KAPITEL
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Gewalt gegen Frauen: Bücher, die Männer lesen sollten

Körperlich, digital, emotional und strukturell: Gewalt gegen Frauen ist kein Randthema – sie ist Alltag. Und trotzdem wird sie noch immer zu oft individualisiert, relativiert oder schlicht ignoriert. Diese Bücher machen deutlich, warum das kein Zufall ist.

Die Bekämpfung von Frauenhass ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, die wir alle gemeinsam anstreben müssen, wenn sie erfolgreich sein soll.

– Christina Clemm in Gegen Frauenhass

Gerade jetzt, wo immer mehr Betroffene öffentlich über ihre Erfahrungen sprechen, wird auch sichtbar, wer zuhört – und wer schweigt. Denn Gewalt gegen Frauen ist kein „Frauenthema“. Sie entsteht in gesellschaftlichen Strukturen, die Männer – bewusst oder unbewusst – mittragen. Und in denen sie besonders häufig zu Tätern werden: Knapp 80 % der Tatverdächtigen in Fällen von Partnerschaftsgewalt gegen Frauen sind laut Bundeskriminalamt männlich.

Deshalb reicht es nicht, betroffen zuzuhören oder sich zu distanzieren. Es braucht Männer, die Verantwortung übernehmen: für ihr eigenes Verhalten, für ihre Sprache – und auch für das Verhalten anderer Männer in ihrem Umfeld. Wegsehen, schweigen oder relativieren sind keine neutralen Positionen.

Diese Bücher zeigen, was zu oft übersehen wird

Sie erklären, ordnen ein und machen sichtbar, was oft zur Seite geschoben wird. Sie zeigen, wie tief misogyne Strukturen in unserer Gesellschaft verankert sind – und wie das Rechtssystem Täter schützt und die Politik versagt.

1. Die stille Gewalt von Asha Hedayati

Für die Familienrechtsanwältin Asha Hedayati ist Gewalt gegen Frauen eines der drängendsten Probleme unserer Zeit – und eines, das nicht kleiner, sondern größer wird, wie aktuelle Zahlen des Bundeskriminalamts zur Partnerschaftsgewalt zeigen.

In Die stille Gewalt zeigt sie, dass der Staat beim Gewaltschutz nicht nur versagt, sondern selbst Teil des Problems ist. In ihrer Arbeit erlebt sie immer wieder, wie Behörden, Polizei und Gerichte misogyne Mythen reproduzieren – und damit Betroffenen die Schuld zuschieben, statt sie zu schützen.

Hedayati macht deutlich: Gewalt endet nicht beim Täter. Sie wird durch Strukturen gestützt, die Frauen nicht ernst nehmen.

Dazu gehören auch wirtschaftliche Abhängigkeiten, die politisch und staatlich mitgetragen werden – und es Frauen massiv erschweren, sich aus gewaltvollen Beziehungen zu lösen.

2. Bitch Hunt von Veronika Kracher

In Bitch Hunt analysiert Veronika Kracher, wie sich Frauenhass im digitalen Raum organisiert und verbreitet. Sie zeigt, dass Online-Gewalt kein Randphänomen ist, sondern Ausdruck gesellschaftlicher Machtverhältnisse.

Kracher legt offen, wie gezielte Angriffe, Shitstorms und Bedrohungen eingesetzt werden, um Frauen einzuschüchtern und aus öffentlichen Debatten zu drängen. Der digitale Raum wird so zu einem Ort, an dem misogynes Verhalten nicht nur sichtbar wird, sondern sich weiter radikalisiert.

Das Buch macht deutlich: Digitale Gewalt ist keine virtuelle Ausnahme, sondern Teil eines Systems, das Frauen kontrolliert, angreift und zum Schweigen bringen soll.

3. Gegen Frauenhass von Christina Clemm

Christina Clemm vertritt seit fast dreißig Jahren als Rechtsanwältin Betroffene geschlechtsspezifischer und rassistisch motivierter Gewalt. In Gegen Frauenhass macht sie unmissverständlich klar: Misogynie ist kein Zufall. Sie wird gelernt, wiederholt, weitergegeben – bis selbst extreme Gewalt legitimiert oder stillschweigend hingenommen wird. Für Clemm ist Frauenhass kein individuelles Problem, sondern ein strukturelles. Und damit eine Verantwortung, die nicht länger ausgelagert werden kann.

