KAPITEL
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Netzwerken für mehr Sichtbarkeit

Wie lassen sich Kontakte pflegen und spannende Frauen aus dem eigenen Umfeld zusammenbringen? Diese Frage umtrieb Tijen Onaran schon eine ganze Weile, bevor sie sich entschloss, ein Women-Meet-up ins Leben zu rufen. Die Resonanz darauf machte ihr schnell klar, dass sie nicht die Einzige ist, die ein verzweigtes Frauennetzwerk schätzt.

Mit Women in Digital, oder kurz: WIDI, hat Tijen Onaran vor einem Jahr einen solchen Raum für Expertinnen aus der digitalen Wirtschaft geschaffen. In ihrer Community erreicht die 31-Jährige monatlich über 20.000 Frauen. Dem Netzwerk selbst sind bereits 800 Personen aus der Branche beigetreten. Ihr Ziel ist es, Gründerinnen und Entscheiderinnen aus Unternehmen, Medien und Politik sowie aus Organisationen und Verbänden eine Möglichkeit zum Austausch zu bieten und damit auch die Sichtbarkeit von Frauen in der Digitalbranche zu erhöhen.

Die Idee kam Tijen bezeichnenderweise bei der Arbeit. Nämlich 2011 als sie noch das Wahlkreisbüro von FDP-Politikerin Silvana Koch-Mehrin leitete. Der Hintergrund in der Politik mutet für die Gründerin eines digitalen Netzwerks auf den ersten Blick erst einmal ungewöhnlich an, macht auf den zweiten aber sehr viel Sinn. Denn Vernetzungen und Koalitionen sind im politischen Betrieb gang und gäbe. „Zudem ist es ein Bereich, in dem man unfassbar viele Menschen trifft und merkt, dass jede*r eine interessante Geschichte zu erzählen hat“, so Tijen. Da sie sich gern von spannenden Persönlichkeiten inspirieren lässt und die Erfahrung gemacht hat, dass es anderen Menschen da ähnlich geht, entschied sie sich 2015 nach Ausscheiden aus der Politik kurzerhand dafür, die erlernten Networking Skills auf die Welt außerhalb der Politik zu übertragen.

„In meinem Umfeld gab es sehr viele tolle Frauen, zu denen ich gern Kontakt halten wollte. Gleichzeitig überlegte ich mir, dass es auch gut wäre, wenn sie sich gegenseitig kennen lernen könnten. Alle sind sehr unterschiedlich, aber ich dachte mir, sie könnten sich gut verstehen.“ Tijen setzte sich also an ihren Rechner, stellte einen Verteiler zusammen und lud alle ihre spannenden weiblichen Kontakte in ein Restaurant ein, unklar, ob überhaupt jemand kommen würde. „Ich saß also an einem Tisch und wartete. Die erste Viertelstunde habe ich ziemlich gezittert, weil niemand erschien. Letztendlich kamen dann doch zwölf Frauen.“ Das war der Anfang von WiDi Afterwork.

Mittlerweile findet das Treffen einmal im Monat statt. Und es widmet sich nun einer klaren Zielgruppe: Frauen in der Digitalwirtschaft. Gleichzeitig hat sich Format erweitert: Aus dem gemeinsamen Dinner ist eine Veranstaltungsreihe geworden, bei der jedes Mal eine andere Expertin ihre Arbeit vorstellt.

IMG_2856_SWDie neue Ausrichtung war auch gut für die Erweiterung des Netzwerks, denn die Teilnehmerinnen fingen an, Freundinnen und Bekannte aus der digitalen Wirtschaft mitzubringen. Ein Selbstläufer, denn: „Menschen ziehen nun einmal Menschen mit gleichen Mindsets an.“ Spannenderweise treffen auf den Veranstaltungen dann auch ganz unterschiedliche Frauen aufeinander – etwa Medien-Start-up-Gründerinnen auf Managerinnen. Gemein haben sie den digitalen Ansatz in ihrer Arbeit. Da kommt man schnell ins Gespräch, kann sich austauschen, voneinander lernen – oder eben sich gegenseitig weiterempfehlen und manchmal sogar einen Job vermitteln.

Die Digitalisierung betrifft nun einmal alle. Und sie ist noch immer ein relativ neues Arbeitsfeld, das sich permanent entwickelt. Auch in Zukunft wird die Digitalisierung die Strukturen der Arbeitswelt auf den Kopf stellen, und dann tut so manche*r gut daran, Teil eines Netzwerks aus Expert*innen zu sein. Insbesondere junge Frauen und andere Neueinsteiger*innen können aus dem Austausch im Netzwerk viel neuen Input ziehen. „Ein gutes Netzwerk greift meistens dann, wenn sich deine Lage verschlechtert“, weiß Tijen. „Wenn du beispielsweise arbeitslos geworden bist, dann muss dein Netzwerk da sein.“

Auch für die Wirtschaft ist das Netzwerk WIDI interessant. Denn es ist inzwischen ein für viele Unternehmen und Headhunter spannender Talent-Pool geworden. Dass WIDI als eingetragener Verein mit ihren Veranstaltungen Menschen ganz anders – nämlich neutraler – erreichen kann, ist ein großes Plus. Bei den Events tummelt sich dann eine wesentlich diversere Gruppe, als das bei ähnlichen firmengebundenen Networking Events der Fall sein könnte. „Gleichzeitig können die Unternehmen auch zeigen, welche interessanten Frauen sie in ihren Teams haben, wenn diese beispielsweise als Speakerinnen ihre Arbeit bei uns vorstellen“, erklärt Tijen. „Die Verbindungen sind quasi organisch gewachsen. Mit den WiDi-Mitgliedern.“ Neben der Afterwork-Reihe in Berlin und Hamburg veranstaltet Tijen mittlerweile dreimal im Jahr große (und im Übrigen kostenlose) Events, an denen etwa 100 Frauen teilnehmen. Unter verschiedenen Mottos – etwa „New Work“, „Frauen und Finanzen“ oder „Digitale Bildung“ – sollen bei den Veranstaltungen „nahbare Role Models gezeigt werden, mit denen sich junge Frauen identifizieren können.“

Tijen legt viel Wert darauf, dass es bei ihrem Netzwerk nicht nur um das Frausein an sich geht, sondern dass der Schwerpunkt vielmehr auf dem fachlichen Austausch liegt. Die junge Unternehmerin sucht daher die Kooperation mit anderen Veranstaltern und möchte die Frauen aus ihrer Community gern auch auf anderen Panels sprechen hören: „Das Thema Sichtbarkeit ist sehr wichtig. Ich glaube, je mehr Frauen man sieht, die eine gewisse Rolle und Vorbildfunktion einnehmen, desto mehr verändert sich auch in den Köpfen.“

Text: Mae Becker Foto: Stephan Redel

 

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