KAPITEL
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Keep On Traveling: Palawan

450 km lang und bis zu 70 km breit, Traumstrände, Wasserfälle, Höhlen, Reisfelder, Fischerdörfer, Tiefland- und Bergregenwälder, im Süden mit 2.085 m am höchsten, 28 Grad und heißer, 60% relative Luftfeuchtigkeit, 230 Tier- und 1.500 Pflanzenarten – so lässt sich die Insel Palawan aufgrund ihrer Einzigartigkeit stellenweise zum UNESCO Weltnaturerbe erklärt, kurz umschreiben.

Immerfeucht tropisch am Südchinesischen Meer oberhalb von Borneo liegt das von einer Bergkette durchzogene Eiland im Südwesten der Philippinen. Palawan ist Wildnis. Palawan birgt Geheimnisse. Palawan entdeckt den Tourismus.

Kleine Ortschaften werden an das Straßennetz angeschlossen. Stromkabel sollen folgen. Die Küste bleibt alternativer Highway. Traditionelle Outrigger Boote, die Bangkas, befördern auch Reisende und verbinden Inseln, Buchten und Dörfer. Palawan ist per Gesetz Biosphärenreservat und zählt zehn Naturschutzgebiete sowie zwei Nationalparks. Ein Drittel der Inselfläche wird landwirtschaftlich genutzt – Reis, Bananen, Cashew, Mangos, Palmöl, Holz.

Die meisten philippinischen Reiseführer widmen Palawan – eine von 7.000 philippinischen Inseln – ein ganzes Kapitel. Die sechst größte und am dünnsten besiedelte Insel des Landes wird als „verführerisch“ und „ländlich idyllisch“ beschrieben. Indigene Ethnien und Nachfahren späterer philippinischer Einwanderer bilden die beiden größten Bevölkerungsgruppen der etwa eine Million überwiegend katholischen Insulaner.

Palawan ist nicht nur Lebensraum seltener Tiere. Immer häufiger trifft man auf Ausländer, die länger oder sogar für immer bleiben wollen. Palawan zieht Menschen an, die rohe Bedingungen und
natürlich gebliebene Welten als angenehm friedliche Umgebung wahrnehmen. Sie erkennen, dass dieser Status bewahrt werden kann, wenn positiv Einfluss genommen wird.

Zena und Joel – eine in Dänemark aufgewachsene Irakerin und ein Schweizer Filipino – haben vor drei Jahren ihren Rückflug sausen lassen. Beide Mitte 30-jährigen Künstler unterhalten eine Urban Art Gallery und ein winziges Resort. Zusätzlich rufen sie nachhaltige Projekte ins Leben. Sie sensibilisieren beispielsweise ihre Nachbarn, Müll zu vermeiden, indem sie jedem 1kg Plastikmüll gegen 100g Pflanzensamen tauschen. Der Brite Jack kann auf eine zehnjährige, sehr erfolgreiche Entwicklung von TAO zurückblicken. Sein beispielloses Öko-Tourismus-Projekt in der Nähe von El Nido zeigt auf, dass mehrere hundert Menschen ein erfülltes Leben und eine vielversprechende Zukunft haben können, weil ein Unternehmer seine Einnahmen teilweise und direkt der Gemeinde zukommen lässt. Alle Touristen, die auf einem der TAO-Boote eine Tour buchen, bauen indirekt Kindergärten und Schulen oder sind dafür verantwortlich, dass Kinder und Jugendliche Bücher zum Lernen haben. An der Westküste entsteht seit diesem Jahr das Kaibigan Soul Camp mitten im Nichts – ohne Mobilfunkempfang, TV- oder Internet-Signal, mit Wasserquelle, Solaranlage und reichlich Natur. Den vier Betreiberinnen aus Norddeutschland geht es vor allem um den Austausch zwischen Gästen, Crew und Dorfbewohnern sowie um den bewussten Umgang mit Ressourcen. Das Camp soll ein Ort bleiben, der ursprüngliches philippinisches Strandleben vermittelt und Besuchern ein authentisches Bild der Insel liefert. In der unmittelbaren Nähe des „Puerto Princesa Subterranean River National Park“, dem längsten befahrbaren Untergrundfluss der Welt, bieten Romain, Vincent und Jenny seit einem Jahr Unterkünfte an. Ein französischer Akzent verrät die Herkunft. Umweltschutz ist für sie kein Modewort, sondern ein echtes Versprechen an die Ulugan-Bucht.

