KAPITEL
Beziehungsangst

Beziehungsunfähigkeit: Es liegt nicht an Tinder

Die Medien sagen, Tinder und andere Dating-Plattformen seien an ihrer unaufhaltsamen Verbreitung schuld, in meinem Freundeskreis wird spekuliert, ob sie vielleicht ein Berlin-typisches Problem sei und der Buchautor Michael Nast diagnostiziert gleich einer ganzen Generation, sich mit ihr infiziert zu haben: Die Rede ist von der Beziehungsunfähigkeit.

Egal ob man in klassischen Printmagazinen oder auf jungen Online-Plattformen zum Thema Liebe recherchiert, früher oder später stolpert man über unzählige Artikel, die sich mit der heutigen Unfähigkeit, sich auf eine verbindliche und zukunftsgerichtete Beziehung einzulassen, beschäftigen. Nach ‚Mingle‘ geistern immer neue Begriffe wie ‚Ghosting‘ und ‚Benching‘ durch das Netz, die für knallhartes Schlussmachen ohne Erklärung oder ewiges Hinhalten stehen. Als Gründe für die Bindungsunfähigkeit und den verkorksten Umgang mit potentiellen Partner*innen werden die schier unerschöpflichen Möglichkeiten, sich zu daten und von einer Affäre zur nächsten zu hüpfen, genannt. Als wäre es das Allergrößte für Menschen im bindungsfähigen Alter, sich durch unzählige Portale zu quälen, Smalltalk per Messenger zu führen und jede freie Minute mit (Sex-)Dates zu füllen. Dass wir von Beziehungsängstlichen und -vermeidern umgeben sind, lässt sich schwer leugnen. Doch ist das wirklich ein neuzeitliches Phänomen? Und wenn ja, können Apps und Online-Seiten wirklich einen so großen Einfuss auf uns nehmen, dass sie unser Beziehungsverhalten verändern? Irgendwas in mir löst Zweifel an diesen Annahmen aus und Studien, die diese Aussagen belegen, sind nicht auffindbar.

Ich erinnere mich an einen Vortrag zum Thema ‚Bindungsangst‘, den ich vor Jahren mit einer Freundin besucht habe. Frauen und Männer jeder Altersgruppe (und aller sexuellen Orientierungen, wie ich unterstellen würde) füllten den großen Saal bis zum letzten Platz. Offensichtlich handelt es sich um eine Thematik, die nicht nur die junge Generation umtreibt. Die Vortragende, Stefanie Stahl, gilt als Expertin, wenn es um Beziehungsängste geht. Ein guter Grund, sich mit ihr einmal ausgiebig über das große Thema zu unterhalten, das so viele tränen- und dramenreiche Gespräche im Bekannten und Freundeskreis bestimmt.

JULIANE RUMP: Frau Stahl, Ihre Vorträge ziehen massenhaft Menschen an. Ihr erstes Buch zum Thema Bindungsängste, Jein, ist dieses Jahr bereits in der 14. Auflage erschienen. Der Nachfolger Vom Jein zum Ja wurde ebenfalls dieses Jahr zum vierten Mal neu aufgelegt. Hat unsere Gesellschaft ein Bindungsproblem und sind daran tatsächlich Dating-Apps wie Tinder und Co. schuld, wie es die Medien so gerne behaupten?

STEFANIE STAHL: Ich bin überzeugt, dass es schon immer bindungsängstliche Menschen gab – heute genauso wie vor 50 Jahren. Was ich nicht glaube, ist, dass irgendwelche Apps oder Dating-Plattformen aus einem beziehungsfähigen Menschen einen beziehungsunfähigen Menschen machen. Allerdings ist es in unserer heutigen Gesellschaft viel legitimer geworden, Bindungsprobleme offen auszuleben und sich von Affäre zu Affäre zu hangeln. Dating-Apps und Plattformen sind da eher Unterstützer als Auslöser.

