KAPITEL
Mai

Per App Nachhaltigkeit massentauglich machen

Über eine Million Tonnen essbare Lebensmittel wandern jährlich alleine in der deutschen Gastronomie in die Tonne. Von den Entsorgungszahlen der Supermärkte ganz zu schweigen. Die Dänin Mai Goth Olesen hat davon schon lange genug. Mit einer App setzt sie sich gegen Nahrungsmittelverschwendung ein. Ihr Ziel: Resteverwertung muss Mainstream werden! Let’s talk about food waste!

Ein schlechter Ruf eilt der Digitalisierung voraus. Unsere Handys überwachen uns. Unternehmen wollen uns per „Personal Advertisement“ unseren letzten Cent abluchsen. YouTube und soziale Medien sind schwarze Löcher, die mit Sinnsprüchen, GIFs und Katzenvideos unsere Lebenszeit stehlen. Alles ist schrecklich. Doch kann das Internet nicht noch etwas anderes, als nur die Quelle der Prokrastination und der lange Arm des Konsums sein?

Es gibt einige strahlende Held*innen in den digitalen Wäldern, die auf ihren weißen Pferden und bewaffnet mit guten Ideen die Welt ein wenig besser machen. Mai Goth Olesen ist so eine. Die Umweltingenieurin und Startup-Gründerin aus Dänemark setzt sich schon lange privat gegen die Lebensmittelverschwendung in unserer Überflussgesellschaft ein und hat es sich vor ein paar Jahren zum Ziel erklärt, dieser mithilfe der modernen Technik ein Schnippchen zu schlagen.
Die Idee der App ResQ ist dabei so einfach wie genial: Sie vernetzt Restaurants, die am Abend oft noch Speisen über haben, mit Menschen, die Hunger haben. Für einen kleinen Obolus von etwa drei Euro kann man sich über ResQ bei einem teilnehmenden Restaurant eine Box mit leckerem Essen reservieren, die man dann zu einer bestimmten Zeit abholen kann. Der Inhalt der Box ist immer davon abhängig, was am Abend gerade übrig ist. Das Tolle: Die Kund*innen bekommen ein gutes Essen für wenig Geld und die Restaurants müssen nicht alles entsorgen und verdienen sogar noch ein wenig dazu. Win-win.
„Mein Ziel ist es, Nachhaltigkeit zum Mainstream zu machen!“, sagt Mai Goth Olesen überzeugt, während wir eine Limonade aus Kaffeekirschen, einem Abfallprodukt der Kaffeeherstellung, trinken. Die Dänin lebt, was sie predigt. Früher hat sie in Kopenhagen viel Dumpster Diving gemacht. Dabei kletterte sie nachts in die Container hinter den Supermärkten und holte sich heraus, was am Abend weggeworfen wurde: „Es war unglaublich, was ich alles gefunden habe: Verschlossene Getränkeflaschen, abgepackte Kleidung, frisches Gemüse – noch vollkommen tadellos, Kaffee, Schokolade!“ So viel Gutes wandert einfach in die Tonne. Doch Containern kostet viel Zeit und Schlaf. Außerdem bewegt man sich in einer legalen Grauzone und macht sich schmutzig. „Als ich nach Deutschland kam, habe ich dann Foodsharing gemacht. Aber auch das ist sehr zeitaufwendig. Oft dachte ich dann: Man müsste etwas machen, das auch ‚normale‘ Menschen anspricht. Schließlich wollen viele etwas Gutes tun und sich auch gegen Lebensmittelverschwendung einsetzen, aber nicht jede*r möchte sich nachts in einen Müllcontainer stürzen.“ „Normale“ Menschen benutzen Apps: schnell, sauber, praktisch.
2015 co-gründete Mai zusammen mit Freund*innen in Dänemark die Food Saving App Too Good To Go. 2016 ging sie dann mit ihrer App MealSaver eigene Wege. Vor einigen Monaten folgte die Fusion von MealSaver und dem finnischen Startup ResQ Club von Gründer Tuure Parkkinen. Unter dem Namen ResQ retten die beiden nun Lebensmittel in Deutschland, Finnland und Schweden. Mai, die in dieser Kooperation von Berlin aus für den deutschen Markt zuständig ist, war diese Zusammenarbeit ein Herzensanliegen: „Ich finde Kollaborationen in der Branche unglaublich wichtig. Es geht darum, Lebensmittelverschwendung einzudämmen und damit etwas Gutes für Bedürftige und die Umwelt zu tun. Da kann und darf es keine Konkurrenz geben.“