kaibanEinheimische Palaweños verlassen ihre Insel selten. Der Familie und ihrer Belange widmen sie die meiste Aufmerksamkeit. Bei der Begrüßung wird als Geste für Zuneigung und Respekt die Hand der Älteren leicht an die Stirn gedrückt. Manche Frauen haben zehn oder mehr Kinder zur Welt gebracht. Die zieht es in der Jugend in die Städte und irgendwann wieder zurück. Mehrgenerationenhaushalte sind völlig normal. Man könnte mangelnde Aufklärung unterstellen, denn kinderreiche Familien sind ihrem Glaube an Gott geschuldet. Der hält sie aber nicht davon ab, offen gegenüber anderen Lebensmodellen zu sein. Denn Menschlichkeit ist die größte Stärke der Filipinos. Das spiegelt sich in ihrer Hilfsbereitschaft, ihrem Humor, in der aufgeschlossenen Art und Lebensfreude wieder.

Die Schönheit der Menschen und die der Natur zu bewahren, erfordert nachhaltiges und innovatives Wirken. Wie Investoren mit falschen Absichten eine einst wunderschöne Region verpfuschen können, lässt sich in El Nido beobachten. Hier wird Thailand imitiert: zu schnell zu viele neue Betten, zu wenig Wasser, unzureichende Infrastruktur und die höchste Touristendichte der Insel. Dazwischen auffällig schöne Landschaften, unzählbare Lagunen, weißer Sand, bunte Fische und einsame Inseln so groß wie eine Eigentumswohnung.

 

Elizabeth Cardozo und Pascale Hartmann aus Hannover und Gela und Silke Zenker aus Hamburg bauen seit Januar 2016 Hütten auf Palawan. Völlig ungestört liegt ihr „Kaibigan Soul Camp“ als einziges Resort in der Bucht von Cabuyao an der Westküste der Insel. Das Camp Gelände umfasst ein weitläufiges palmenbewachsenes 1,5 Hektar großes Areal, welches sich zwischen Berghang und Strand verteilt. Bis zu 20 Gäste können bald in individuell gestalteten Unterkünften, für unterschiedliche Vorlieben und Budgets, wohnen.

Ihr baut gerade ein Resort auf Palawan. Wie kam es dazu und was ist eure Idee?

Elli: Ursprünglich kam die Idee ganz unabhängig voneinander, obwohl wir uns schon viele Jahre kennen. Zwei glückliche Umstände begünstigten dann eine gemeinsame Entscheidung. Meiner Mutter gehört das Gelände, auf dem wir bauen. Und unsere beruflichen Hintergründe lassen sich bei unserem Vorhaben optimal kombinieren.

Pascale: Der Wunsch sich selbstständig zu machen, war schon lange da. An Ideen hat es nie gemangelt, aber in Deutschland passten einfach oft die Rahmenbedingungen nicht. Das Bauchgefühl muss natürlich auch stimmen. Und so ne Strandbar am Meer…

Gela: Wir sind durch halb Asien gereist, haben schöne Resorts entdeckt und Menschen mit Mut kennengelernt. Jetzt möchten wir es selbst versuchen und einige Dinge anders machen.

Elli: Bei uns kann man zum Beispiel gemeinsam auf Feuerstellen kochen oder wenn die Fischer morgens zurückkehren echtes Strandleben kennenlernen.

Silke: Dass Basketball der philippinische Nationalsport ist, wusste ich zum Beispiel nicht. Alle sind verrückt danach. Wir möchten deshalb am Wochenende Spiele zwischen der Dorfmannschaft und dem Camp organisieren.

