KAPITEL
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When they go low: „A Fantastic Woman“ auf der Berlinale

Der chilenische Regisseur Sebástian Lelio hat ein Händchen für Geschichten über Frauen, die sich würdevoll widerstreben: 2013 gewann er mit „Gloria“ den Preis der Jury. „A Fantastic Woman“ dreht sich um den Kampf um das Recht auf Trauer einer jungen Transfrau. Es ist ein empathischer Film über Schmerz, Würde, wahre Liebe – und über die Anfeindungen, denen man als Transperson ausgesetzt ist.

Der Film beginnt mit Szenen, die in einer anderen Art von Erzählung gut als Happy End getaugt hätten: Wir lernen Orlando kennen, einen Mann in seinen späten Fünfzigern. Er ist auf dem Weg, um seine deutlich jüngere Freundin, die als Sängerin arbeitet, von der Arbeit abzuholen. Sie feiern Marinas Geburtstag in einem schicken Restaurant. Dass Orlando Marinas Vater sein könnte, irritiert nur sehr kurz, denn es wird schnell klar, dass die beiden sehr verliebt sind. Es sind nur wenige Momente des Glücks, bevor der Film seine Protagonistin – die sich erst jetzt als solche entpuppt – auf eine Tour de Farce schickt: In der Nacht hat Orlando Schmerzen, Marina eilt mit ihm ins Krankenhaus. Wenige Szenen später bekommt sie seinen Tod durch ein Aneurysma verkündet.

Und dann prasselt der Argwohn der Welt auf Marina ein: Weil sie eine Transfrau ist. Nicht nur Orlandos Exfrau und sein erwachsener Sohn, auch die Polizei zweifeln den romantischen Ursprung der Beziehung der beiden an. Die Familie schafft es nur sehr kurz, einen respektvollen Umgang mit der Frau, wegen der der Vater sie verließ, beizubehalten: Marina wird aus der gemeinsamen Wohnung geworfen, sie nehmen ihr den gemeinsamen Hund weg und sie wird von der Trauerfeier ausgeschlossen. Orlandos Exfrau bezeichnet sie beim ersten Treffen als „Chimäre“ und die Beziehung zu Orlando als Perversion. Die Polizei zwingt sie zu einer Leibesvisitation, ein Polizist weigert sich, sie mit ihrem weiblichen Vornamen anzusprechen. Und schließlich schreckt Orlandos Sohn auch vor Gewalt nicht mehr zurück.

Und doch bleibt Marina meist unglaublich ruhig. Die Hauptdarstellerin Daniela Vega verleiht ihr eine kraftvolle, stille Würde. Alle Anfeindungen steckt sie mit einer unerschütterlichen Widerständigkeit weg. Stolz und stark besteht sie auf ihr Recht auf Trauer. Und sie kämpft allein: Hilfe von Personen in ihrem Umfeld nimmt sie nur widerspenstig an. Immer wieder wird sie von der Trauer um den Verlust ihres Freundes überrollt und beginnt, Orlandos Gestalt zu sehen. Und so inszeniert der Film eine ständige Wechselwirkung zwischen Trauer, Widerstand und dem Kampf um die eigene Identität.

Der Film schafft außerdem, was andere Inszenierungen von Trans-Thematik nicht zustande gebracht haben und was eigentlich selbstverständlich sein sollte: Eine Transperson als Hauptrolle zu besetzen. Und Daniela Vega schafft eine bemerkenswerte Performance. Als sie am Ende des Filme die Bühne einer großen Opernbühne betritt und anfängt, zu singen, ist das die beeindruckendste Darstellung von menschlicher Würde, die ich seit Langem auf einer Kinoleinwand gesehen habe.

Text: Johanna Warda
Bild: Internationale Filmfestspiele Berlin

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