KAPITEL
Hanne Gaby Odiele In InterACT T Shirt  2 Akt.

Intersexualität: Immer noch ein Tabuthema?

Nachdem sich das Model Hanne Gaby Odiele im Januar dieses Jahres öffentlich zu ihrer Intersexualität bekannte, um damit die heute noch vorherrschende Tabuisierung zu brechen, stellt sich auch für Deutschland die Frage, mit welchen Rechten intersexuelle Menschen ausgestattet sind und welche Stellung sie in der Gesellschaft einnehmen.

Ich hörte zum ersten Mal im Bio-Unterricht über Intersexualität. Mit Einzug der Sexualkunde, einer Zeit, die von Scham und dem Willen zur Konformität geprägt ist, lieferte mein Lehrer binnen fünf Minuten eine halbherzige Erklärung über „Zwitterwesen“, wie er sie abschätzig nannte, die ein unvoreingenommenes, nicht-binäres Verständnis der Thematik nicht annähernd ermöglichte. War ich nach dieser Unterrichtsstunde völlig fehlinformiert, spiegelt dies die Intransparenz und Tabuisierung wider, die mit dem Thema Intersexualität gesamtgesellschaftlich einhergeht. So ist auch heutzutage noch ein dichotomes Geschlechterverständnis, in dem nur die Pole männlich und weiblich akzeptiert werden, vorherrschend. Männlich ist demzufolge, wer einen Chromosomensatz von 46 XY aufweist und über männliche innenliegende (Hoden, Samenleiter und Prostata) und äußere Genitalien (Hodensack und Penis) verfügt. Das weibliche Geschlecht ergibt sich durch den Chromosomensatz 46 XX, einem weiblichen äußeren Geschlecht (Klitoris, Schamlippen und Schamhügel) und weiblichen inneren Geschlechtsorganen (Gebärmutter, Eileiter und Eierstöcke). Dazu gehören natürlich noch weitere Komponenten, wie Geschlechtsidentität und Geschlechtsausdruck, die aber innerhalb der schulmedizinischen Festlegung des Geschlechts keine Rolle spielen. Intersexuelle Personen passen in keine der biologisch differenzierten Kategorien. So können sie beispielsweise weibliche Genitalien aufweisen, verfügen aber zusätzlich über innenliegende Hoden. Es existieren diverse Ausformungen von Intersexualität, welche oftmals erst in der Pubertät festgestellt werden können. In Folge der dadurch entstehenden Unmöglichkeit einer geschlechterkonformen Einordnung, werden intersexuelle Menschen auch heute noch häufig pathologisiert und zu Patient*innen degradiert. Der Begriff Disorders of sexual Development (DSD), welcher vor allem im medizinischen Kontext Verwendung findet und die unterschiedlichen Ausformungen von Intersexualität umfasst, kann auch als plakativer Ausdruck dieser Ausgrenzung verstanden werden.

Hanne Gaby Odiele – Einsatz für mehr Transparenz und Gerechtigkeit

Das belgische Model Hanne Gaby Odiele hat im Januar einen mutigen Schritt zu einer wachsenden Sichtbarkeit intersexueller Menschen gemacht. In dem sie erstmals in einem Interview mit America Today von ihrer Existenz als sogenannte XY-Frau sprach, stieß sie die auch nach jahrelangen Kämpfen diverser Intersex-Vereine und -Initiativen nur spaltbreit geöffnete Tür ein großes Stück weiter auf und verschaffte damit der tabuisierten Thematik Aufmerksamkeit.  In Folge der sogenannten Androgenresistenz (AIS) reagiert ihr Körper nicht auf männliche Sexualhormone und wandelt diese in Östrogene um. So verfügt Odiele zwar über einen männlichen Chromosomensatz, hat aber ein weibliches Erscheinungsbild. Sie möchte mit ihrer Bekanntgabe vor allem auf die schwerwiegenden Menschenrechtsverletzungen hinweisen, die mit irreversiblen, chirurgischen und hormonellen Eingriffen bei Säuglingen und (Klein-)Kindern einhergehen. Sie berichtet von einer solchen Operation, die sie selbst im Alter von 10 Jahren durchlief. Man riet ihr, aufgrund eines angeblich erhöhten Krebsrisikos, ihre innenliegenden Hoden entfernen zu lassen. Auch ihre Eltern redeten ihr zu. Aber bei all den Bedenken, die schließlich zu einer Gonadektomie, also zur Entnahme der innenliegenden Hoden führten, schien weniger das Krebsrisiko der wahre Auslöser für diese folgenreiche Operation zu sein. Ihre Eltern fürchteten vielmehr, dass Odiele sich nicht zum typischen Mädchen entwickeln würde, sie nicht anpassungsfähig sein könne. Das Model berichtet, dass sie die Tragweite des Eingriffs in einem Alter, in dem sowohl die geistige als auch die physische Entwicklung nicht abgeschlossen sind, nicht durchdringen konnte und bis zum heutigen Tage unter den Folgen leidet. So müssen den Betroffenen einer Gonadektomie meist lebenslang extern Hormone zugeführt werden, da dies zuvor Aufgabe ihrer Hoden war. Dies kann zu erheblichen Nebenwirkungen führen, zu denen Depressionen, ein erhöhtes Risiko zu Osteoporose und Persönlichkeitsveränderungen gehören, um nur einige zu nennen. Auch die Gefahr einer nicht der eigenen Geschlechteridentität entsprechenden Hormontherapie unterzogen zu werden, stellt ein enormes Problem dar.