Wie kompromissbereit oder kompromisslos muss man sein, um ein derartiges Projekt verwirklichen zu können?

kscp_team_01_fotocredit_sebastianfrickeGela: Auf der einen Seite gilt: Flexibilität ist alles. Man muss akzeptieren, dass die Dinge nicht immer genauso laufen wie geplant. Das Ziel darf man andererseits niemals aus den Augen verlieren.

Silke: Wenn man zu viert ist, muss man Kompromisse machen können. Die Vision sollte aber kompromisslos die Gleiche sein. Denn, wenn sie das nicht ist, glaubt man an kein gemeinsames Ziel. Um das herauszufinden, haben wir viele lange Gespräche geführt.

Pascale: Der kulturelle Unterschied auf den Philippinen ist groß. Filipinos ticken generell anders als wir. Für uns ist es mega wichtig, dass Elli die Sprache spricht und weiß, wie man mit den Menschen umgeht. Da legt man die deutsche Mentalität besser schnell ab, um andere, teilweise auch bessere oder einfachere Lösungen zu finden.

Elli: Wir lernen jeden Tag dazu und bringen ganz viel Geduld auf. Die Abläufe hier sind anders. Baumaterial ist oft nur begrenzt verfügbar. Amazon gibt es hier nicht.

Was bestärkt euch in eurer Entscheidung zum Auswandern?

Elli: Außer dem Wetter, dem Essen und den Mädels?

Gela: Mir geht es im Grunde tatsächlich um das abgedroschene Wort „Selbstverwirklichung“. Ganz unabhängig vom Ort.

Pascale: Mit den finanziellen Mitteln, die wir haben, hätten wir in Deutschland kein derartiges Projekt auf die Beine stellen können.

Silke: Mich bestärkt, dass wir zu viert sind. Und dass enge Freunde uns besuchen wollen. Hilfreich sind auch Sätze wie „Nehmt mich mit. Ich will das auch machen.“ Es waren auch schon Freunde, die beim Bauen geholfen haben, ein paar Wochen bei uns. Sie fanden es wunderschön bei uns, obwohl es noch eine Baustelle ist.

Was sind die wesentlichen Unterschiede zwischen dem Leben in Deutschland und dem Leben auf der Insel?

Silke: Die Unterversorgung mit Nachrichten. Man ist nahezu abgeschnitten. Internet, TV, Radio, Zeitungen, Fehlanzeige. Erstaunlicherweise finde ich das sogar ganz gut.

Gela: Einige Informationen hätten wir natürlich schon gerne etwas aktueller, aber dafür gibt’s jede Menge Buschfunk und echte Menschlichkeit.

Elli: Die Uhr tickt anders, langsamer und mit anderen Prioritäten. Damit steigen dann aber die Lebensqualität und wahrscheinlich auch die Lebenserwartung.

Pascale: Man muss auf einige Dinge verzichten, bekommt dafür aber andere Dinge zurück. Zum Beispiel kauft man Lebensmitteln nach Verfügbarkeit und Saison. Die sind dafür frisch, bio und lecker. Geschirrspüler und Waschmaschine verbrauchen zu viel Solarstrom. Also beschäftigen wir zwei Leute mehr. Wir schaffen Arbeitsplätze und unterstützen so die Menschen aus den umliegenden Dörfern.

Wie sieht derzeit eine typische Woche aus?

Pascale: Wir bauen das Camp nicht alleine. Sondern haben Hilfe von Freunden aus Deutschland und Arbeitern aus der kaibanbauNachbarschaft. Die kommen um 8 und arbeiten bis 5. Wir Vier machen ganz klassische Arbeitsteilung. Elli und ich kümmern uns zum Beispiel um die Materialbestellung und die Einteilung der bis zu 35 Arbeiter.

Silke: Letzte Woche haben wir Hängeregale für unsere eigenen Zimmer gebaut. An dieser Stelle möchte ich erwähnen, dass ich mir beim Flexen den Daumen halb abgeschnitten habe. (lacht)

Gela: Wir stehen meistens mit der Sonne auf. Wenn die Arbeiter anfangen, frühstücken wir und machen unsere zweite Besprechung.

