KAPITEL
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„Hidden Figures“: Mathe, Soul und Raumfahrt

Die frühen Computer der NASA trugen Röcke: Katherine Johnson, Dorothy Vaughan und Mary Jackson waren drei brillante schwarze Mathematikerinnen, die maßgeblich an den Erfolgen der NASA der 60er-Jahre beteiligt waren – viele Jahrzehnte lang völlig unbekannt. Der Film „Hidden Figures“ erzählt mit klassischem Hollywood-Storytelling die Geschichte dreier Pionierinnen, die fest an ihr Können glaubten und damit vielen Frauen nach ihnen den Weg ebneten. Ein feministisches Feel-Good-Movie. Ab 2. Februar im Kino!

Virginia Anfang der 60er-Jahre: Die hochbegabte Katherine, die schon mit 18 ihren Abschluss in Mathematik in der Tasche hatte, arbeitet als „menschlicher Computer“ bei der frisch gegründeten NASA – denn bevor es richtige Computer gab, wurde noch per Hand gerechnet. Es ist eine Zeit, in der in den USA noch Rassentrennung herrscht. Zusammen mit ihren Freundinnen Mary und Dorothy macht Katherine komplexe, aeronautische Berechnungen – in einem fensterlosen Raum nur für „colored computers“. Als es den Russen gelingt, eine bemannte Rakete ins Weltall zu schießen, gerät die NASA in Handlungsdruck, denn der Kalte Krieg ist in vollem Gange: Es geht um die Vorherrschaft im Weltall. Der Leiter der neu gegründeten Space Task Group, Al Harrison, wird auf das mathematische Talent Katherines aufmerksam und nimmt sie in sein Team auf – als erste schwarze Frau. Auch die anderen beiden Frauen erkämpfen sich ihren Erfolg: Mary möchte die erste schwarze Ingenieurin der NASA werden und versucht, sich in einer weißen High-School einzuklagen, um Kurse besuchen zu können, die sie für die Bewerbung benötigt. Als die ersten IBM-Computer bei der NASA eingesetzt werden, fürchtet Dorothy um ihren Job als „menschliche Rechenmaschine“ und liest sich kurzerhand in die dazugehörige Programmiersprache ein – so schnell, dass sie das Wissen all ihrer männlichen Kollegen schnell übertrumpft. Alle drei Frauen kämpfen dabei täglich, fast schon minütlich mit Sexismus und Rassismus: So muss Katherine beispielsweise jeden Tag 40 Minuten zur Toilette für schwarze Frauen laufen, weil in ihrem Arbeitsgebäude schlicht keine existiert. Über alle erschwerten Bedingungen hinweg werden die Frauen für die NASA unersetzlich, und Katherine macht durch ihre Berechnungen unmittelbar den ersten bemannten Raumflug der USA möglich.

Man kann zuerst kaum glauben, dass „Hidden Figures“ eine wahre Geschichte aufgreift, denn es ist unerklärlich, dass sie bisher noch nicht auf einer großen Kinoleinwand erzählt wurde. Die Story ist pures Hollywood-Gold. Aber es stimmt: Der Film ist extrem nah an der Realität, abgesehen davon, dass einige Charaktere neu erfunden wurden, um die Arbeitsbedingungen bei der NASA besser darzustellen: Jim Parsons verkörpert in der Rolle des Paul Stafford alle skeptischen Mathematiker der NASA, die sich von Katherines Talent bedroht fühlten, während Kevin Costner in der Rolle von Katherine’s Boss nur Wert auf Leistung legt und sich immer wieder für sie einsetzt – so sehr, dass er eines Tages das Schild der „Colored Ladies“-Toilette verwüstet und die Rassentrennung bei der NASA wütend für beendet erklärt. Kirsten Dunst verkörpert Dorothys Vorgesetzte Vivian, die als Blaupause für die unsolidarische weiße Frau fungiert. Als Vivian Dorothy versichern möchte, dass sie nichts gegen „die Schwarzen“ habe, antwortet Dorothy kühl: „Ich weiß, dass Sie das wirklich glauben“. Eine komprimierte Darstellung des Rassismus der damaligen Zeit.

Die Frauen verhalten sich in ihrem Kampf für Würdigung und Aufstieg stets unauffällig, respektvoll und diszipliniert. Sie distanzieren sich von der lauten Bürgerrechtsbewegung und glauben an einen Aufstieg durch Leistung – fordern aber dann auch selbstbewusst den Respekt ein, der ihnen zusteht. Die Art und Weise, wie die Frauen behandelt werden, lässt einen erschaudern: Beispielsweise, wenn sich Katherines Kollegen weigern, mit ihr aus derselben Kaffeekanne zu trinken und ihr eine eigene Kanne mit der Aufschrift „colored“ auf den Tisch stellen. Aber genau das war bittere Realität im Amerika der 60er-Jahre – vor gar nicht allzu langer Zeit. Sich das bewusst und die Biografien dieser Frauen endlich sichtbar zu machen, ist eine wichtige Leistung des Films.

„Hidden Figures“ ist aber auch ein klassisches Hollywood-Narrativ und hat die dafür typischen, dramaturgischen Schwächen: Die Emotionen stehen im Vordergrund und die Charaktere erfüllen klare Funktionen. Daher kommen sie manchmal etwas platt daher, und natürlich fehlt auch die typische Liebesgeschichte nicht – wenn auch nur im Nebensatz. Trotzdem fiebert man unwillkürlich mit, wenn man die Ungerechtigkeiten hautnah miterlebt, mit denen die Frauen Tag für Tag zu kämpfen haben – und wird am Ende mit einem triumphalen Hochgefühl zurückgelassen. Das hat der Film übrigens auch Pharell Williams’ souligem Soundtrack zu verdanken.

Katherine Johnson ist heute 98 Jahre alt. In ihrer Karriere schoß sie mithilfe ihrer Flugbahnberechnungen nicht nur den ersten Amerikaner ins Weltall, sondern war auch maßgeblich an der Apollo-11-Mission beteiligt, bei der Neil Armstrong als erster Mensch den Mond betrat. 2015 verlieh Barack Obama ihr die Presidential Medal of Freedom.

Text: Johanna Warda
Bild: Twentieth Century Fox

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