KAPITEL
Kraftwerkbille

Hallo Festspiele – Part II

Nachschlag gefällig? Wer es letzte Woche nicht zu den Hallo Festspielen geschafft hat oder einfach noch einmal nachlegen möchte, hat heute und morgen noch einmal die Gelegenheit, sich das bunte Treiben im Kraftwerk Bille anzusehen. Allein die Location ist eine Reise nach Hammerbrook wert. Auf rund 7000 m2 toben sich Performer, Musiker*innen, Regisseur*innen, Architekt*innen – aber auch Freizeitköch*innen – aus. Dabei ist es den Initiator*innen wichtig – gemäß der alten Idee vom Kollektiv – allen gleichermaßen Raum zu gehen und auch die Nachbar*innen und Besucher*innen einzubeziehen. Wir haben uns mit der Projektleiterin Dorothee Halbrock über den Ansatz von Hallo Festspiele und die Visionen der Macher*innen unterhalten.

Juliane Rump: Doro, 2015 hast du mit deinen Mitstreiter*innen Hallo Festspiele ins Leben gerufen. Für welche Bereiche bist du heute zuständig?

Dorothee Halbrock: Ich mache die so genannte Projektleitung für die Hallo Festspiele, sowie das daraus erwachsene Projekt der Schaltzentrale. Für die Festspiele habe ich dieses Jahr gemeinsam mit Daniel Dominguez Teruel und Sérgio Hydalgo das Programm zusammengestellt.

JR: Welche Visionen verfolgt ihr bei der Umsetzung des Festivals?

DH: Die Hallo Festspiele haben das Ziel, verschlossene Orte wieder einer öffentlichen Nutzung zukommen zu lassen. Wir verstehen die Festspiele dabei als Rechercheformat, das den Raum und seinen Kontext erforscht, Menschen vernetzt, Nutzungen austestet und etabliert. So entstand letztes Jahr die erste langfristige Nutzung im Kraftwerk Bille, die Schaltzentrale, ein experimentelles Stadtteilbüro.

JR: Wie kann man sich die Planung und Umsetzung vorstellen? Wann beginnt die Arbeit für das Festival und wie viele Mitstreiter*innen sind beteiligt?

DH: Die Arbeit an den Festspielen läuft im Prinzip das ganze Jahr. Die Organisationsstruktur hat sich über die Jahre immer wieder verändert. Inzwischen beginnt die Arbeit an den Festsielen eher im kleinen Team, das sich das Konzept ausdenkt und Künstler*innen einlädt. Für die Organisation und die Umsetzung wächst dann das Team kontinuierlich. Ganzjährig organisiert eine große Gruppe von uns auch noch die Schaltzentrale, bei der Menschen ständig eingeladen sind, mitzuwirken. Die beiden Projekte gehören sowohl inhaltlich als auch menschlich eng zusammen.

Dorothee Halbrock (c) Tim Kaiser

Dorothee Halbrock (c) Tim Kaiser

JR: Soweit ich weiß habt ihr eine Kooperation mit einer Hallo-Initiative in Paris. Wie sieht diese aus; was sind die Gemeinsamkeiten, was die Unterschiede bei den Projekten?

DH: Letztes Jahr haben wir einen Austausch mit „Les Grands Voisins“ gestartet, ein Projekt der Architektur-Gruppe „Yes We Camp“. Wir haben uns gegenseitig besucht und haben den Alltag der jeweils anderen Gruppe mitgelebt. Die Grands Voisins arbeiten an der temporären Umnutzung eines ehemaligen Krankenhauses in Paris, das gleichzeitig von ca. 500 Geflüchteten und Menschen ohne festen Wohnsitz bewohnt wird und Atelier- und Kreativnutzung beherbergt. Sie konzentrieren sich dort als Nachbarschaftsinitiative auf das Zusammenleben der unterschiedlichen Gruppen. Die Initiative war von vornherein auf drei Jahre begrenzt. Wir haben in unserer Arbeit zwar sehr viele Überschneidungspunkte, aber u.a. festgestellt, dass wir gerne mehr reden und die Voisins lieber direkt machen – das hat beides Vor- und Nachteile :)

JR: Mit dem Kraftwerk Bille habt ihr eine wahre Location-Perle gefunden. Allerdings verirren sich die meisten Hamburger*innen eher selten nach Hammerbrook. Wie seid ihr hier gelandet? Und kommen eure Gäste eher aus der Nachbarschaft oder aus der ganzen Stadt?

