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Eine weiblichere Welt – eine bessere Welt?

Zwei Drittel der Menschen weltweit sind der Meinung, die Welt wäre ein besserer Ort, würden Männer mehr wie Frauen denken. Ein Wunsch dem wir uns immer mehr annähern. Eine 2013 angefertigte internationale Studie zeigt, dass vor allem Millenials typisch weibliche Werte immer höher schätzen. Die Shell-Jugenstudie bestätigt dies und in Norwegen zeigen die ersten Jahrgänge genderneutraler Erziehung in Kindergärten und Schulen ihre Ergebnisse. Was passiert, wenn die Welt weiblicher wird? Ein Überblick.

Wenn es nach John Gerzema und Michael D’Antonio geht, müsste Hillary Clinton in der US-amerikanischen Präsidentschaftswahl eigentlich gute Karten haben. Die beiden Sozialwissenschaftler haben bereits im Jahre 2013 in ihrem Bestseller “The Athena Doctrine” die These aufgestellt, dass es nicht nur Unterschiede zwischen männlichen und weiblichen Führungsstilen gibt, sondern auch dass sich in Zeiten der Krise weibliche Problemlösekompetenzen ganz besonders bewähren. In anderen Worten: Männliches Machtgebaren ist out.

Bei ihrer Untersuchung ließen sich die Wissenschaftler zunächst von eigenen Beobachtungen leiten. So stellten sie fest, dass während der Welt-Wirtschaftskrise der 1930er Jahre gerade solche Unternehmer Erfolg hatten, die sich besonders flexibel und vorausschauend verhielten. Die sogenannte “Silent Generation”, also die Gruppe von Menschen, die während der Wirtschaftskrise ins Berufsleben eintrat, legte vor allem Wert auf Innovationen und Praktikabilität, sie ging neue Wege und nahm vom Statusgebaren ihrer Vorgänger Abstand. Ebendiese Züge beobachten Gerzema und D’Antonio verstärkt auch bei den erfolgreichen Entrepreneurs unserer Zeit. Und noch etwas ist den Wissenschaftlern aufgefallen: Sowohl damals als auch heute handelt es sich bei den vielversprechenden Eigenschaften um vermeintlich ‘traditionell weibliche Kompetenzen’. Gerade diese scheinen das richtige Handwerkszeug zu liefern, um in unserer komplexe, vernetzten, schnelllebigen Welt zu bestehen, so die These. Weibliche Werte und Handlungsmuster könnten gar Schlüsselkompetenzen sein, um die Wirtschaftskrise zu lösen. Wäre also die Welt ein besserer Ort, wenn sie weiblicher wäre?

Schon beim Schreiben dieser Zeilen sehe ich die gerunzelte LeserInnenstirn vor mir. Ja, nicht nur die Fragwürdigkeit dieses Ansatzes ist offensichtlich, sondern auch die Kritik schnell formuliert: Was soll das eigentlich heißen: „typisch weiblich“, „traditionell weiblich“? Muss man da nicht differenzieren? Werden da nicht Stereotype aufgemacht und Sachen gleichgesetzt, die nicht gleich sind? Von wessen Tradition ist eigentlich die Rede? Und was sollen das für Kompetenzen sein?

Tatsächlich stoßen Gerzema und D’Antonio am Anfang ihrer Untersuchung mit ihren vorgefertigten Parametern vom ‘typisch Weiblichen’ auf Widerstand. Schließlich können sie – zwei weiße US.-Amerikaner mittleren Alters – sich nicht nur auf ihr eigenes Gefühl verlassen, wenn es darum geht, zu bestimmen, welche Werte und Eigenschaften welchem Gender zugeordnet werden. Auch könnte sie ihre Einschätzung, dass weibliche Werte gerade einen Boom erleben, sehr wohl trügen. Und schließlich lässt sich auf Grundlage singulärer Beobachtung auch keine universale (international gültige) Aussage treffen: Es mag schon sein, dass manche Eigenschaften traditionell eher Frauen zugeschrieben werden, aber was macht sie sicher, dass dies nicht nur eine Zuschreibung in der westlichen Welt ist?

Um der Kritik zu begegnen, entscheiden sich die beiden, ihr Gefühl statistisch abzusichern. In einer großangelegten Studie befragen sie 64.000 Menschen aus 13 Ländern in Nordamerika, Südamerika, Europa und Asien. Eine Hälfte der TeilnehmerInnen sollten anhand einer vorgegebenen Liste an menschlichen Eigenschaften entscheiden, welche sie eher mit Frauen und welche sie eher mit Männern assoziieren. Auch neutrale Antworten waren möglich. Eine zweite gleichgroße Gruppe sollte bestimmen, wie wichtig sie die genannten Eigenschaften persönlich einschätzen und zwar im Hinblick auf Führungsvermögen, Erfolg, Moral und allgemeine Zufriedenheit.

TabelleInteressanterweise ergaben beide Umfragen weltweit ähnliche Ergebnisse: Kultur-, gender-, und altersübergreifend wurden nicht nur die gleichen Eigenschaften als feminin, maskulin oder neutral bewertet. Sondern die Befragten befanden auch, dass ebendiese ‘weiblichen Kompetenzen’ den größten Einfluss auf ein gutes Leben haben oder haben sollten. In allen vier Bereichen überholten die weiblichen Werte die männlichen um Längen, d.h. sie wurden als wichtigste Eigenschaften wahrgenommen, um ein moralisch richtiges und glückliches Leben zu führen und gelten als Indikatoren für Erfolg und Selbstbestimmung. Gerzema und D’Antonio sagen gar, weibliche Verhaltensweisen korrelieren stark mit der Vorstellung, die Welt zu einem besseren und lebenswerteren Ort zu machen.