JR : Also gab es Bindungsangst schon immer und sie ist nicht erst ein Problem der so genannten »Generation Beziehungsunfähig«, wie sie Michael Nast in seinem gleichnamigen Buch bezeichnet.
StS: Von einer beziehungsunfähigen Generation kann meiner Meinung nach überhaupt nicht die Rede sein und ich frage mich immer, worauf solche Aussagen basieren. Meine Wahrnehmung ist eher die, dass sich junge Leute wieder recht früh zusammen finden und auch zusammen bleiben. Gleichzeitig gab und gibt es Menschen, die unter ernstzunehmenden Bindungsängsten leiden und sich dessen meist nicht einmal bewusst sind.

bindungsangst2JR: Beziehungsängstliche haben eine Menge Mechanismen entwickelt, Partnerschaften zu boykottieren und echte Nähe zu vermeiden. Wieso fällt es den meisten trotz wiederkehrender Muster und einer Reihe gescheiterter Beziehungen so schwer, das Problem zu erkennen?
StS: Bindungsängste sind stark verbreitet. Sie bedeuten aber nicht, dass die betroffenen Personen nicht eine starke Sehnsucht nach Bindung haben. Das haben sogar die allermeisten. Nur eine kleine Minderheit hat sich ein Leben als Dauersingle eingerichtet. Die Mehrheit der Bindungsängstlichen strebt glückliche, liebevolle Partnerschaften an, sorgt dann aber in der Beziehung – mit mehr oder minder bewussten und unbewussten Manövern – dafür, dass die Beziehung in die Brüche geht. Als Erklärung reicht dann häufig die Auffassung, dass man dem richtigen Menschen einfach noch nicht begegnet sei.

JR: Was ja durchaus möglich ist.

StS: Das will ich nicht bestreiten. Wenn ich mich allerdings wiederholt in Menschen verliebe, die für mich unerreichbar sind – bspw. als lesbische Frau in die Heterofreundin oder als Heteromann in die vergebene Kollegin – oder ich mir konsequent Partner*innen aussuche, die offensichtlich nicht greifbar bzw. nicht für eine verbindliche Beziehung zu haben sind, dann hilft es wenig, dies als meinen persönlichen Schicksalsschlag abzutun.

JR: Sie sehen dahinter eine Beziehungsvermeidungsstrategie?

StS: Ja. »Ich liebe die, die ich nicht kriegen kann« ist das Motto vieler Bindungsphobiker*innen. Solange sie nicht fest gebunden sind, können sie durchaus eine tiefe Sehnsucht nach Liebe und Beziehung spüren. Deswegen springen einige von ihnen auch von Beziehung zu Beziehung, immer auf der Suche nach dem oder der »Richtigen«. Bindungsängste haben viele Gesichter. Sie können sich hinter den unterschiedlichsten Beziehungsformen verbergen und sich bei den Betroffenen in verschiedenen Verhaltensweisen äußern. Die zugrundeliegenden Ängste weisen jedoch einen gemeinsamen roten Faden auf.

JR: Gibt es denn bestimmte Verhaltensweisen, die typisch für Bindungsängstliche sind?

StS: Es gibt unterschiedliche Ausprägungen, die auch von der Mentalität des Bindungsängstlichen abhängen – wobei ich betonen möchte, dass sowohl Frauen als auch Männer, Hetero- als auch Homosexuelle von Bindungsängsten betroffen sind. Manche von ihnen legen sich anfangs mächtig ins Zeug, um ihr Gegenüber zu erobern und wecken den Eindruck, ernsthaft an einer Beziehung interessiert zu sein – was in dieser Phase ja auch der Fall ist, denn wie gesagt, die meisten Betroffenen wünschen sich eine Partnerschaft. Ist der Eroberungszug jedoch erfolgreich, erlischt das Interesse schnell, denn jetzt würde es ernst werden. Das Eroberungsspiel kann sich über Jahre hinziehen, zum Beispiel wenn die umworbene Person selbst bindungsängstlich ist.
Andere bilden hierzu das krasse Gegenteil und lassen sich lieber »aufgabeln«, nach dem Motto »Ich habe mich ja nicht aufgedrängt, du wolltest ja unbedingt«. Dann gibt es da noch die Bindungsängstlichen, die sich zwar erst einmal auf eine Beziehung einlassen und durchaus eine euphorische Anfangszeit durchleben, sich dann aber in alle möglichen Zweifel reinsteigern, sobald die Sache ernster wird. Auf eine heftige Phase der Verliebtheit und der Idealisierung des Partners oder der Partnerin folgt in der zweiten Runde die Abwertung und Demontage. Manche Bindungsphobiker*innen hingegen führen eine recht undramatische Beziehung, in der sie aber konstant Abstand halten. Mit unterschiedlichen Strategien, wie bspw. Unzuverlässigkeit, sexueller Unlust und Flucht in Arbeit und Hobbys, entziehen sich diese »Maurer*innen« immer wieder. Doch wie auch immer sich die Bindungsangst zeigt, eins haben alle Betroffenen gemeinsam: Sie stecken die Grenzen der Beziehungen ab und haben so die Kontrolle über Nähe und Distanz.

