Merkels Antwort wirkte holprig, diffus: „Ich sage Ihnen ganz ehrlich (…) ich bin unsicher, was das Kindeswohl anbelangt.”

Dabei gibt es inzwischen einige Studien, die  zeigen, dass homosexuelle Eltern keinen schlechteren Job machen als Heteros und die Entwicklung der Kinder keine Unterschiede zu denen von Hetero-Paaren aufweist (und eines haben sie so manchen Heteros voraus: Die Elternschaft überlegen und planen sie sehr bewusst). Dass es auch in “traditionellen” Familien gehörig schief gehen kann, dafür kennt leider auch jede*r Beispiele. Ein Freund wurde von seinen Eltern so vernachlässigt bzw. misshandelt, dass er überzeugt ist: “Ich hätte viel lieber zwei liebevolle schwule Adoptivväter bekommen als meine biologischen Eltern zu ertragen.“ Eine andere Freundin ist schwer geprägt von dem Psychokrieg, den ihre sich hassenden, aber “wegen der Kinder” zusammen lebenden Eltern jahrelang austrugen. Man kann es drehen und wenden wie man will, letztlich ist es simpel: Kinder (und auch Erwachsene!) brauchen kein bestimmtes Familienmodell, sondern Liebe. Bleibt zu hoffen, dass das immer mehr Menschen verstehen und leben – und zwar mit dem für sie persönlich passenden Modell – und andere das Gleiche tun lassen.

Text und Fotos: Rena Föhr

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