KAPITEL
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Nothing about them without them

Noch immer bedeutet Diplomatie zu studieren, von Männern über Männer zu lernen, noch immer fehlt es der internationalen Politik an Diversität. Noch immer wird die männliche Sichtweise als Standard in Politik, Kultur und Geschichte angesehen. Mit ihrem Buch Gender and Diplomacy möchte Jennifer Cassidy dagegenhalten.

Niccolò Machiavelli, Historiker, Philosoph und vor allem einer der ersten einflussreichen Diplomaten, betonte die männlichen Eigenschaften, die nötig seien, um Beziehungen zwischen Staaten zu manövrieren. Fortschritte in diesen Beziehungen könnten nur von Männern erreicht werden, so Machiavelli. Er lebte im 15. und 16. Jahrhundert. 500 Jahre später schauen wir auf ein Jahr zurück, in dem sich diese gepriesene männliche Diplomatie nicht gerade mit Ruhm bekleckert hat. 2016, das waren Erdogans Repressionen, Putins Aggressionen, der Brexit und der Wahlerfolg von Trump. Hinter diesen Ereignissen steht eine Dynamik, die man durchschauen muss, will man ihre Folgen verstehen.

Der sogenannte Androzentrismus, also die Praxis, dass Männer und die männliche Sichtweise sowohl bewusst als auch unbewusst als Standard in Politik, Kultur und Geschichte angesehen werden, birgt eine große Gefahr. Denn Androzentrismus erteilt eine Absage an die Vielfalt und trägt keine befriedigenden Lösungen zu den komplexen Problemen unserer Zeit bei. Genau deshalb hat die 29-jährige Doktorandin Jennifer Cassidy, die in Oxford zur digitalen Diplomatie in Zeiten von Krisen forscht, in den letzten Monaten Buchkapitel von Diplomat*innen, Politiker*innen und Wissenschaftler*innen zusammengetragen, die sie kürzlich in ihrem Buch Gender and Diplomacy veröffentlicht hat. Die Idee für das Buch kam ihr, als sie im Rahmen einer wissenschaftlichen Recherchearbeit lediglich Publikationen zur Rolle von Botschaftergattinnen fand, jedoch kaum Informationen zur Rolle von Diplomatinnen in der internationalen Politik. Mit ihrem Sammelband möchte Cassidy dies ändern und lässt u. a. die Präsidentin von UN Women Phumzile Mlambo-Ngcuka, die Botschafterinnen Großbritanniens und Irlands, Jane Marriott und Anne Barrington, sowie renommierte Wissenschaftler*innen zu Wort kommen.

Frauen beschädigen das internationale Ansehen

Helen McCarthy, Dozentin an der Queen Mary Universität in London und ebenfalls Autorin in Cassidys Buch, beschreibt in ihrem Artikel The Rise of the Female Diplomat, wie durch systematische Diskriminierung Frauen lange Zeit der Zugang zum diplomatischen Dienst des britischen Außenministeriums verwehrt wurde. Die Sorge, dass Diplomatinnen das Ansehen Großbritanniens auf der internationalen politischen Bühne beschädigen würden, führte dazu, dass die Briten erst 1946 Frauen den Zugang zum diplomatischen Dienst gestatteten. Auch in der Bundesrepublik Deutschland durften Frauen bis nach dem Zweiten Weltkrieg ihr Land nicht auf höchster Ebene im Ausland vertreten. Den Zugang zur klassischen Attachéausbildung brachte erst der Auswärtige Dienst der Bundesrepublik. Der ersten bundesdeutschen Attachécrew im Jahr 1950 gehörte allerdings nur eine Frau an. Und auch während der folgenden dreißig Jahre betrug der Anteil von Frauen bei den Attachés nur etwa fünf bis sieben Prozent.

Frauen für die Entwicklungshilfe, Männer in die Krisengebiete

In den vergangenen Jahren hat sich vieles verändert. Frauen schaffen immer öfter den Zugang zur diplomatischen Laufbahn. Und in vielen Ländern, wie in Deutschland, sogar fast gleichberechtigt. Betrachtet man jedoch die höchsten diplomatischen Positionen, die Botschafter*innen-Stellen, ergibt sich weiterhin weltweit ein sehr verzerrtes Bild. Lediglich 16 Prozent der 15556025_974509912534_1632224717_nBotschafter*innen der 50 reichsten Nationen sind Frauen. Wobei es sehr große Unterschiede zwischen den Ländern gibt. In Finnland sind beispielsweise 44 Prozent der Botschafter*innen weiblich, auf den Philippinen 41 Prozent, in den USA 30 Prozent und in Kolumbien 28 Prozent. In Russland hingegen ist nur ein Prozent der Botschafter*innen weiblich. Saudi Arabien, Qatar, Iran und Südkorea entsenden ausschließlich Botschafter. Das zeigt eine Analyse der Wissenschaftlerinnen Birgitta Niklasson und Ann Towns, die ein spannendes Kapitel zu Cassidys Buch beisteuern. Ihre Forschung zeigt auch, dass Botschafterinnen viel seltener als Botschafter in militärisch starke Länder oder Krisenländer entsandt werden. Jedoch sind es gerade diese Stellen in Krisengebieten, die die größten Aufstiegschancen versprechen. „Im Bereich der internationalen Politik werden Frauen weiterhin mit den sogenannten weichen Themen wie Entwicklungshilfe und Frieden assoziiert“, erklärt Cassidy. Diese Geschlechterstereotype führen dazu, dass weiterhin vor allem Männer die wichtigsten und einflussreichsten diplomatischen Entscheidungen treffen. Mit ihrem Buch will Cassidy genau das ändern. Sie will aufzeigen, wie Diplomatie weiterhin von Geschlechterzuweisungen durchzogen ist, und die historische Vernachlässigung von Frauen in diesem Bereich beleuchten. Sie betont, dass keine Entscheidungen ohne diejenigen getroffen werden dürfen, die von den Entscheidungen betroffen sein werden. Nothing about them without them. Dabei soll der Sammelband kein Werkzeug sein, um Überzeugungsarbeit zu leisten. Denn wer überzeugt werden müsse, für den sei das Buch auch nicht gedacht: „Man kann mit mir über die Art und Weise der Implementierung von Politik reden, aber Frauenrechte (wie Menschenrechte im Allgemeinen) sind für mich nicht diskutierbar.“

Die Zukunft der Diplomatie

Cassidy ist sich sicher, dass die internationale Politik an einem Scheideweg angekommen ist. Die politischen Akteur*innen können sich entscheiden, ob sie weiterhin Eigeninteressen, neoliberale Überlegungen und Realpolitik triumphieren lassen wollen oder ob sie werteorientiert handeln und Männer und Frauen gleichberechtigt an politischen Entscheidungen teilhaben lassen. Die beiden Seiten schließen sich zwar theoretisch nicht unbedingt aus, widersprechen sich in unserer politischen Realität jedoch noch viel zu oft. Vorbild könnte die feministische Außenpolitik Schwedens sein: Sie versteht Gleichberechtigung als Angelegenheit von Frieden und Sicherheit und setzt sich unter anderem dafür ein, dass Männer und Frauen gleichberechtigt über Frieden und über Krieg entscheiden.

Gender and Diplomacy, Jennifer Cassidy, 236 Seiten, Routledge; 1 Auflage 2017

Text: Kristina Lunz

Fotos: Oliver Robinsom

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