KAPITEL
Punkrock

Manchmal Punkrock

Sie arbeitet für das Land Berlin – aber ihr Büro ist nicht in Mitte, sondern in einem Kulturquartier im Wedding. An der Wand hängt kein Portrait vom Bundespräsidenten, sondern ein Foto von Kurt Cobain. Katja Lucker hat den vermutlich coolsten Job, den der Berliner Senat zu bieten hat: Seit 2013 leitet sie das Musicboard als Musikbeauftragte Berlins und ist Chefin des Pop-Kultur-Festivals – und eine echte Hausnummer im deutschen Musikbusiness.

„Manchmal ist die Arbeit schon Punkrock“, sagt sie. „Wenn wir uns live anschauen dürfen, was wir gefördert haben.“ Nicht so Punkrock, aber elementar ist der bürokratische Teil ihres Jobs: Rund 1,7 Millionen Euro Fördergelder darf das Musicboard als Fördereinrichtung der „Senatsverwaltung für Kultur und Europa“ pro Jahr an Musiker*innen, Festivals, Konzertreihen usw. verteilen. Das kleine Team besteht aus fünf Frauen – eine Seltenheit im Musikbusiness. „Das hat sich einfach so ergeben“, erklärt Katja (Foto mit Martin Hossbach und Christian Morin), „wir verstehen uns gut!“ Bei seiner Arbeit muss das Team sich – wie immer, wenn es um Steuergelder geht – mit viel Kritik auseinandersetzen. Nicht jeder teilt die Meinung, dass Popkultur Förderung verdient hat. „Popkultur wird oft nur als das gesehen, was sowieso schon erfolgreich ist“, sagt Katja. „Aber eigentlich hat sie sehr viel mehr Facetten und ist teilweise extrem relevant.“

POPKULTUR IST HOCHKULTUR IST POPKULTUR

Beim Musicboard – das betont sie immer wieder – stehen die Musiker*innen im Vordergrund. Was gefördert wird, wird nach künstlerischer Relevanz entschieden – nicht nach potentiellen Verkaufszahlen. Dabei werden weder die ganz Großen noch die ganz Kleinen gefördert – es geht um Nachwuchs, also vielversprechende Künstler*innen und Projekte, die Starthilfe brauchen können. „Das Tolle ist, dass wir nicht von der Wirtschaft abhängen und uns auf die Kunst konzentrieren können. In der Musikbranche bist du normalerweise getrieben von der Industrie. Es ist für mich erstaunlich, dass diese gleichgeschaltete Mainstream-Musik gewollt wird. Das ist die Musik, auf die sich die Leute irgendwie einigen können. Wir fördern das, worauf man sich nicht so einfach einigen kann.“ Dass Popkultur auch Hochkultur sein kann und auch entsprechend finanziell gefördert werden sollte; davon ist Katja Überzeugt. „In anderen Kulturbereichen, zum Beispiel in der Klassik, ist das ganz normal. Da muss sich niemand rechtfertigen. Die Idee des Musicboards war von Anfang an, Popkultur als eigenständigen Kulturbereich anzusehen und zu sagen: Die muss endlich so ernst genommen werden, wie es ihr zusteht.“

NNER RUFEN MÄNNER AN

Wenn man sich anschaut, was das Musicboard in letzter Zeit gefördert hat, fällt auf, dass Diversität sehr ernst genommen wird: sehr viele Künstlerinnen, sehr viele LGBTQ*-Projekte. „Wir achten darauf und sind diverser als je zuvor. Inzwischen sanktionieren wir sogar, wenn bei den Line-Ups unserer geförderten Veranstaltungen die Quote nicht stimmt. Da hatten wir irgendwann die Schnauze voll, weil wir ständig darauf hinweisen und es dann trotzdem nicht gemacht wird.“ Ist das Musikbusiness also auch ein Machobusiness? „Total! Ich sage immer „Zählen hilft.“ Damit meint sie die erschreckend geringe Frauenquote auf allen Ebenen: bei der Jobverteilung, bei Line-Ups, in Gremien, auf Panels usw. „Männer rufen Mäner an. Und das geht so nicht! Das ist inzwischen so in mir drin, dass ich wirklich immer darauf hinweise und alle nerve.“