JR: Und wo finden sich die Ursachen für Bindungsängste?

StS: Beziehungsängste wurzeln wie die meisten Störungen in Kindheitserfahrungen. Das Elternhaus ist unser Wegweiser für spätere Liebesbeziehungen. Hier lernen wir, ob Liebe ein Geschenk ist oder ob wir uns die Liebe hart erarbeiten müssen. Die Ursachen und Zusammenhänge sind dabei vielschichtig und schwer in wenigen Sätzen zu erklären. Ich setze mich mit diesem komplexen Thema ausführlich in meinen Büchern auseinander. Nur so viel in aller Kürze: Neben zu wenig Zuwendung oder einer großen emotionalen Unzuverlässigkeit der Bezugsperson kann sich auch eine Näheüberflutung bzw. ein Anklammern durch ein Elternteil negativ auf unsere Bindungsfähigkeit auswirken. Hier lernen Kinder oft, dass sie verantwortlich für das Wohl ihrer Bezugsperson sind und die eigenen Bedürfnisse nach Autonomie und Freiheit unterdrücken müssen, um Erwartungen zu erfüllen. Diese Annahme übertragen sie – meist unbewusst – auf spätere Beziehungen.

DSCF0776JR: Was aus den Kindern wahrscheinlich Erwachsene macht, die bei sich anbahnender Nähe Panik bekommen und ständig ihre Unabngigkeit verteidigen?

StS: Alle Beziehungsängstlichen haben ein Problem damit, den Wunsch nach Bindung und das Bedürfnis nach Autonomie in Einklang zu bringen. Es sind die krassen Wechsel zwischen Nähe und Distanz, die bindungsängstliche Beziehungen für die Beteiligten so anstrengend machen. Bindungsängstliche sind davon überzeugt, dass man sich anpassen muss, wenn man geliebt werden will. Diese Überzeugung haben sie aus ihrer Kindheit mitgenommen, auch wenn dies vielen gar nicht bewusst ist. Sie fühlen sich schnell unter Druck gesetzt und kontrolliert. Sie sind sehr empfindlich, was ihre persönlichen Grenzen betrifft und beschützen diese angriffslustig. Aufgrund ihrer Kindheitserfahrungen assoziieren sie Bindung mit Zwang und Unfreiheit und/ oder mit Verlassenheit und Einsamkeit. Diese Druckgefühle tauchen meistens auf, wenn die Beziehung in eine nächste Phase der Verbindlichkeit übergeht.

JR: In Ihren Büchern zum Thema unterscheiden Sie zwischen passiver und aktiver Bindungsangst.

StS: Bindungsängstliche im aktiven Modus sind Partner*innen, die aktiv aus der Beziehung flüchten oder diese boykottieren. Die passiven Partner*innen sind jene, die mit Aktiv-Bindungsängstlichen eine Beziehung führen oder eingehen wollen. Ob die oder der Bindungsängstliche sich im aktiven oder passiven Modus befindet, kann allerdings zwischen verschiedenen Partnerschaften und auch innerhalb einer Partnerschaft wechseln. Wie bereits erklärt, machen viele Betroffene die Erfahrung, dass sie immer dann besonders verliebt sind, wenn sich ihr Partner oder ihre Partnerin nicht wirklich auf die Beziehung einlässt. Deswegen kann es passieren, dass der passive Part in den aktiven Modus wechselt, sobald sich der oder die Angebetete ernsthaft auf die Beziehung einlassen will. Bindungsängste sind für die Betroffenen nicht leicht zu durchschauen. Meist herrscht große Verwirrung über das eigene häufig paradoxe Verhalten.

JR: Oje, das bedeutet ja auch, dass alle, die sich beschweren, immer wieder an so verkorkste Beziehungsgestörte zu geraten, sich über ihre eigenen Bindungsängste Gedanken machen sollten.

