KAPITEL
ELLE 5

„ELLE“: Das Problem mit dem männlichen Blick

Paul Verhoeven’s erster Spielfilm seit 10 Jahren, der heute in die Kinos kommt, wird in den Kritiken schon mal als „Rape-Comedy“ bezeichnet. Obwohl der Regisseur selbst sich davon distanzierte ist diese Bezeichnung auf eine absurde Art irgendwie zutreffend. In Cannes und bei beinahe allen Filmkritiken wird der Film in den Himmel gelobt – aber ein wichtiger Aspekt wird meist ausgeklammert: Der fragwürdige Umgang mit sexualisierter Gewalt.

„Elle“ beginnt direkt mit der Vergewaltigungsszene, um die sich die ganze Story spinnt und die im Verlauf des Films immer wieder wiederholt wird. Die Protagonistin Michèle, unfassbar gut gespielt von der großartigen Isabelle Huppert (die für diese Rolle für den Oscar für die beste weibliche Hauptrolle nominiert wurde), wird in ihrem Haus von einem Maskierten überfallen. Schnell wird klar, dass es sich bei ihr um keine Opferfigur handelt: Michèle wirkt zunächst wie eine Blaupause einer toughen Geschäftsfrau, sie ist die unnahbare Chefin einer Videospielefirma und ihre gleichgültige Art sowie ihr unglaublich trockener Sinn für Humor lassen sie fast schon wie ein Klischee wirken. Ihr fast schon absurd abgeklärter Umgang mit der Vergewaltigung aber ist untypisch: Sie geht sofort zum Arzt, lässt alle Schlösser auswechseln. Bei einem Essen mit Freunden erwähnt sie den Vorfall ganz nebensächlich und verkündet, dass sie kein Interesse daran hat, mit der Polizei zu sprechen, weil sie damit schlechte Erfahrungen gemacht habe. Später erfahren wir auch wieso, und mit dieser Information macht auch die Unzerstörbarkeit und Kälte der Protagonistin plötzlich sehr viel Sinn: Als sie 10 Jahre alt war, beging ihr Vater – mit ihr als Komplizin – einen Massenmord und tötete beinahe die gesamte Wohnsiedlung, in der Michèle bis heute lebt.

Gewalt, Trauma und Macht

Also macht sie sich eigenhändig auf die Suche nach dem Täter und bleibt dabei zunächst immer stark, schlau und fast schon angsteinflößend abgeklärt. Auf dieser Suche werden immer kompliziertere Verstrickungen der Protagonistin mit den Menschen in ihrem Leben offengelegt: Zum Beispiel die emotionslose Affäre mit dem Mann ihrer besten Freundin, die schwierige Verbindung zu ihrer Mutter, deren jungen Geliebten Michèle nur mit Abscheu behandelt, die Beziehung zu ihrem Sohn, der in einer ungesunden Beziehung feststeckt, weil er unbedingt eine Familie gründen möchte, die merkwürdige Bindung zu ihrem Exmann, dessen neue Beziehung sie boykottiert und die Fetischisierung ihres hochreligiösen Nachbars. Der Film beeindruckt dabei durch einen extrem scharfen Sinn für trockene und bittere Situationskomik, die selbst in den scheinbar tragischsten Situationen für Erleichterung sorgt. Genauso wie er den Titel „Comedy“ verdient, kann man den Film auch als Thriller einordnen, Verhoeven bedient sich sehr klassischer Horror-Elemente und typischer Kameraeinstellungen.

Michèles Psyche wird dabei zerlegt wie bei einem chirurgischen Eingriff, und Hupperts oscarreife schauspielerische Präzision trägt die gesamte Geschichte. So rückt das Thema der Vergewaltigung ungefähr bei der Hälfte des Films etwas in den Hintergrund, als die Identität des Täters gelüftet wird und Michèle langsam die Kontrolle verliert – und was dann geschieht, sollte stutzig machen.

Die Grenze zwischen Gewalt und Fetisch

„If you want to look at it in a negative way, you can find moments to say, ‘Well, wait a moment.’“ – sagt Paul Verhoeven über seinen Film, und es stimmt, dass man auf starke Widerstände stößt, wenn man ihn kritisch hinterfragt. Am Anfang des Films wird mit dem Thema der Vergewaltigung noch relativ reflektiert umgegangen: Michèles Schock wird einfühlsam erzählt – wenn auch durch sehr brutale und sich immer wieder wiederholende Bilder, die man definitiv nicht jedem zumuten kann. Auch die Darstellung der sexistischen Videospiele, die ihre Firma produziert und die in einem urkomischen Kontrast zu Michèles Strenge und Härte stehen, wirken zunächst wie eine schlaue Kritik an patriarchalen Strukturen. Ab der Mitte des Films rutscht der Umgang mit dem traumatischen Erlebnis aber in eine Fetischisierung und Sexphantasie: Michèle findet plötzlich auf kranke Art Gefallen an dem erzwungenen Sex, und das nährt den höchst problematischen „No Means Yes“-Mythos. Die Grenze zwischen Verbrechen und Fetisch wird nicht klar genug gezogen. Das ist nicht zuletzt sehr kritisch zu betrachten, weil sowohl der Regisseur, der Drehbuchautor als auch der Autor der Romanvorlage männlich sind.

Es wird relativ klar, dass es Verhoeven nicht darum geht, Vergewaltigung zu verharmlosen, vielmehr stellt er sie in den Fokus einer größeren Thematisierung von Gewalt, Trauma und Macht. Trotzdem: Der Umgang mit sexualisierter Gewalt ist nicht zu Ende gedacht, sondern bedient sich ab einem gewissen Punkt an Klischees, die gefährlich sind und eine gewisse Form von misogynem Voyeurismus befördern. In einem gewissen Sinn verharmlost er Vergewaltigung also doch.

Beeindruckend – unter Vorbehalt

Auch wenn die Protagonistin keine klassische Opferrolle einnimmt, nährt der Film Vergewaltigungsmythen und hat einen eindeutig männlichen Blick. Isabelle Hupperts grandioses Schauspiel und der unfassbar trockene Humor, der selbst den verstörendsten Szenen noch ein Schmunzeln entlocken kann, führen dazu, dass „Elle“ ohne Frage trotzdem ein beeindruckender Film ist – aber unter Vorbehalt. Vielleicht skizziert er eine neue Stufe von Sexismus: Die Frau als starkes und emanzipiertes Individuum, das aber trotzdem nicht in der Lage ist, sich der Anziehungskraft männlicher Allmachtsphantasien zu entziehen – eine gefährliche Art zu denken.

Text: Johanna Warda
Foto: SBS Productions, Twenty Twenty Vision Filmproduktion, France 2 Cinéma & Entre Chien et Loup

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