Einen allgemeinen Fortschritt sieht sie trotzdem, denn: „Man kann heute nicht mehr so tun, als müsste man akzeptieren, dass alles in weißer, männlicher Hand ist. Ich glaube an einen neuen, coolen Feminismus!“ Als positives Beispiel aus dem Musikkosmos nennt sie die Musikerin Kat Frankie, die im letzten Sommer einen Moderationsjob auf einem Festival abgesagt hat, weil das Line-Up nur aus Männern bestand. „Das hat sie boykottiert und öffentlich angeprangert. Sowas finde ich wichtig!“

KEIN „ABSPIEL-FESTIVAL“

Beim hauseigenen Festival des Musicboards – dem „Pop-Kultur“, das Ende August zum dritten Mal in Berlin stattfindet – wird alles anders gemacht. Die Diversität zieht sich durch alle Bereiche: Nicht nur das Konzert-Line-Up und die Programmpunkte, auch die Teilnehmer*innen und Dozent*innen des Nachwuchsprogramms – bei dem junge Menschen aus allen Sparten des Musikbusiness Workshops besuchen können – werden mit Anspruch auf Diversität handverlesen.

Außerdem ist Kollektivbildung gegen Ungerechtigkeiten ein wichtiger Fokus auf dem dritten „Pop-Kultur“. Beispielsweise stellen female:pressure ihre neueste Studie zur fehlenden Repräsentation von Frauen in der Musikbranche vor, es wird der Film „Raw Chicks“ gezeigt, der Musikproduzentinnen portraitiert, und einer der Workshops beschäftigt sich mit dem „männlichen Blick“ beim Kuratieren. Es wird viel Raum für Diskurs eingeräumt – interdisziplinär.

Ein anderer Schwerpunkt ist – wie gewohnt – die Kunst. „Oft sind Festivals dazu da, dass sich die Musikindustrie selbst darstellt. Bei uns ist das anders. Wir sind kein „Abspiel-Festival“. Es gibt natürlich auch Konzerte, aber eigentlich will ich davon immer mehr wegkommen. Wir wollen was Besonderes zeigen, sodass die Leute rausgehen und denken „Okay. Krass. Sowas hab ich noch nie gesehen.“ Deswegen wurden dieses Jahr auch zum ersten Mal „Commissioned Works“, also Auftragsarbeiten, vergeben – unter anderem an die Berliner Urgesteine Romano und Balbina, aber auch an spannende, internationale Acts wie R’n’B-Nachwuchs ABRA aus Atlanta. „Die Idee haben wir aus der Bildenden Kunst und Klassik Übernommen. Wir geben den Künstler*innen Budget und lassen ihnen freie Hand. Mir ist das wichtig, weil es ein weiterer Schritt ist, um Popkultur auf ein anderes Level zu heben.“

Wenn man Katja so von ihrer Arbeit, ihren Überzeugungen und ihren Prioritäten erzählen hört, dann schallt ein leises „Geht doch!“ im Hinterkopf. Dass all das von staatlicher Seite aus – nämlich vom Berliner Senat – ermöglicht wird, fühlt sich ganz schön ungewohnt an. Punkrock ist es aber irgendwie trotzdem, denn es wird sehr deutlich, dass Katja und ihr Team sowohl im Musicboard als auch beim „Pop-Kultur“ einen Riecher für das Progressive, Relevante und Besondere haben – und einen Drang nach mehr Diversität und Diskurs im Musikbusiness, den sie ausgerechnet mithilfe staatlicher Mittel einer viel zu homogenen und profitorientierten Industrie entgegensetzen.

Pop-Kultur-Festival / 23. – 25.08. auf dem Gelände der Kulturbrauerei / Mit Commissioned Works von ABRA, Fishbach, Romano, Balbina, und mehr / Konzerte von Little Simz, Lady Leshurr, All diese Gewalt, Alexis Taylor und mehr / Filmscreenings / Talks / Infos unter pop-kultur.berlin

balbina

PROGRAMMPUNKTTIPPS

„Let’s Talk About Gender, Habibi“, 23.08.17 / 20:00 – 20:40

Balbina (Foto links): Was. Weiß. Ich., 23.08.17 / 20:00 – 21:00

Raw Chicks.Berlin (Film), 24.08.17 / 19:00 – 20:40 & 22:00 – 23:40

We Make Waves (Talk), 24.08.17 / 18:40 – 19:40

female:pressure: „FACTS 2017, die Präsentation“, 25.08.17 / 17:40 – 18:40

 

 

Text: Johanna Warda

Foto (Aufmacher): Patrick Desbrosses

 

 

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *