KAPITEL
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Selfmade Woman – Erwachsen werden ohne Anleitung

Quarter-life crisis ist die neue Ausrede der Millennials. Wir haben Selbstfindungs-Probleme und interpretieren sie als lebensbestimmende Krise. Aber die Zeit, die wir mit zweifeln verschwenden, könnte sinnvoller genutzt werden.

Es könnte als Urknall der eigenen geistigen Evolution bezeichnet werden. Der Moment, wenn man seine Eltern nicht mehr nur als diese, sondern als Individuen mit Hobbys außerhalb der Kindererziehung erkennt. Wenn man etwas über sie erfährt, das  nicht mit dem eigenen Bild von ihnen vereinbar ist oder wenn sie einfach nur selbstbestimmt handeln und man selbst keine Rolle dabei spielt.

Sind denn meine Eltern in der Verantwortung, aus mir einen selbstbewussten, lebensfähigen Menschen zu machen? Kann ich mich ein Leben lang darauf ausruhen, dass sie etwas falsch gemacht haben und ich mich damit abfinden muss? Oder kann ich mir eingestehen, dass es Zeit wird, mich davon abzugrenzen und selbst Verantwortung für mein Handeln zu übernehmen?

Der Abnabelungsprozess

Meistens knallt es ja, wenn man selbst in eine neue Lebensphase eintritt und neue Erfahrungen außerhalb des Elternhauses sammelt. Das kann überfordernd sein oder befreiend. Auf jeden Fall ist es aber eine Entwicklung, die man alleine macht und bei der man niemandes Händchen halten kann. Das beginnt dann vielleicht schon in der Schule – man kultiviert eigene Interessen und gründet mit Freund*innen eine Band, statt weiter zum Flötenunterricht zu gehen.

Dabei wechselt der Wunsch nach Anerkennung von der Familie zu den Freund*innen. Später dann sind es die Kolleg*innen oder Partner*innen, deren Ansprüchen man genügen möchte. Aber vor allem der Stolz auf eigene Leistungen ist wichtig, um zu erkennen, was man unabhängig von anderen erreichen möchte. Theater-Gruppe, Schülerzeitung, Schachclub in der Schule; Hochschulpolitik, Partyreihe oder Sportverein neben der Uni – aus einer Herausforderung wird die Motivation, mehr zu schaffen. Frühzeitig nach Kompetenzen zu greifen, die außerhalb der Erwartungen anderer an einen liegen, schafft Selbstvertrauen. Es sind der Ausbruch aus dem Gewohnten, die Konfrontation mit neuen Möglichkeiten, die einen erwachsen machen.

Den Absprung schaffen

Bindungen halten, was sie versprechen und uns somit oft an Ort und Stelle. Es tut nicht umsonst weh, die Stadt zu verlassen, ein paar Gewohnheiten einzureißen, sich neu zu orientieren. Die Suche nach dem perfekten Partner, Ort, Job oder Traum. Aus gutem Grund zieht es viele junge Menschen in die Großstädte, die Horte der Möglichkeiten, um sich weiter auszutesten und noch weiter zu entwickeln. Diese Bindungslosigkeit kostet Kraft und kann auch zu einigen Rückschlägen führen.  Trotzdem ergeben sich neue, ungeahnte Netzwerke erst dadurch, dass die Menschen ihre Fühler aus der Komfortzone strecken.

Und dann ploppt in Gedanken auch schon wieder das große ABER auf: Was, wenn es nicht funktioniert? Als unsere Eltern uns sagten, wir sollen doch machen, was uns Spaß macht, dann steckte dahinter noch immer der versteckte Nebensatz: „- solange du damit Geld verdienst.“ Ab Mitte 20 zittern sie jetzt jedes Jahr mit, sehen ihr Kind schon als Dauergast im Arbeitsamt. Auch während dem Studium merkt man schnell: für den Bachelor zu ackern, ohne nach links und rechts zu schauen ist keine Option. Vor allem für Kreativlinge ist die Freizeit das Kapital, mit dem es richtig zu wirtschaften gilt. Wer heute viel Geld in der kreativen Branche verdient, hat sich verkauft oder kann sich gut verkaufen. Diese Gratwanderung des kreativen Kapitalismus macht den meisten Uni-Absolvent*innen, die mit vielen Idealen auf den Arbeitsmarkt treten das Leben madig. Wieviele Sicherheiten muss ich lassen, damit ich freibestimmt kreativ arbeiten kann?

Geld gegen Ideal

Es ist sehr energiezehrend von einem schlecht bezahlten Praktikum zum nächsten zu wandern – wenn man sich das denn überhaupt leisten kann. Und dort bemerken wir, dass wir eigentlich mehr vollständige Arbeitskräfte denn Lernende sind. Die Konsequenz daraus kann Resignation sein. Oder aber der Schritt in die Selbstständigkeit; aus Eigeninitiative das erschaffen, was fehlt. Für Träume und Ideale einstehen und kämpfen. Sich mit Gleichgesinnten etwas aufbauen, sehen was funktioniert und was nicht. So wie man es schon in der Schulzeit oder während dem Studium geschafft hat, sich seine Freiräume auszugraben.

Ich sage nicht, dass das ein easy lifestyle ist- sonst könnte man ihn ja gut vermarkten. Es ist ein risikoreiches Leben. Genügend Menschen lassen sich durch ihre Ängste und die Bedenken anderer in eingebildete Schranken verweisen. Gedanken an potenzielles Scheitern und das Wohlwollen der Mitmenschen hinter sich zu lassen, fällt schwer. Manchmal müssen die eigenen Interessen mit viel Kraft gegen viel Widerstand vertreten werden. Angst dagegen verbaut einem viele Möglichkeiten.

Nicht darauf warten, dass jemand einem die Erlaubnis erteilt, sondern einfach machen: das lässt einen über sich hinaus wachsen. Die innere Stimme feuert an und ermöglicht das Erklimmen der nächsten Hürde. Worauf willst du am Ende deines Lebens stolz sein? Und wann solltest du damit anfangen, wenn nicht jetzt? Vom Glück überrascht wachen nur wenige Menschen in ihrer eigenen Utopie auf.

Warum? Weil wir es können.

Der Lohn dann vor allem: sehr stolz auf eigene Leistungen sein und einen neuen Blickwinkel auf die (Arbeits-) Welt bekommen. Sich selbst als Machende*n erkennen, statt als Handlanger*in. Projekte, vielleicht Start-Ups, die zu Beginn viel Zeit und Energie benötigen aber sich im Endeffekt – vor allem für die persönliche Entwicklung – mehr auszahlen, als ein 8h-Tag vor dem PC-Bildschirm bei der Ausbeuterfirma XY.

Es kann keine Anleitung zum Erwachsen werden geben. Es gibt auch kein Puzzle, das sich nach und nach zusammensetzt, je älter man wird. Es muss an allen Ecken und Enden gebohrt und geschliffen werden, manchmal geht etwas kaputt uns muss geflickt werden. Vielleicht radiere ich auch einfach etwas aus. Es ist ein DIY-Projekt. Und am Ende steht dann da nicht ein perfekter Mensch aus dem IKEA-Katalog, sondern eine Person, der man Erfahrung und Veränderung ansehen kann.

Text: Laura Seime Bild: Thomas Köster (@trotzkopfkino)

Dieser Beitrag hat 5 Kommentare

  1. Es ist mit Sicherheit eine schöne Sache, wenn man die eigenen Ängste überwinden und das Risiko des Scheiterns eingehen kann, weil man genügend Kapital oder auch soziale Absicherung (durch z.b. die eigenen Akademiker_innen-Eltern) hat. Sehr viele Leute haben das allerdings nicht und deshalb notwendigerweise Hemmungen einfach mal ein Start-Up zu gründen. Viele Menschen sind auf ihren 8h-Bildschirm-Job angewiesen, weil sie sonst ihre Miete und ihren Einkauf nicht bezahlen können. Und viele Menschen hätten sehr gerne überhaupt einen solchen 8h-Bildschirmjob. Nicht alle Menschen können es sich leisten nach „persönlichem Wachstum“ zu streben.

