KAPITEL
Foodart

Ethisch ästhetisch

Essen ist zu einer politischen Handlung geworden. Als Konsumenten greifen wir in das Supermarktregal und beeinflussen automatisch die Existenz anderer. An diese, in den letzten Jahrzehnten entwickelte, globalisierte Nahrungsmittelproduktion knüpft die diesjährige Berlin Food Art Week mit dem Thema „Vs. Meat“ an. „Nicht morgen – heute!“, ruft Tainá Guedes aus, Initiatorin der Food Art Week, einer multidisziplinären Kunstausstellung, die Essen als soziales Phänomen in den Fokus stellt.

Essen mit Kunst zu kombinieren, ist nicht neu, das wissen auch die Macher*innen der Berlin Food Art Week: FOOD, Restaurant und Plattform verschiedenster Künstler*innen in SoHo, New York. Von 1971 bis 1974 war FOOD eine Gegenposition zur amerikanischen Nachkriegsgesellschaft, in der sich Fast Food mehr und mehr etablierte. Lokale Lebensmittelproduzenten, avantgardistische Küche und experimentelle Kochversuche prägten das wegbereitende Projekt, wie auch die Nivellierung sozialer Unterschiede und erste Recycling-Versuche. Eine Einstellung, die bis heute in nur wenigen Restaurants, Supermärkten und am wenigsten in der Industrie vertreten wird. Wir nehmen immer mehr Abstand zu den Wachstumsprozessen unserer Nahrungsmittel, zu Personen die sie herstellen, vor allem aber vom „Produkt“. Wir wollen nichts wissen von Massentierhaltung, obwohl der denkende, hörende Mensch mittlerweile wissen sollte, wo das Fleisch herkommt, das ich im Supermarkt in mein Körbchen lege. Und wenn dann jemand Filme wie „Earthlings“ dreht, finden wir das zu radikal, drehen unsere Köpfe weg und beißen in unser biologisches Wiener Würstchen.Sem titulo_Jorge_Chamorro

„Wie leben nicht um zu essen, sondern wir essen um zu leben“

Die Berlin Food Art Week knüpft an genau diesem Punkt an. Sie versucht strategisch für die politische Dimension von Essen zu sensibilisieren. Künstler*innen, Aktivist*innen, Filmemacher*innen, Wissenschaftler*innen und Küchenchefs präsentieren in Workshops, Performances, Panels, Bildungsprogrammen, Esserlebnissen und Filmscreenings, begleitet von einer zentralen Kunstausstellung im Halleschen Haus, diverse Perspektiven, die den Betrachter und Besucher dazu anregen sollen, neue Gedankengänge für eine andere und bessere Welt zu entwickeln. „Wie soll man essen? Was ist die beste Wahl?“, fragte sich Tainá, als sie nach Berlin kam. Das Konsumentensein betrifft jede*n. Doch Nahrung mit Kunst zu verbinden, wird häufig nicht ernst genommen. Besonders nicht auf dem Kunstmarkt, für den das Ergebnis der Formel Essen + Kunst = nicht kommerziell ist. Immer wieder sucht die Foodaktivistin deshalb nach Einnahmequellen und Aufmerksamkeitsstrategien um die Entretempo Kitchen Gallery, ein interdisziplinärer Kunstraum und Initiator der Food Art Week, weiter zu betreiben. „Einfach weitermachen – die Leute werden dich finden und dazu beitragen, dass er nicht versiegt“, bekräftigte der bekannte Gastrosoph Harald Lemke das Engagement Tainás. Denn ihre Arbeit ist sehr politisch, greift sie doch unterschwellig die komplette Nahrungsmittelindustrie an.

Essen als soziales Phänomen

Für die Künstlerin April Gertler ist der kollektive Erfahrungsmoment ein wesentlicher Einstiegspunkt, wenn es um den Diskurs von Kunst und Essen geht. „Take the cake“, eine Lecture-Performance und Kochshow in einem, performte sie schon 2015 auf der Berlin Food Art Week, sie backte den ungarischen Kirschkuchen ihrer Mutter. Schon als Kind dachte sie über die Wichtigkeit von Essen nach und dokumentierte Rezepte. Während der Kuchen im Ofen vor sich hin backte, sprach Gertler mit ihrem Publikum über Cup Cake Feminismus, die Geschichte der Zuckerglasur und dem feministischen Akt des Backens.

In “Fleischfreude”, einer Hommage an die feministische Performance „Meat Joy“ von Carolee Schneemann, verschmelzen sexuelle Leidenschaften, mit dem Hunger nach Essen und der kritischen Betrachtung der Objektivierung der Frau. Die Künstlerin Kate Hers Rhee starrt den Betrachter ungeniert an. In ihrem Selbstportrait liegt sie nackt, mit Wurst umhüllt, auf einem Tisch. Der Hunger nach Fleisch, dessen Produktionsweg wir gar nicht mehr richtig nachvollziehen können, die Präsenz von tierischem Fleisch, wird gekoppelt an die Präsenz und den Konsum der Frau als Objekt und spannt einen Bogen von feministischen Ideen der Food Art Week, über Nahrungsmittelpolitik bis hin zu einem neuen Bewusstsein für vermeintlich Verborgenes.

Eine globale Perspektive

„Wir sind Teil von einem Ganzen, von einem Planeten – wir sind verbunden mit den Tieren und dem Wasser“, stellt Tainá fest und wünscht sich, dass das deutsche Wort Lebensmittel wörtlich genommen wird und damit einhergehend die Entwicklung eines Bewusstseins für die Verschwendung von Ressourcen in der derzeitigen Nahrungsmittelproduktion. „Save the Last Mermaids“, eine kollektive Performance von Bia Goll, Tereza Guedes, Iara Guedes und Alejandra Vargas Dias, zeichnet diesen Zusammenhang der Fleischproduktion und der massiven Wasserverschwendung. Sie spielen an auf eine Zeit, in der das Leben begann, das Wasser zu verlassen. Wasser als das den Menschen schon immer begleitende Element. Wasser, als ein Element, ohne das der Mensch nicht fähig zu leben wäre. Das Anthropozän führte letztendlich dazu, dass wir tonnenweise Wasser für unseren Fleischkonsum missbrauchen. Dass unsere Hand in die Kühltheke langt und ein in Plastik eingeschweißtes Päckchen mit der Aufschrift „Frisch von der Wiese“ in unser kleines Körbchen fallen lässt. Freiheit bedeutet aber nicht nur, selbst zu entscheiden was du isst und was dir schmeckt. Freiheit bedeutet vor allem auch die Fähigkeit, Verantwortung zu übernehmen für eine bewusst durchgeführte Handlung.

Die Food Art Week in Berlin: 7. – 14. Juli 2017

www.foodartweek.com

 

Text: Rebecca Heinzelmann

Fotos/Gif: Uli Westphal, Jorge Chamorro

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