Kein gesetzliches Verbot von Operationen im Kindesalter in Sicht

Bereits 2009 kritisierte der UN-Ausschuss der CEDAW (Convention on the Elimination Of All Forms of Discrimination against Women) die Bundesregierung wegen der mangelnden Auseinandersetzung mit der Situation intersexueller Menschen. Die darauffolgenden Maßnahmen können nicht als weitreichend bezeichnet werden. So veröffentlichte zum Beispiel der Deutsche Ethikrat eine zwar umfassende, aber dennoch nur geringe Konsequenzen nach sich ziehende Stellungnahme zur Lage intersexueller Menschen. Lediglich die Änderung im Personenstandsgesetz 2013, nach welchem die Eintragung des Geschlechts in die Geburtsurkunde bei Uneindeutigkeit ausgelassen werden kann, ist hier als ein minimaler Erfolg zu verzeichnen. Wie Odiele kämpfen auch hierzulande diverse Vereine und Organisationen intersexueller Menschen für ein Verbot geschlechtszuweisender Operationen an Minderjährigen und fordern damit die ihnen zustehenden Menschenrechte auf körperliche und geistige Unversehrtheit ein. Dieses bleibt bis heute aus und es ist abzuwarten, wann auch nicht-binär geschlechtliche Menschen eine gleichwertige Behandlung erfahren werden.

Anike Krämer – Es besteht Grund zur Hoffnung

Anike Krämer, wissenschaftliche Mitarbeiterin im Lehrstuhl für Gender Studies der Ruhr-Universität-Bochum, ist Teil eines qualitativen Forschungsprojektes, welches sich mit der Gesundheitsversorgung zwischengeschlechtlicher Kinder in Nordrhein-Westfalen beschäftigt. Im Rahmen dieser Untersuchung wurden Eltern intersexueller Kinder wie auch Mediziner*innen befragt, Anike Krämer Fotowobei der Fokus, so Krämer, auf den Eltern lag. Es ergab sich ein breitgefächertes Bild bezüglich des innerfamiliären Umgangs, der gesellschaftlichen Reaktionen und der ärztlichen Behandlung. So erzählt Anike Krämer von Eltern, die, als sie von der Uneindeutigkeit des Geschlechts ihres Kindes erfuhren, regelrecht zusammenbrachen und ihrem Kind zunächst nicht in die Augen schauen konnten, was von einem unsensiblen und vorurteilsbehafteten Umgang der Ärzt*innen evoziert und bestärkt wurde. Von Ratschlägen zur Geheimhaltung der Intersexualität ihres Kindes, auch vor diesem selbst, bis hin zur unzulässigen Entnahme eines innenliegenden Hodens, beschreibt Krämer eine Vielfalt ärztlicher Fehlleistungen. Doch berichtet sie nicht nur von Schauergeschichten, von denen man so oft im Zusammenhang mit Intersexualität hört. So hat sich der überwiegende Teil der interviewten Eltern vorerst gegen eine Operation entschieden. Viele pflegen einen offenen und ehrlichen Umgang mit ihren Kindern, versuchen sie zum Teil auch fern von Geschlechternormen zu erziehen. Da gibt es zum Beispiel eine Mutter, die gerne und viel über ihr intersexuelles Kind redet, um einerseits für mehr Sichtbarkeit und Offenheit zu plädieren, zum anderen aber, weil sie unbändigen Stolz für ihr Kind aufbringt. Da gibt es auch den Sportlehrer, der den Kindern die Wahl lässt sich in die Umkleide zu begeben, die ihrer empfundenen Identität entspricht und dafür extra seine Alltagsrhetorik modifiziert hat. Und schließlich gibt es da auch noch das Kind, welches erkannt hat, dass es ziemlich cool ist, sich nicht auf ein Geschlecht festlegen zu müssen und gerne damit vor seinen Freund*innen prahlt. Auch wenn durch diese Forschung nur ein kleiner Teil der intersexuellen Kinder und ihrer familiären Umgebung abgebildet wird, besteht Grund zur Hoffnung. Hoffnung darauf, dass eine Generation heranwächst, die sich nicht mehr in ein anachronistisches binäres Geschlechterkorsett zwängen will.

Text: Lena Spickermann

Titelbild: CreagerCole Communications LLC

Porträt Anike Krämer: Daggi Bambach

 

 

 

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