Ihr Buch legt den Finger in die Wunde: Gewalt gegen Frauen ist allgegenwärtig – und wird dennoch systematisch verharmlost, relativiert oder ignoriert. Politik, Justiz und Männer entziehen sich dieser Realität zu oft.

„Sexualisierte Gewalt gegen Frauen kommt in allen Lebensbereichen vor – zu Hause, bei der Arbeit, im Club, an öffentlichen und privaten Orten. Der Begriff ‚sexualisierte‘ Gewalt macht deutlich, dass es um Gewalt mit sexuellen Mitteln geht, nicht um Sex. Nicht Befriedigung oder ein vermeintlicher Trieb stehen im Vordergrund, sondern eine besonders erniedrigende Form der Machtausübung und Diskriminierung.“ – aus Gegen Frauenhass

4. Jede Frau von Agota Lavoyer

In Jede Frau macht die Expertin für sexualisierte Gewalt Agota Lavoyer sichtbar, wie alltäglich geschlechtsspezifische Gewalt ist – und wie konsequent sie verharmlost wird. Sie zeigt, welche gesellschaftlichen Strukturen diese Rape Culture aufrechterhalten: eine Kultur, die es Männern ermöglicht, übergriffig zu sein, indem sie Gewalt normalisiert, Täter schützt und Betroffene abwertet oder ihnen Mitschuld zuschreibt.

Agota Lavoyer verbindet Zahlen und Forschung mit Beispielen aus Popkultur, Medien und Strafverfolgung – und macht deutlich, dass sexualisierte Gewalt kein Einzelfall ist, sondern Teil eines Systems.

5. Backlash von Susanne Kaiser

In Backlash analysiert Susanne Kaiser, wie antifeministische Strömungen an Einfluss gewinnen – und gezielt daran arbeiten, feministische Fortschritte zurückzudrängen.

Sie zeigt, dass dieser Backlash kein spontaner Widerstand ist, sondern strategisch organisiert: in politischen Debatten, in Mediennarrativen und in digitalen Räumen. Gleichberechtigung wird dabei nicht offen abgelehnt, sondern subtil delegitimiert, verzerrt oder ins Lächerliche gezogen.

Kaiser macht deutlich, dass Gewalt gegen Frauen nicht isoliert betrachtet werden kann. Sie ist eingebettet in ein gesellschaftliches Klima, in dem Gleichstellung angegriffen und Misogynie wieder anschlussfähig gemacht wird.

6. Das Ende der Ehe von Emilia Roig

In Das Ende der Ehe hinterfragt Emilia Roig die Ehe als gesellschaftliche Institution – und zeigt, wie sie historisch und bis heute von Macht, Abhängigkeit und Ungleichheit geprägt ist.

Die Ehe ist dabei nicht nur ein privates Modell, sondern ein politisches: Sie stabilisiert Strukturen, in denen Care-Arbeit ungleich verteilt ist und Frauen benachteiligt werden. Roig macht deutlich, warum alternative Formen des Zusammenlebens notwendig sind, wenn Gleichberechtigung mehr als ein Anspruch sein soll. Auch wenn das Thema Gewalt gegen Frauen nicht Schwerpunkt des Buches ist, zeigt die Autorin deutlich, wie sie verfestigt und gefördert wird.

„Das Patriarchat ist so schwer zu besiegen, weil von den unterdrückten Frauen erwartet wird, dass sie ihre Unterdrücker lieben. Männern wird von klein auf eingetrichtert, dass Frauen unterlegen und bedürftig seien.“ – aus Das Ende der Ehe

Gewalt gegen Frauen ist kein abstraktes Problem. Sie ist Realität – jeden Tag. Und trotzdem wird sie immer noch relativiert, kleingeredet oder ignoriert.

Diese Bücher zeigen, was längst bekannt ist – und was trotzdem nicht konsequent ernst genommen wird. Denn das Problem ist nicht fehlendes Wissen. Das Problem ist fehlende Konsequenz.

Männer müssen nicht mehr „verstehen lernen“, dass Gewalt gegen Frauen existiert.
Sie müssen anfangen, Verantwortung zu übernehmen.

Für ihr Verhalten.
Für ihre Sprache.
Für das, was sie in ihrem Umfeld dulden.

Solange weggesehen, geschwiegen oder relativiert wird, bleibt alles, wie es ist.

Diese Bücher sind keine Empfehlung. Diese Bücher sind eine Aufforderung.

Text: Juliane Rump