KAPITEL
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Kampagne: Mehr Frau? Mehr …?

Während andere im Sommerloch saßen, hat LIBERTINE mit einer großen Plakataktion die Städte aufgemischt. Dafür haben wir zwei politischen Machos eine Portion Weiblichkeit verpasst und die Kampagne »Mehr Frau. Mehr …?« gestartet. Unter www.mehrfraumehr.de finden sich fortan spannende Artikel zum Thema. Lisa Ludwig, Redaktionsleiterin von Broadly / Vice hat mit uns über die Kampagne und Genderschubladen gesprochen.

BROADLY: Ihr wollt mit »Mehr Frau« unter anderem auch zum Nachdenken über Kategorien wie »typisch männlich« und »typisch weiblich« beitragen. Jetzt könnte man Eurer Kampagne an sich im Umkehrschluss vorwerfen, dass sie sich genau solcher Stereotype bedient, wenn man von »männlichem Machtgebaren« spricht. Was sind denn typische »weibliche Handlungsmuster und Werte«?

LIBERTINE: Ja genau, wir wollen mit der Kampagne auch zum Nachdenken über Schubladen anregen. Interessant ist doch, wie sehr Menschen in diesen Kategorien denken. Die Studie »The Athena Doctrine« zeigt auf: Weltweit, in 13 Ländern von Amerika bis Asien, waren sich die Menschen erstaunlich einig darüber, welche menschlichen Eigenschaften sie als typisch männlich und Motiv_1welche sie als typisch weiblich bewerten würden. Das ist natürlich auch eine Sache unserer Sozialisation. Gleichzeitig kommt die Studie zu dem Ergebnis, dass eben die weiblichen Attribute, wie empathisch, kooperativ, intuitiv, als ganz besonders wichtig eingeschätzt werden, um ein schönes Leben zu führen oder auch um eine gute Führungsperson bzw. eine moralische Autorität zu sein. Das sollte uns schon zu denken geben. Wir haben uns natürlich gefragt, warum das so ist und nutzen nun diese »internationalen Gender-Schubladen«, um das ganze Thema etwas zuzuspitzen. Die so genannten »weiblichen Werte« können gleichermaßen von Männern gelebt werden. So stellt unsere Autorin Julia Korbik in ihrem Text über Frauen in der Politik die Frage in den Raum, ob die weiblichste Politik nicht aktuell von einem Mann gemacht wird – und zwar von dem kanadischen Premierminister Justin Trudeau.

BROADLY: Engagiert man sich im Bereich Frauenrechte und versucht, Frauen in verschiedenen Bereichen sichtbarer zu machen, kommt oft der Vorwurf, warum denn nicht auch Männer gefördert würden. Wie ist die bisherige Rückmeldung zur Kampagne?

LIBERTINE: Damit kommen wir zu einer grundsätzlichen Schwierigkeit — nicht nur in Bezug auf Männer. Zu oft wird an »den Feminismus« (den es ja gar nicht gibt) die Erwartung gestellt, er hätte sich doch bitte um alle zu kümmern. Ein schier unmögliches Unterfangen.cWas die Rückmeldungen zu unserer Kampagne betrifft, kam bisher glücklicherweise noch nicht der Vorwurf, dass wir Männer scheinbar außen vor ließen. Interessant ist, dass von einigen ein »Mehr Frau« gleich gesetzt wird mit einem »Nur Frau«. Darum geht es natürlich überhaupt nicht.

BROADLY: Bei all den Ungerechtigkeiten und den immer noch — mal mehr, mal weniger — patriarchalisch geprägten Strukturen weltweit: Findet in Euren Augen bereits eine Feminisierung der Gesellschaft statt?

LIBERTINE: Das ist natürlich auch wieder eine Frage der Begrifflichkeit: Vieles, was wir als Veränderung wahrnehmen, würden andere wahrscheinlich nicht automatisch als »Feminisierung« bezeichnen. Dazu haben wir ein ausführliches Interview mit Gabi Lück geführt, die als Beispiele der Feminisierung unserer Gesellschaft unter anderem die Sharing Bewegung — Soziales Teilen statt Status-Geprotze — angeführt hat. Es geht ihr bspw. um »Kooperationen statt Konkurrenzdenken« und die Abkehr vom egozentrischen Einzelwesen hin zur Etablierung eines »WIR-Gefühls«. Folgt man diesen Gedanken, dann: Ja, die Welt wird bereits weiblicher. Übrigens steht für die Jugend heute bereits der Wunsch, einer sinnvollen, erfüllenden Beschäftigung nachzugehen, die genug Zeit für Familie und Freizeit lässt, über dem Streben nach Karriere und dem großen Geld. Und zwar bei beiden Geschlechtern: Hier gleichen sich männliche und weibliche Werte an.

B:ROADLY:  Im Diskurs um Gleichberechtigung werden häufig Transgender und Menschen mit anderen Geschlechteridentitäten außen vor gelassen. Sollte die Forderung nach mehr Gerechtigkeit also nicht auch »Mehr LGBTQ« lauten?

LIBERTINE: Selbstverständlich! Unser Team besteht zu 80 Prozent aus lesbischen und queeren Frauen, hinzu kommen Schwule, Heteros, Bi-Sexuelle und eine Transsexuelle, die mit uns die Kampagnen-Idee umgesetzt haben. Ein »Mehr LGBTQ« wünschen wir uns also schon aus rein persönlichen Gründen. Wir sind aber davon überzeugt, dass die Themen, die wir mit der »Mehr Frau. Mehr …?«-Aktion anstoßen, alle Menschen angehen — unabhängig von ihrer sexuellen Orientierung oder ihrer Geschlechtsidentität. Am Ziel sind wir gesellschaftlich erst, wenn keine sexuelle Orientierung, keine Gender-Identität, kein Lebensmodell über ein anderes gestellt wird. Das wäre dann die echte Freiheit, in der jede*r sich ohne vorgefertigte Schablonen entfalten könnte.

Plakate_Sternschanze

 

www.mehrfraumehr.de

Das komplette Interview auf BROADLY.

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