StS: Ja, hier muss man den Mut zur Selbstreflexion aufbringen. Ich beschäftige mich nun seit Jahren mit dem Thema und stelle fest, dass Menschen, die sich immer wieder jemanden aussuchen, der aktiv bindungsängstlich ist, nicht immer, aber sehr häufig selbst unter Bindungsängsten leiden und auf Menschen anspringen, die nicht so recht zu fassen sind. Das zeigt sich auch darin, dass sie potentielle Partner*innen, die sich für sie interessieren und beziehungsbereit wären, meistens nicht spannend finden.

JR: Nun ist es gar nicht so einfach, Bindungsängste zu entlarven, da sie ganz unterschiedlich in Erscheinung treten können. Neben der »Näheflucht«, wie Sie es nennen, kann eine Bindungsangst auch zu anklammerndem Verhalten führen. Können diese gegensätzlichen Ausprägungen nicht auch zu einer gegenseitigen Heilung führen?

StS: Eine gegenseitige Heilung habe ich noch nie erlebt. Im Gegenteil: Meistens entstehen aus diesen Konstellationen unglückliche Beziehungen, die durch einen Zickzack-Kurs zwischen Nähe und Distanz geprägt sind, wobei wie gesagt die Rollen wechseln können.

JR: Aber die anklammernde Person scheint doch Nähe zu suchen und zu wollen. Wenngleich auch im ungesunden Maße.

StS: Das Klammern entsteht ja häufig durch die Distanziertheit des (meist bindungsängstlichen) Gegenübers. Der Klammeraffe, der eben noch um die Nähe des anderen kämpfte, kann schnell zum Näheflüchter werden, wenn er den anderen oder die andere plötzlich sicher hat. Denn auch hier steckt am Ende ja eine Bindungsangst dahinter. Instinktiv spüren wir, ob wir einen Menschen vor uns haben, der gewillt ist, sich auf eine Beziehung einzulassen. Deswegen ziehen sich Bindungsängstliche so sehr an und durchleben immer wieder ihre Beziehungsdramen. Eine Seite stellt immer wieder Distanz her, die bei der anderen Seite Verlustängste auslöst. Diese wiederum rufen bei dem oder der Betroffenen große Gefühle hervor und die Annahme, der oder die andere sei der Traumpartner schlechthin.

JR: Der dann jedoch weggestoßen wird, wenn man sie oder ihn tatsächlich fest an der Angel hat?

StS: Genau. Denn das würde ja bedeuten, dass ich mich auf eine verbindliche Beziehung und Nähe einlassen müsste, die auch Erwartungen an mich richtet. Aber genau davor haben Bindungsängstliche so große Angst. An dieser Stelle tritt häufig das ein, was ich als »plötzlichen Gefühlstod« bezeichne.
Die Betroffenen sind am Anfang ganz leidenschaftlich verliebt und dann auf einmal, aus heiteren Himmel, merken sie, dass ihre Gefühle weg sind, wenn intensivere Nähe entsteht. Der Schwund an Liebesgefühlen resultiert aus den starken Druckgefühlen, die Bindungsängstliche in Bezug auf die Partnerschaft verspüren. Bindungsängstliche meinen nämlich, dass sie sich den Erwartungen ihrer Partner*innen anpassen müssen. Und das löst in ihnen Druck und ein Gefühl der Näheüberflutung aus. Damit meine ich nicht, dass Bindungsängstliche hoffnungslose Egoisten sind, die sich vor Verantwortung scheuen, vielmehr fürchten sie, sich sonst in der Beziehung zu verlieren. Dieses Gefühl setzt bei dem einen früher ein, bei der anderen später.

JR: So ein plötzlicher Gefühlstod und die Abgren zung müssen für die andere Seite sehr schmerzhaft sein und große Verunsicherung hinterlassen.

StS: Ja, denn gerade weil Bindungsängstliche große Probleme haben, sich abzugrenzen und wenig konfliktfähig sind, reagieren sie häufig überdimensional heftig und verletzend. Sie müssen stets die Kontrolle über Nähe und Distanz behalten und zeigen sich dabei häufig radikal kompromisslos und hart, obwohl sie sonst überdurchschnittlich empathisch sein können. Bindungsängstliche, die Gefühle der Unterlegenheit und Ohnmacht vermeiden wollen, wehren sich mit aller Kraft gegen die vermeintlichen Ansprüche ihrer Partner und verursachen mit diesem Verhalten genau jene Ohnmachtsgefühle bei ihren Gegenüber, die sie selbst nicht haben wollen. Die Partner von Bindungsängstlichen machen nämlich Erfahrungen heftigster Hilflosigkeit und Ohnmacht durch, weil sie einfach keinen Weg finden, ihren geliebten Bindungsängstlichen näher zu kommen. Egal, was sie tun, ihre Anstrengungen laufen ins Leere oder bewirken sogar das Gegenteil der gewünschten Effekte. Daher ist es auch so schwer, sich aus einer solchen Konstellation zu lösen.