DH: Auf der Suche nach Räumen haben wir viele Fahrradtouren, Spaziergänge und Ausfahrten gemacht und sind dann auf das Kraftwerk gestoßen. In Hammerbrook gibt es ja bereits seit Jahrzehnten künstlerische Initiativen und Wohnprojekte, darum ist die Gegend ja in gewissen Kreisen durchaus schon länger bekannt, einige von uns wohnen auch hier. Seit wir die Schaltzentrale geöffnet haben, kommen immer mehr Menschen aus der Nachbarschaft sowohl ins Team als auch als Gäste. Zu den Festspiele versammelt sich Leute aus allen Ecken Hamburgs und den Stadtgrenzen hinaus.

JR: Die Gesamtnutzfläche des Kraftwerks beläuft sich auf beeindruckende 14.000 qm – wie viel davon nutzt ihr und wie wird diese bespielt?

DH: Dieses Mal sind wir auf ca. 7000 qm unterwegs, zum ersten Mal auch in den höheren Etagen – mit fantastischem Ausblick. Am ersten Wochenende gab es an vier Abenden und auf vier Etagen die Musiktheaterinstallation „zero decibels“ zu erleben, die sich mit Wahrnehmungspsychologie und Schallereignissen beschäftigt (und mit Tauben). Am zweiten Wochenende gibt es auf allen Etagen viele unterschiedliche Konzerte, Installationen, Touren und DJ-Sets zu hören und sehen; bis tief in die Nacht – u.a. Ellen Fullman mit ihrem Long String Instrument, L Twills, Perera Elsewhere oder Kara-Lis Coverdale. Alle Arbeiten setzen sich auf unterschiedliche Art mit dem Thema auditiver Raumwahrnehmung auseinander.

JR: Dieses Jahr findet Hallo Festspiele bereits zum dritten Mal statt – was hat sich bewährt, was macht ihr dieses Jahr anders?

DH: Die Festspiele haben dieses Jahr den Fokus auf musikalischem Programm, auf auditiver Raumwahrnehmung. Wir haben uns entschieden, den partizipativen Ansatz der Festspiele v.a. in einer langfristigen Beteiligung in der Schaltzentrale weiterleben zu lassen und bei den Hallo Festspielen künstlerischen Konzepten mehr Raum zu geben.

JR: Hallo Festspiele umweht ein idealistischer Wind – wie finanziert sich das Festival?

DH: Wir sind von unterschiedlichen Seiten gefördert, u.a. Stadt, Bund und private Stiftungen. Das ermöglicht uns sehr kleine Eintrittspreise, die uns wichtig sind, ebenso wie das Pay-what-you-can-Prinzip an der Bar. Wir freuen uns, wenn Menschen unsere Arbeit wertschätzen und zahlen was sie können.

JR: Wie wichtig ist euch die internationale Ausrichtung des Festivals? Spiegelt sich das in den Bookings wider?

DH: Uns ist es immer wichtig, dass wir uns mit Menschen aus anderen Kontexten austauschen, internationale Zusammenarbeiten gehören da fest dazu. Das diesjährige Programm entstand ja in Zusammenarbeit mit Sérgio, einem portugiesischen Musikkurator. Wir wollen diese internationale Zusammenarbeit der diesjährigen und weiterer Musiker_innen im nächsten Jahr am liebsten nochmal weiterführen, indem die Künstler_innen in neuen Kollaboration während Residenzen sowohl in Hamburg als auch Lissabon zusammenarbeiten.

JR: Wird es auch 2018 eine Hallo Festspiele-Fortsetzung im Kraftwerk geben?

DH: Ja, auf alle Fälle! Dann gehen wir aufs Wasser und versuchen dort einen langfristigen öffentlichen Zugang zur Bille zu schaffen!

Hallo Festspiele + Schaltzentrale: Fr., 13.10. ab 13 Uhr, Sa., 14.10., ab 15 Uhr, Bullerdeich 12-14

HALLO MOOD Credit_LouisaSchwope-109KRAFTWERK BILLE Credit Daniel_Kalinke_IMG_9191 (1)

Interview: Juliane Rump

Fotos: Pelle Buys (Aufmacher), Louisa Schwope, Daniel Kalinke

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