Die Daten zeigen auch die Unzufriedenheit mit den Entscheidungsträgern der jüngeren Vergangenheit an. So fühlt sich etwa der Großteil der Befragten – und zwar sowohl Frauen als auch Männer – von männlichem Machtgebaren gegängelt und ist frustriert von aggressiven, kontrollierenden und rivalisierenden Verhaltensmustern in Politik und Wirtschaft. Im männlichen Führungsstil sehen viele die Ursache moderner Probleme, etwa von sozialer Ungleichheit, aber auch von internationalen Konflikten, Krisen und Kriegen. Männliche Politik wird mit geheimen Absprachen zum Machterhalt, mit Korruption und undurchsichtigen Machenschaften assoziiert.

Nicht verwunderlich ist daher, dass sich die Befragten einen Wertewandel wünschen und damit auch eine neue Art von Führungspersönlichkeit. Nämlich eine, die sich an den oben genannten weiblichen Werten orientiert. Die Zahlen zeigen: Die ideale moderne Führungskraft ist expressiver, zeigt offen Gefühle, ist ehrlicher und insgesamt zugänglicher. Sie handelt intuitiver als bisher und fühlt sich in ihr Gegenüber ein, trifft ihre Entscheidungen rational, wohlüberlegt und praktisch, nicht aber ideologisch. Dabei ist sie an nachhaltigen Lösungen interessiert und nicht nur an kurzzeitigem Machterhalt. Am wichtigsten ist aber sicherlich, dass die ideale moderne Führung kein Ein-Mann-Betrieb mehr, sondern in ein Netzwerk aus Interaktionen und Kooperationen eingebunden ist. Kommunikation, Flexibilität, Arbeits- und Gewinnteilung sind effektive weibliche Problemlösungskompetenzen, die sehr viel höher eingeschätzt werden als typisch männliche Revierkämpfe und Ellenbogenmentalität.

Auch in den anderen Bereichen zeigt sich, das typisch weibliche Werte als essenziell angesehen werden, um nach heutiger Auffassung ein erfolgreiches und moralisch richtiges Leben zu führen. Immer wieder wird offensichtlich: Kooperation und Empathie bilden Kernwerte, die in der schnelllebigen Welt unerlässlich sind. Glück wird hingegen nicht mehr an Wohlstand gekoppelt, sondern vielmehr mit neuen Währungen wie Wissen oder auch Einfluss. Etwas zu können ist heute wichtiger als etwas zu haben. Selbstverwirklichung, Work-Life-Balance, Zeit für sich und für Familie und Freunde, das Ausleben von Hobbies und ein enges soziales Netzwerk werden immer wichtiger und ersetzen traditionell männlich dominierte Werte wie Macht, Ansehen und Besitz.

Die von John Gerzema und Michael D’Antonio durchgeführte Studie belegt dabei Trends, die wir schon längst aus unserem Alltagsleben kennen, auch wenn wir sie bisher vielleicht nicht als typisch feminin eingeordnet haben. Die Abkehr vom Materialismus ist etwa in der Sharing-Bewegung ganz deutlich zu erkennen. Auch in deutschen Großstädten teilt man sich mittlerweile Autos, verleiht Werkzeug und borgt sich Leitern von Fremden. Mit der Digitalisierung werden auch überregionale Kooperationen möglich, etwa durch File Sharing in der Wissenschaft oder Kollektivbildung in der Kunst. Auch in der Start-Up-Szene oder im sozialen Bereich erwecken viele Projekte durch Crowdfunding oder Fundraising zum Leben.

Dass mit dem Einzug von mehr Weiblichkeit in Unternehmen auch eine größere Rendite erwirtschaftet werden kann, haben diverse andere Studien der letzten Jahre aufgezeigt. Die Probleme sind alt, aber die Strategien sind neu – sie sind feminin und scheinen Früchte zu tragen. Noch sind nicht alle Kritiker überzeugt, doch die Zahlen sprechen für sich. Wir sind auf dem besten Weg.

Eine weiblichere Welt wäre eine, in der typisch weibliche Werte die Grundlage für unsere Interaktion bilden würden. Dass dies wünschenswert wäre, zeigt die “Athena Doctrine”. Dass weibliches Verhalten in der Definition nach Gerzema und D’Antonio allerdings nicht nur etwas für Frauen ist, zeigt sie auch.

Denn dass Frauen das Handeln nach typisch weiblichen Werten leichter fällt und dass Männer mit Attributen wie “aggressiv”, “stur” und “kämpferisch” assoziiert werden, ist nicht in Stein gemeißelt, sondern vor allem auch ein Ausdruck der Sozialisation der Befragten. Und nicht zuletzt unser aller Sozialisation, wie auch die aktuelle Shell Jugendstudie und Untersuchungen an Norwegischen Schulen zeigen. Der Verdienst von „The Athena Doctrine“ liegt also vor allem darin, uns die Augen zu öffnen: Es gibt auch andere Wege des Umgangs miteinander, als nur die, die sich über Jahrhunderte in unsere Umgangsformen eingeschlichen haben. Dies gilt für das tägliche Miteinander, aber auch für diplomatische Beziehungen oder die Strukturen in Wirtschaftsunternehmen. Von mehr Weiblichkeit in allen Bereichen können wir nur profitieren.

Text Mae Becker

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