JR: Ich muss sagen, das klingt für mich alles sehr aussichtlos. Gibt es überhaupt eine Möglichkeit, Beziehungsängste zu überwinden?

StS: Aber sicher. Ängste lassen sich immer überwinden. Die Bindungsängste als solche sind mithin nicht das eigentliche Problem, sondern eher die Strategien, die Betroffene unbewusst wählen, um ihre Bindungsangst zu kontrollieren und mit ihr umzugehen. Im Grunde geht es, wie so häufig, um das Selbstwertgefühl. Wir müssen lernen, ein ausgewogenes Verhältnis zu finden zwischen Selbstbehauptung und Anpassung. Darum dreht sich das ganze Thema eigentlich. Einerseits müssen wir einen Weg finden, uns auf eine angemessene Weise selbst zu behaupten, unser eigenes Ding zu machen und dafür eigenverantwortlich zu sorgen, dass unsere Wünsche und Bedürfnisse erfüllt werden. Auf der anderen Seite müssen wir auch lernen, uns anzupassen in einer Gemeinschaft bzw. an eine*n Partner*in. Und darum geht es in Liebesbeziehungen, um die Balance zwischen Anpassung und Selbstbehauptung. Bei vielen Menschen ist diese gestört.
Die einen schlagen sich mehr auf die Seite der Anpassung, d.h. sie passen sich ganz stark an die Bedürfnisse des Partners oder der Partnerin an, bis sie irgendwann merken »ich verliere mich selbst, das wird mir hier zu viel». Also machen sie einen Rückzieher und müssen erst einmal wieder alleine sein, entweder indem sie die Beziehung beenden oder indem sie innerhalb der Beziehung immer wieder für Distanz sorgen, um sich nicht selbst zu verlieren – so handeln etwa Personen vom oben erwähnten Maurer-Schlag. Und die anderen schlagen sich auf die Seite von Selbstbehauptung und Autonomie. Das sind die, die wir als aktiv beziehungsängstlich erleben, die sich immer wieder nicht einlassen und Beziehungen boykottieren, bevor diese überhaupt beginnen. Sie wollen Distanz herstellen, sich gegen Annäherung wehren, um bloß, bloß autonom zu bleiben. Jeder von uns hat aufgrund seiner Vergangenheit eine teils bewusste, teils unbewusste
Prägung erfahren, die bei keinem Menschen ausschließlich positiv und gesund ist. Ziel ist es also, die destruktiven Strategien aufzulösen und durch einen gesunden Selbstschutz zu ersetzen. Das gelingt natürlich nicht von heute auf morgen. Die Voraussetzung ist, dass die oder der Betroffene den Mut aufbringt, sich und das eigene Handeln kritisch zu reflektieren. Die Auffassung »Ich habe einfach noch nicht die oder den Richtige*n gefunden« ist da natürlich die einfachere Erklärung. Nur bringt sie niemanden weiter.

Interview: Juliane Rump Illustration: Caro Mantke, Fotos: BRIX & MAAS PHOTOGRAPHY

(c) ROSWITHA KASTER

(c) ROSWITHA KASTER

Stefanie Stahl lebt und arbeitet als Psychotherapeutin und Autorin in freier Praxis in Trier. Neben den beiden Büchern zur Bindungsangst
JEIN und VOM JEIN ZUM JA hat sie vielfach zum Thema »Stärkung des Selbstwerts« geschrieben. Zuletzt ist von ihr DAS KIND IN DIR MUSS HEIMAT FINDEN erschienen, das es in der SPIEGEL-Bestsellerliste im Bereich Paperback/Sachbuch zweiten Platz schaffte und monatelang gelistet war.
Darüber hinaus hält die Psychologin regelmäßig Vorträge und gibt Seminare.

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