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Gender: Alles im Fluss

Frau und Mann? Diese beiden Kategorien reichen längst nicht mehr. Und schon versuchen unzählige Begriffe all das greifbar zu machen, was jenseits der binären Geschlechterrollen stehen kann. Ein schwieriges Unterfangen, denn die Grenzen werden immer fließender und befinden sich im permanenten Wandel. Eine Entwicklung, die sich insbesondere unter den so genannten Millennials widerspiegelt und ihnen den Beinamen „Gender-Fluid-Generation“ eingebracht hat.

Viel zu häufig gab und gibt uns unsere gesellschaftliche und kulturelle Prägung vor, was Normalität ausmacht, und was wir als „natürlich“ wahrnehmen. So auch, wenn es um die Genderidentität geht. Dabei ist so manche Regelung, an der heute noch festgehalten wird, geschichtlich betrachtet nicht mehr als ein Überbleibsel aus früheren Zeiten.

Wenn wir heute mehr und mehr an Freiheit gewinnen, bringt das auch den alten Status Quo langsam zum Bröckeln. Denn wieso sollten wir uns weiterhin an ein veraltetes Normenwerk anpassen und uns beschränken, anstatt die Normen an unsere Lebensrealität anzupassen? Viel zu lange haben wir die Schuld bei uns selbst gesucht, wenn das, was wir fühlten, nicht mit dem zusammenging, was wir fühlen sollten. Heute erkennen wir zum Glück langsam, dass diese Diskrepanz nicht nur von einer Seite aus aufgelöst werden kann, sondern dass es an der Zeit ist, die Spielregeln zu ändern. Wieso sollen wir uns an ein veraltetes Normenwerk anpassen, statt die Normen an uns anzupassen?

Vor allem Menschen, die sich weder in einem Geschlecht noch in einer Sexualität zuhause fühlen, sollten lange die Schuld bei sich selbst suchen, wenn das, was sie fühlten, nicht mit dem zusammenging, was sie fühlen sollten. Mit den so genannten Millennials scheint nun eine Generation auf den Plan zu treten, der es leichter fällt, sich mit fließenden Geschlechterrollen zu identifizieren. Sie bekamen für ihre besonders hohe Ausprägung an sexueller Individualität sogar eine weitere Bezeichnung verpasst: Gender-Fluid-Generation.

Für viele von ihnen ist ihr Geschlecht, genau wie ihre Sexualität, ein sich ständig in Bewegung befindliches Gebilde. So auch für Katy aus dem Iran. Seit sechs Jahren lebt sie (they) in London und studiert Performance-Art am Central Saint Martins College of Art and Design. Durch ihre Kunst hat sie (they) ein Ventil gefunden, ihren Gedanken und Gefühlen über die eigene Identität und Sexualität Ausdruck zu verleihen. Sie (they) sagt: „Performance ermöglicht es mir auszudrücken, wie ich meinen Körper empfinde, und wie ich in ihm lebe.“ Auf ihrer Website bezeichnet sich Katy mit dem Personalpronomen „sie“ (they) anstelle von „er“ (he) oder „sie“ (she). Für sie sind diese Pronomen ein politisches aber auch ein kulturelles Statement. In Farsi, ihrer Muttersprache, gibt es keine Unterscheidung zwischen männlichen und weiblichen Personalpronomen. Katy empfindet es als unangenehm und unpassend, sich für eine der beiden geläufigen Anreden entscheiden zu müssen.

Manchmal, so erklärt sie, stehe sie auf und fühle sich sehr weiblich, dann gehe sie mit einem sehr femininen Gefühl in die Welt. Sich als Frau zu bezeichnen, würde sie deshalb aber trotzdem nicht: „Ich empfinde nicht, dass ich in die Kategorie ‚Frau‘ passe, aber ich hege definitiv auch keinen Wunsch danach, ein Mann zu sein.“ An anderen Tagen wacht sie auf und fühlt sich geradezu geschlechtslos. Dann scheint „they“ genau widerzuspiegeln, wie sich Katy selbst wahrnimmt.

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Früher hat sie sich sehr jungenhaft gekleidet – trug kurze Haare, Hemden, Fliege. In der Kultur, in der sie aufwuchs, ist Frausein mit Schwachsein gleichgesetzt. Und schwach sein, das wollte sie auf keinen Fall. Heute hat sich dieses Gefühl verändert und Katy ist der Meinung, dass Frauen sowieso eher die stärkeren Menschen seien. Aber wenn es um Sexualität und Beziehungen geht, dann lässt sie sich nicht von Geschlechterrollen leiten. Wie so viele ihrer Generation sagt sie, sie verliebe sich in den Menschen.

Das amerikanische Medienportal Fusion hat in einer großen Umfrage 18-35-Jährige zu relevanten Themen wie Politik, Karriere und Sexualität befragt. Laut dieser Studie empfindet die Hälfte der Millennials so wie Katy. 50 Prozent gaben an, dass Geschlechter nicht auf Kategorien wie ‚männlich‘ und ‚weiblich‘ beschränkt sind. Auch Netzwerke wie Facebook und OK Cupid passen sich ihren User*innen an: Mittlerweile kann man dort eine individuelle Genderangabe machen. Auch einige Universitäten haben verstanden, dass sich viele junge Menschen nicht mehr in eine gesellschaftliche Vorgabe pressen lassen wollen und bieten ihren Studierenden geschlechtsneutrale Toiletten an.

Diese neue Offenheit des Geschlechterverständnisses lässt auch Sexualität wandelbarer erscheinen als je zuvor, und das Auflösen von traditionellen Rollen ist akzeptierter denn je. Wer sich labellos fühlt, muss sich heute nicht mehr zwingend entscheiden.
Das bedeutet für junge Menschen, dass sie sich sicherer darin fühlen, sich auszutesten. Homosexualität beziehungsweise Bisexualität wird nicht mehr so stark als identitätsprägende Eigenschaft wahrgenommen. Denn je offener der Umgang mit diesen Themen wird, desto weniger definieren sie sich über ihre Andersartigkeit und müssen sich nicht abgrenzen. Bei so viel Salonfähigkeit verwundern die Ergebnisse der Fusion-Studie nicht, die durch eine weitere Studie gestützt werden: Auch der YouGov UK-Umfrage zufolge ordnet sich einer von zwei jungen Menschen in Großbritannien nicht hundertprozentig heterosexuell ein, sondern definiert sich als bi- bzw. pansexuell oder als genderfluid. Wobei Frauen tendenziell einen größeren Anteil einnehmen.

Das breite Spektrum an sexuellen Orientierungen und Identitäten ist keine Trenderscheinung, sondern spiegelt den Facettenreichtum des Menschseins wieder. Noch besteht das Bedürfnis alles einzuordenen und greifbar zu machen, vielleicht werden wir uns zukünftig an den permanenten Wandel gewöhnen und ohne neue Schubladen auskommen. Bis dahin werden wohl unzählige neue Begriffe für die Nuancen von sex und gender kreiert werden.

Text und Fotos: Julia Schönstädt