Tatsächlich gibt es in Deutschland genügend überschüssiges Essen – sogenanntes „Surplus Food“ – für alle. Denn Lebensmittelverschwendung ist hierzulande ein riesiges Problem! Nur 50 % der produzierten Lebensmittel werden bei uns auch gegessen. 18 Millionen Tonnen Essen wandern alljährlich in den Müll. Allein in der Gastronomie sind es jährlich über eine Million Tonnen. Umgerechnet ist das so, als würde man die Fläche Mecklenburg-Vorpommerns und des Saarlands zusammengenommen nur für die Tonne bewirtschaften. Mai erklärt mir: „Wenn man das ganze Essen, das in Deutschland weggeschmissen wird, konsumieren würde, bräuchte das Land keine Lebensmittel zu importieren!“
Das ist auch der Grund, warum sich Mai ganz bewusst mit anderen Organisationen in Verbindung gesetzt hat, die sich in Deutschland gegen Lebensmittelverschwendung einsetzen. Etwa mit Raphael Fellmer von Foodsharing und Timo Schmitt von der Berliner Tafel. Sie ist sich sicher: „Wir haben alle dieselbe Vision und müssen uns nicht gegenseitig kaputt machen. Von einer Zusammenarbeit können wir viel mehr profitieren.“ Zu Mais Netzwerk gehören auch andere, etwa Laura Zumbaum, die mit Selosoda, der oben genannten Kaffeelimonade, durchstartete, Restaurantbesitzer*innen, die nur mit Resten kochen, und viele mehr. Bald schon könnten sie alle gemeinsam eine Food-Waste-Lobby sein.
So eine könnte Deutschland – ach was, die Welt – nämlich gut gebrauchen. Immerhin ist es nicht nur schade um das gute Essen, das manch eine*r vielleicht gern noch verputzt hätte. Nein, Lebensmittelverschwendung ist Ressourcenverschwendung und richtig schlecht fürs Klima. Anbau, Verarbeitung, Verpackung, Lagerung, Transport und Zubereitung – und schließlich auch die Entsorgung – all das kostet Energie. Nach Rechnungen des WWF sind die 18 Millionen Tonnen Lebensmittel, die jährlich in Deutschland weggeworfen werden, für 48 Millionen Tonnen Treibhausgase verantwortlich. Als Umweltingenieurin ist Mai dieser Aspekt ihrer Arbeit besonders wichtig: „Wenn du Essen einfach wegwirfst, produzierst du quasi CO2-Emissionen, weil du ignorierst, wie viel Energie in die Produktion und den Transport der Lebensmittel geflossen ist.“ Aus diesem Grund ist der Dienst, den Mai und ihr mittlerweile 49-köpfiges Team anbieten, doppelt wertvoll. Denn wer bereits zubereitetes Essen verwertet, bewahrt es nicht nur vor der Tonne, sondern spart auch die Energie, die er oder sie sonst aufgewendet hätte, um sich selbst daheim etwas zu kochen. Surplus Food zu konsumieren ist also doppelt gut fürs Klima.
Bisher hat Mai 200 Tonnen Lebensmittel gerettet. In Deutschland haben bereits 160.000 Menschen die App auf ihren Smartphones installiert. 300 Restaurants machen allein in Berlin mit. Tendenz steigend. Inzwischen melden sich schon die Gaststätten von allein bei ihr und möchten mitmachen. Ein super Erfolg! Auf lange Sicht wollen Mai, Tuure und die anderen mit ResQ nicht nur Lebensmittel aus Restaurants vor der Tonne retten, sondern auch aus Supermärkten, von Caterings und aus Kantinen. Vielleicht können sie später auch noch andere Sachen retten: Blumen zum Beispiel. Die Gründer*innen haben viele Ideen.
„Ein Produkt wie unseres wäre noch vor sechs Jahren undenkbar gewesen. Nicht nur, weil Smartphones und Apps in den letzten Jahren zu einem Teil unseres Lebens geworden sind, sondern auch weil es jetzt eine wirkliche Nachhaltigkeitsbewegung gibt.“ Heute sind sich die Menschen bewusster, dass sie mit ihrer Konsumentscheidung etwas bewirken können. Das hängt auch mit der Digitalisierung zusammen: Denn die ermöglicht es uns, uns immer und überall über alles zu informieren. Wie viel Wasser braucht man, um eine Avocado anzubauen? Woher kommt das Silicium in meinem Handy? Wie sieht es in einer Näherei in Bangladesch aus? Und wie im Mastbetrieb? Ja, die Welt wächst über die schnellen Kommunikationskanäle zusammen, der Informationsfluss ist nicht aufzuhalten. Und auch die Organisation von Mai und Tuure gäbe es ohne die digitale Revolution nicht.
Insofern ist es zu kurz gegriffen, sich immer nur über die negativen Seiten der Digitalisierung auszulassen. Ja, das Internet ist eine Zeitfressmaschine, die uns mit Katzenvideos einlullt. Aber die weltweite Vernetzung hat nun einmal auch ihr Gutes, solange es Digi-Held*innen wie Mai gibt, die sie sich für soziale und nachhaltige Zwecke zunutze machen.

Text: Mae Becker  Foto: Bianca Jankovska

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