Silke: Gela schreibt dann alles auf unser Whiteboard.

Pascale: Wir organisieren uns schon ganz gut, planen aber meistens nur drei vier Tage im Voraus. So bleiben wir flexibel, denn einiges passiert hier spontan.

Elli: Viele Details werden an den einzelnen Baustellen besprochen. Wir entscheiden zum Beispiel an Ort und Stelle, wie die Badezimmertür aussehen soll.

Silke: Ein bis zwei Mal pro Woche fahren wir in die Stadt nach Puerto Princesa, um einzukaufen. Markt, Supermarkt, Baumarkt. Gemüse, Bier, Nägel. Dort checken wir auch Emails, Skypen und laden Fotos auf unsere Facebook-Seite.

Welche Palawan-Tipps könnt ihr Reisenden geben?

Gela: Einer meiner Lieblingsstrände ist der wunderschöne 3 km lange Nacpan Twinbeach. Und das Essen bei Dennis im Ursula Beach Resort in Sibaltan kann ich empfehlen.

Silke: Ich empfehle für Palawan mindestens drei Wochen Zeit einzuplanen, wenn man die ganze Insel sehen will.

Pascale: Der beste Geheimtipp ist natürlich unser Camp in Cabuyao. Sonne, Strand und Meer sind die Basis-Zutaten. Dazu kommt, was ihr wollt: Yoga, Bootsausflüge, Dschungeltouren, Fischen, Kochen, Schwimmen, Wandern, Chillen, Basketball, Sonnenuntergänge, Kokosnüsse, Lagerfeuer, BBQ. Hab ich was vergessen? (lacht)

Elli: Eine befreundete Tagbanuwa aus der Nachbarbucht sagte zu mir „Ich kann nur Bambus schlagen“. Und ich sagte zu ihr „Du kennst den Wald, den Fluss, die Berge. Das kannst du mir und anderen zeigen.“ Mein Tipp: geht mit dieser Frau in den Dschungel!

Welche Gäste erwartet ihr?

Gela: Wir freuen uns über Menschen, die eine Auszeit suchen und sich inspirieren lassen.

Pascale: Auf jeden Fall solche, die Länder auf eigene Faust erkunden und individuell herumreisen wollen.

Silke: Unsere Gäste kommen sicherlich überwiegend aus Europa oder aus Nachbarländern wie Australien.

Elli: Wir möchten aber auch interessant sein für Filipinos aus den Großstädten. Alleinreisende sollen sich genau so wohlfühlen wie Familien oder Pärchen.

Könnt ihr Palawan als gay friendly bezeichnen? Welche Erfahrungen habt ihr gemacht?

Silke: Ich habe bisher keine Ablehnung gespürt. Ich erwarte das auch nicht. Ein zwei Lesben habe ich in Puerto schon gesichtet.

Elli: Grundsätzlich gibt es auf den Philippinen wie auch in Thailand viele Tomboys und immer wieder Jungs, die offen ihre Weiblichkeit zeigen. Ansonsten wird in der Öffentlichkeit, ob hetero oder gay, eher selten Zärtlichkeit ausgetauscht.

Gela: Mir ist eine Unterhaltung mit einer 13-Jährigen noch in Erinnerung. Ich habe sie in einem Gespräch über ihren katholischen Glauben gefragt, was sie denn eigentlich von uns zwei Pärchen hält. Ihre Antwort: Wo Liebe ist, da ist auch Gott. Simpel und pragmatisch, Filipino Style eben.

Pascale: Ein schönes Erlebnis war unsere Hochzeitszeremonie am Strand im letzten Jahr. Das halbe Dorf hat mit uns gefeiert. Diesen Tag werde ich natürlich nie vergessen.

Lonely Planet
Kaibigan Soul Camp
Kahamut An
TAO
Kiao Resort

Text Charlotte von Thomashof
Fotos Elizabeth Cardozo
Dieser Artikel ist zuerst erschienen in Libertine Ausgabe 2.

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