KAPITEL
© Hyku D

Ich Tarzan, du Jane?

Gendersprechmäßig „DJane“ wollen die wenigsten erfolgreichen Frauen hinter dem Mischpult genannt werden. Warum eigentlich? Ist es nicht  gerade gut und wichtig, die Akteurinnen in dieser männerdominierten Branche zu betonen?

Tatsache bleibt: Frauen in der DJ-Szene sind immer noch eine Seltenheit. Zumindest in der Oberliga. In den DJ-Charts kann man sie an einer Hand abzählen. Auf Festivals ebenfalls. Laut einer Studie des Netzwerks female:pressure liegt der Prozentsatz an weiblichen Acts bei Festivals bei weniger als zehn Prozent. Werden für ein Event doch einmal mehr Frauen gebucht, wird es vermutlich gleich einen genderspezifischen Vermerk im Veranstaltungsnamen geben. Dabei gibt es viele Künstlerinnen in der elektronischen Dance-Music-Szene. Sie produzieren, mischen, legen auf.

Nun bin ich weder Gender-Expertin noch bin ich DJ. Was ist da naheliegender als mit einer erfolgreichen weiblichen DJ über das Thema Gender in ihrer Branche zu sprechen. Denn es bleibt wichtig, gestern wie heute.

© Zoya Bassi

© Zoya Bassi

Sarah Farina ist lebendig, froh und bunt. Sie ist weiblich, ohne ihre Weiblichkeit übermäßig zu betonen. Doch Gender mal beiseite. Sie ist einfach so wie sie ist; talentiert und zielstrebig. Sie liebt die Musik und hat sich ihren Traum erfüllt, davon leben zu können und lässt sich dabei schwer in ein Genre stecken. Basslastige Future Beats mit dem Einfluss aus R’n’B und UK Garage. Sarah legt nicht nur auf der ganzen Welt auf, sondern ist auch Teil der „Through My Speakers“ Family und spielt regelmäßig neben UTA auf ihrer eigenen Veranstaltung „Rec Room“ im Berliner Ohm. Sarah hat nicht nur in Deutschland ein riesen Netzwerk – ein Vorteil den sich viele weibliche DJ’s hart erkämpfen müssen, denn in den männerlastigen Kreis der DJ-Szene reinzukommen, ist gar nicht so leicht.

Besonders zu Anfang seiner Karriere muss man penetrant und durchsetzungsfähig bleiben. Typisch männlich eben, oder?

Diese Eigenschaften sind für mich weder männlich noch weiblich. Wenn die Sache von Herzen kommt und jemand eine ehrliche Vision hat, sich dabei selbst treu bleibt und anderen gegenüber fair und respektvoll ist, finde ich das cool. Es ist schön, wenn sich Menschen verwirklichen können. Und wenn sie erfolgreich sind und dabei auf dem Boden bleiben können, mit dem Erfolg vernünftig umgehen und diese Energie für gute Dinge nutzen, ist das großartig.

Stört es dich, wenn man dich DJane nennt?

Ja es stört mich denn ich fühle mich mit dem Titel DJane gar nicht wohl und für mich persönlich macht das keinen Sinn. Ich möchte mein Gender nicht zum Thema machen.

Wenn ein Promoter für eine Club Nacht vier weibliche DJ’s bucht und das ganze „Female DJ’s party night“ nennt, wird mir ganz schlecht. Wäre es nicht viel cooler diese vier Personen in einem Line-up zu haben ohne, dass deren Gender zum Thema gemacht wird? Ich habe nämlich noch nie einen Party Flyer gesehen auf dem sowas stand wie „Male DJ’s all night long“ oder sowas. Außerdem klingt DJane nach Tarzan und Jane was gar nicht cool ist und das Wort Disc Jockey ist im englischen neutral oder hat jemand schon mal Disc Jockyjane gehört? In erster Linie bin ich ein Mensch, der Musik liebt und diese am liebsten mit allen teilt. Warum ist es wichtig, zu erwähnen welches Geschlecht ich habe?

Hast du weibliche Role Models die dich auf deinem Weg stärken/ bestärkt haben?

Ja – das Berliner DJ Duo Sick Girls. Sie waren auch eine der ersten neben Through My Speakers, die mich supportet haben. Ohne sie wäre ich wahrscheinlich gar nie DJ geworden. Deren Party Reihe Revolution N°5 hat mich musikalisch erzogen und meinen Musikhorizont massiv erweitert.

Es bleibt nach wie vor eine Tatsache, dass nur sehr wenige Frauen (> 10%) in den Polls der Top 100 DJ’s (Resident Advisor, DJ Magazine) zu finden sind. Knapp 90% der DJ’s auf Festivals sind männlich. Wie erklärst du dir das?

Da gibt es mehrere Gründe. Zum einen, dass die Personen die eine Machtposition haben meistens (weiße) Männer sind, also alleine dort muss dringend Ausgleich geschaffen werden. Zum anderen,  sind es unsere sozialen Konstrukte. Als Kind wirst du von deiner Familie, deiner Umgebung, Medien usw. beinflusst. Leider passiert es oft, dass dir Aufgrund deines Genders gesagt wird, wie du zu sein hast und was du tun/lassen sollst. Klassisches Beispiel: Pink ist für Mädchen, Blau ist für Jungs. Das macht was mit dir. Vorallem wenn man noch klein ist, ist man noch sehr formbar. Ich denke, dass diese Dinge Teil davon sind, weshalb Mädchen und Frauen manchmal zu ängstlich sind oder sich unwohl fühlen, etwas technisches wie Musik zu produzieren oder Auflegen zu lernen. Das Gleiche widerfährt Jungs ja genauso – nur in anderen Bereichen.

