KAPITEL
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Ausstellung: Cherchez la femme

In der Mehrheitsgesellschaft wird es als solches kaum wahr genommen, doch das weibliche Haar ist in vielen religiös geprägten Kulturen etwas sehr intimes. Etwas, das es zu verhüllen gilt. Doch wer entscheidet das? Eine häufig diskutierte Frage, die auch Teil der Führung durch die derzeitige Ausstellung Cherchez la Femme, im jüdischen Museum, ist. 

In den letzten Jahren konzentrierte sich der öffentliche Diskurs in Deutschland und Europa besonders auf kopftuchtragende Musliminnen. Nachdem in Frankreich eine Frau offenbar gezwungen wurde, ihre Verhüllung am Strand abzulegen, entfachte die Debatte in neuem Maß. In Deutschland ist man sich ebenfalls häufig uneinig, an welchen Orten die religiöse Bedeckung erlaubt ist oder nicht. Immer wieder fühlen sich Menschen von Burkas bedroht. „Man kann ja auch nicht sehen, mit wem man es zu tun hat, da fühle ich mich in meiner Freiheit angegriffen“, sagt eine ältere Frau als wir im Rahmen der Führung vor einer ausgestellten Burka im Museum stehen. Eine Bedeckung, bei der lediglich ein Schlitz die Augen freigibt, schafft Distanz – das ist auch gewollt. In muslimischen Ländern dient das Kopftuch nicht nur dem Schutz vor dem männlichen Blick, wie es heißt, er steht vor allem für Respekt und Distanz im öffentlichen Raum. Nur im vertrauten Zuhause, zeigt sich die muslimische Frau mit ihrem Haar. Ihre genaue Motivation zum Tragen ihrer Verhüllung, ob Hijab oder Burka, wissen meist nur enge Vertraute. In der Ausstellung Cherchez la Femme kommen nun auch Frauen zu Wort.

Tora, Bibel, Koran und YouTube

IMG_5127-2Die Ausstellung ähnelt einer kleinen Reise. Von den Ursprüngen in religiösen Schriften, aus denen man die angebliche Verhüllung der Frau interpretierte, bis hin zu Youtube-Videos, in denen Frauen sich an die Öffentlichkeit wenden und über das Kopftuch sprechen. Auch wenn die spontanen Assoziationen bezüglich religiöser Verhüllung mit dem Islam verbunden sind, behandelt die Ausstellung natürlich auch die Thematik jüdischer und christlicher Kopfbedeckung. Wobei letzteres nur sehr wenig Beachtung bekommt. Doch insbesondere im Judentum, wo die bekannte Kippa, in konservativen Gemeinden ausschließlich für den Mann gedacht, bekommt die Bedeckung des freien Kopfes, nochmals eine ganz andere Bedeutung. Sie soll die Demütigung vor Gott ausdrücken. Jüdische Frauen, bedecken ihr Haar erst ab dem Zeitpunkt der Hochzeit und nicht schon mit dem Eintritt in die Pubertät, wie es im Islam üblich ist.

Identität

Das Haar der westlichen Frau wird gefärbt, toupiert, frisiert, abgeschnitten oder durch Extensions verlängert, je nachdem was der Trend gerade vorgibt. Zwischen streng gläubigen und säkularen Gesellschaften herrschen häufig viele Vorurteile, vor allem unter Frauen. „Lotterie der Anstößigkeit“ von La Sauvage Jaune, eine französische Künstlerin, die die Willkür von Bewertungen von Frauen, in ihren Arbeiten polemisch auf den Punkt  bringt und somit auch auf den journalistischen Diskurs anspielt.

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Auch die aus dem Iran stammende Künstlerin Mandana Moghaddam kommt ein Ehrenplatz, in der Mitte der Ausstellung, zugute. Mit „Chelgis I“ (Schweden 2002), eine Figur mit 40 geflochtenem Zöpfen. Über und über von ihrem Haar, bleibt ihre Identität, versteckt. Doch die Verführungskraft ihrer Haare ist nicht zu begrenzen und sucht sich ihren Weg unter der Glasvitrine, in der sie versucht ist gefangen zu halten, hervor. Eine Anlehnung an ein persisches Kindermärchen.

 

 

Mode

Unknown-4Ein weiteres Vorurteil, Musliminnen seien lediglich an der unmodischen Bedeckung ihres Körpers interessiert, greift die Ausstellung unter dem Begriff „Züchtige Fashionistas“ auf. Der Markt für muslimische Mode wächst rasant. Sogar Ketten wie H&M, welche kopftuchtragende Models zeigen, DKNY, die bereits ihre dritte Ramadan Kollektion heraus gebracht haben oder Dolce & Gabanna interpretierten, auf italienische Art, die Abaya und sorgten weltweit für Schlagzeilen.

 

Konflikt

Unknown-5Ironisch befasst sich auch die Künstlerin Nilbar GüreŞ mit dem Thema der Vermummung und nimmt die Entpersonalisierung spielerisch, in einem Video, auf die Schippe. Bis zur völligen Unkenntlichmachung, ist sie verhüllt und verbringt mehrere Minuten damit sich frei zu legen und zählt dabei Namen ihrer weiblichen Familienangehörigen auf. Auch die Reihe der YouTube Clips nebenan beziehen Position und zeigen 25 Positionen junger kopftuchtragender Frauen.

 

 

IMG_5128Es ist oftmals der fremde Blick, mit dem Kleiderordnungen und Verhüllungen, die das Haar einschließen, definiert werden. Starrende Männeraugen, im Verhältnis zu einem „halben“ Blick einer Frau, auf fünf Bildschirmen, sind auf einen gerichtet, wenn man die Ausstellung betritt. Eine statistische Aussage. Fast übersieht man, dass sich einen Meter vorher, Zitate aus islamischen, christlichen und jüdischen Texte befinden. Eine Besinnung auf gemeinsame Ursprünge. Cherchez la Femme möchte nämlich Ruhe in eine aufgeheizte Debatte bringen und versteht sich als Anlass zum gemeinsamen Gespräch und nicht als abschließende Bewertung.

 

Cherchez la femmeein Raum, in dem mal nicht wieder ein Mann, sondern muslimische und jüdische Frauen zu Wort kommen und ihre Erfahrungen und den eigenen Blick mit ihren Besuchern, im jüdischen Museum noch bis zum 2. Juli, teilen.

Text und Fotos: Miriam Galler

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