    1. Hallo bil,

      erst einmal danke für deinen Kommentar!
      Es ist tatsächlich ein eher persönlicher Artikel mit einem subjektiven Blickwinkel auf die Thematik, anders wäre dieser Text aber auch nicht glaubwürdig gewesen, da ich nur aus dieser Perspektive schreiben kann. Ich finde es interessant, dass schnell gemutmaßt wird, man wäre überdurchschnittlich priveligiert, wenn man seine Interessen beruflich ausleben möchte. Meiner Meinung nach ist es (in Deutschland) auch mit geringem Einkommen möglich, sich gewisse Freiräume zu schaffen.
      Es geht mir weiterhin nicht um das unüberlegte Ausleben von temporären Launen, sondern um die Verwirklichung von langfristigen Zielen, bzw. Idealen die viel Kraft und Ausdauer benötigen, auch für „Priveligierte“.

      Liebe Grüße
      Laura

      1. Ich mutmaße nicht, dass Personen privilegiert sind, die ihre Interessen ausleben wollen. Das in einer Art und Weise zu können, wie der Text es darlegt (Startup gründen, mal einfach den 8h Bildschirmjob sausen lassen) ist ein Privileg.
        Im Text fallen Wörter wie „Uni-Absolvent*innen“ und der Satz „Theater-Gruppe, Schülerzeitung, Schachclub in der Schule; Hochschulpolitik, Partyreihe oder Sportverein neben der Uni“, das verleitet mich schon zu der Annahme, dass hier eine (angehende) Akademikerin einen Text schreibt. Das finde ich auch absolut ok. Aber, und das finde ich einfach sehr wichtig bei Texten, die sich an einen „alle-können-was-werden-wenn-sie-sich-nur-trauen“-Spirit anlehnen, darauf hinzuweisen, dass das eben nicht stimmt und eine (Mittelschichts-)Argumentation ist, mit der ausgeklammert wird, dass viele Menschen in Deutschland beschissene Jobs machen müssen, weil eben nicht alle die gleichen Chancen und Möglichkeiten haben. Akademiker*innen können das vielleicht, voll geil, ehrlich jetzt. Und bei denen würde ich der Argumentation auch zustimmen, dass die Leute sich ruhig mal trauen sollen. Aber andere können das eben nicht und das klammert der Text komplett aus bzw. tut so, als wäre es reine persönliche Verantwortung unabhängig von sozialen Realitäten, lieber die sicheren Kohletten mitzunehmen als ein*e „Macher*in“ zu sein.

  2. leider sehr oberflächlich und vor allem aus scheinbar sehr privilegierter Position geschrieben, wenn das die Fragen sind, die bei einer sogenannten quarter-life-crisis eine Rolle spielen. Schade, eigentlich ein vielversprechendes Thema

    1. Hallo an!

      Auch dir danke ich für das Lesen und den Kommentar.
      Wie bereits bil, mutmaßt auch du hinter der Autorin, also mir, eine Person mit überdurchschnittlichen Privilegien. Das finde ich sehr schade, denn das würde implizieren, dass Menschen mit geringem Einkommen keine Chance haben, ihre Ideale zu vertreten oder Träume zu verwirklichen. Wie ich auch im Text schreibe, ist es keine einfach Angelegenheit, sich dahingehend immer wieder behaupten zu müssen. Manche stoßen dabei an mehr Grenzen, als andere. Gerade deswegen finde ich es wichtig, in erster Linie den Mut zu haben, nicht nur sich selber gewisse Freiräume zu schaffen, sondern auch andere in ihren Leidenschaften zu unterstützen!

      Viele Grüße
      Laura Seime

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