Am Ende tun diese Geschlechterstereotypen niemandem gut und führen zu vielen Problemen. Das ist so extrem schade – es gibt nämlich nichts Schöneres als Menschen, die ihr volles Potential erreichen können und aufblühen. Wir sollten uns dabei gegenseitig unterstützen damit jeder diese Möglichkeit hat – egal welches Gender, Hautfarbe, sexuelle Orientierung usw. Ein weiterer Grund ist Sichtbarkeit und Sensibilität. Wir müssen uns mehr bewusst werden bezüglich dieser Themen. Sobald wir die Ungleichheit erkennen, können wir anfangen, daran zu arbeiten. Dabei ist es wichtig zu verstehen, dass das Problem nicht nur von der betroffenen Gruppe gelöst werden kann, sondern, dass sich die andere Seite ebenfalls daran beteiligen muss.

Deswegen können wir nur gemeinsam an dieser extremen Ungleichheit arbeiten und etwas verändern. Nur durch Gleichberechtigung haben wir die Chance auf eine friedvollere Welt. Und das geht meiner Meinung nach jeden etwas an. Unsere Welt muss endlich ins Gleichgewicht gebracht werden, ich denke, dass wir erst dann ein gesundes Miteinander haben. Wir brauchen einander. Bei so vielen schwierigen Themen ist Balance der Schlüssel.

Gender-Debatten und Frauenbewegungen nehmen wieder zu. Auch in der Club Szene ist das zu beobachten und She-DJ’s werden mehr. Meinst du diese Themen sind überholt und man sollte sich einfach nur auf das Talent dieser Frauen beschränken?

Eine Mischung aus beidem ist gesund, denke ich. Es ist auf jeden Fall klar, dass wir miteinander reden müssen. Und Gespräche sind nur dann konstruktiv wenn sie auf Augenhöhe stattfinden.

Ich wünsche mir für die Zukunft vor allem, dass auch mal Männer zu diesen Themen befragt werden. Da ist nämlich auch schon der Wurm drin. Weshalb immer nur die Gruppe befragen, die betroffen ist und nicht mal die mit an den Gesprächstisch holen, die auf der privilegierten Seite stehen? Was ist ihre Meinung und was sind sie bereit zu tun?

Hast du schon mal von einem Mann ein High Five für einen Killer Tune bekommen, mit dem Spruch „Für ’ne Frau ziemlich gut“ oder so ähnlich?

Das passiert mir sehr selten, aber ja – es ist schon vorgekommen. Die meisten meinen solche Aussagen nicht böse, aber ist es nicht bescheuert Musik in Gender einzuteilen?! Wenn ich Energie habe, versuche ich es der jeweiligen Person liebevoll zu erklären, warum so ein Spruch auf so vielen Ebenen einfach ignorant ist. Jeder sollte sich immer wieder selbst hinterfragen, auch von welcher Perspektive und welchem Standpunkt wir bestimmte Aussagen machen, welche Privilegien wir haben und ob einem klar ist in welchen Machtverhältnissen wir eingebunden sind.

Natürlich möchte niemand als Sexist oder ähnliches bezeichnet werden, aber Veränderung kann nur dann stattfinden wenn die Dinge benannt werden. Auch wenn das erstmal schmerzhaft fürs Ego ist. Veränderung tut manchmal eben weh, aber da müssen wir durch.

Denkst du die DJ Branche ist freier von Vorurteilen und Klischees als nicht-kreative Branchen?

Frei ist, denke ich, so gut wie keine Branche davon. Und wir selbst, als Individuen meistens auch nicht. Deswegen müssen wir reflektieren und miteinander reden und Dinge ansprechen und benennen. Das fängt schon im Freundeskreis an. Die Welt kann nicht von heute auf morgen verändert werden, aber jeder kann und sollte in seiner eigenen kleinen Welt ein paar kleine Veränderungen anpeilen. Wenn das jeder ein bisschen macht, kommen wir schon gut voran.

Hast du irgendwelche Projekte für die Zukunft geplant, die die Sichtbarkeit von Frauen in der Club Szene mehr hervor heben?

Ich habe keine speziellen Projekte, aber ich versuche so gut wie möglich an meinem Mindset zu arbeiten und die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Das mag kitschig klingen, aber darum geht’s mir am Ende. Ich möchte, dass wir alle die bestmögliche Zeit haben und lernen, unsere Grenzen im Kopf aufzubrechen und liebevoll miteinander umgehen zu können. Ich denke, dass durch ein positives Mindset, schon viel bewegt werden kann. Das tut einem selbst gut und deinem Umfeld ebenso.

Und ja – Ich habe eine Projektidee für die Zukunft, die Themen wie Gleichberechtigung mit einbezieht, aber dafür brauche ich noch etwas Vorbereitungszeit.

© Sutida Vestewig

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Interview: Miriam Galler

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