KAPITEL
Freundschaft

Lass uns Freund*innen bleiben

„Liebe ist nur ein Teilaspekt des Lebens und die anderen Teile sind auch nicht schlecht!“, skandierten die Lassie Singers 1996 in ihrem Lied „Liebe wird oft überbewertet“ – und haben Recht. Der Teilaspekt Liebe bekommt zu viel Aufmerksamkeit und zerbricht ironischerweise auch genau daran: Romantische Beziehungen sind so dermaßen überladen mit Anforderungen, Hoffnungen und Wünschen, dass ihr Scheitern quasi vorprogrammiert ist.

Wir wissen das. Wir kennen den Herzschmerz, wir kennen die Scheidungsraten. Möglicherweise haben wir sogar Eva Illouz gelesen und wissen, „Warum Liebe weh tut.“
Und wir kennen auch das Phänomen, den*die Ex nach der Trennung nie wieder zu sehen, obwohl er*sie zuvor die ganze Welt bedeutet hat.
Menschen verlieben sich. Nicht alle tun das, aber insgesamt hält der Trend an. Bleibt das Verlieben nicht einseitig (wie z.B. bei der BVG, die uns verzweifelt ihre Liebe aufdrängen will), formen sich Menschen zu Paar-Gebilden. In diesem Mit-, Auf- und Ineinander, geht es nicht selten symbiotisch zu. Die Fixierung auf das Gegenüber wird oft so groß, dass andere soziale Kontakte veröden.

„Wie geht’s eigentlich Jakob?“ – „Keine Ahnung. Seit er eine Freundin hat, sehe ich den gar nicht mehr.“ – Solche Dialoge kennen wir alle. Und wir wissen auch: Wenn Jakob und seine Freundin sich mal trennen, so statistisch gesehen in 1 ½ Jahren, wird er wieder präsenter in unserem Leben sein. Eventuell wird er sich an unserer Schulter ausweinen. Vielleicht wird er sagen „Ich bin zu jeder Schandtat bereit!“ und wir trinken Schnaps aus alten Socken. Und Jakob wird dankbar sein und während wir besoffen nach Hause wanken, werden wir unsere Freundschaft in den Himmel loben und die Freundschaft im Allgemeinen.

Love is all around us

Während wir mit Erzählungen über Liebe dermaßen zugespamt werden, sei es in Filmen, Musik oder Büchern, ist Freundschaft wenig präsent. Und das, obwohl immer mehr Menschen angeben, Freund*innen seien die wichtigsten Bezugspersonen in ihrem Leben, also Freundschaft potentiell der Familie den Rang abläuft.
Aber Freundschaft ist einfach nicht so spannend. Kein Kribbeln, kein Hormon-Chaos, kein Drama. Die Soziologin Eva Illouz stellt außerdem fest, dass Freundschaft sich wesentlich schlechter vermarkten lässt als die romantische Liebe, die im Kapitalismus in allen erdenklichen Formen konsumierbar gemacht wird. Auch deshalb bleiben die großen Hits über Freundschaft wohl aus.
Dabei gibt es soviele Gründe, Freundschaften mehr Wert beizumessen.

Freund*innenschaft funktioniert anders als Liebesbeziehung. Nicht so dramatisch – dafür weniger fragil, aufbauend auf gemeinsamen Interessen – dafür (meistens) ohne Sex. Sie ist langlebiger und in der Frage von Nähe und Distanz flexibler: Manchmal hören wir von unseren Freund*innen vielleicht wochenlang nichts – und wissen dennoch, dass sie da sind. In romantischen Beziehungen ist das kaum vorstellbar.
Freundschaften schließen wir, weil wir uns mit jemandem verstehen, gemeinsame Interessen teilen und/oder gute Gespräche führen. Hormone kommen da nicht vor, ebensowenig exklusive Besitzansprüche. Zwar werden auch an Freundschaften Anforderungen wie Loyalität und Verlässlichkeit gestellt, und auch Eifersüchteleien kommen schon mal vor – ein entscheidender Grund für die längere Haltbarkeit von freundschaftlichen Beziehungen dürfte aber sein, dass die Erwartungen dort wesentlich realistischer bleiben.

Das prekäre Leben und der Wunsch nach Sicherheit

Die exklusive Liebe will, dass ein einziger Mensch alles erfüllt, was wir brauchen, uns alles gibt, was wir wollen: Aufmerksamkeit, Spaß, Orgasmen, Kinder, Anerkennung und so weiter. Dass das ganz schön viel Druck bedeutet, ziemlich unrealistisch ist und auf Dauer nicht gut gehen kann, blenden wir gerne aus.
Zumal der Wunsch nach dieser Geborgenheit und bedingungsloser Liebe, nachvollziehbar, ja naheliegend ist. Solange wir in der Welt draußen weiterhin Konkurrenz, Leistungsdruck und Herrschaftsverhältnissen begegnen und uns die Liebe als sicherer Rückzugsort verkauft wird, werden wir uns auch weiter im Liebesknäuel verstricken.
Um der prekären Realität zu entfliehen, setzen wir auf Treueversprechen: Dem Pärchen-Gebilde sind bestimmte Aspekte vorbehalten, die aus der Friends Zone ausgesperrt sind.
Dort wird die gemeinsame Zukunft ausgemalt; Kinder, Häuser und Reisen werden geplant. Freund*innen werden hingegen selten in Überlegungen zur Familiengründung oder zum Umzug in eine andere Stadt mit einbezogen, obwohl solche Entscheidungen auch Freundschaften mit hoher Wahrscheinlichkeit verändern. Die Ausrichtung auf die Zukunft gehört den Pärchen.

Zu unrecht! Warum planen wir nicht mit unseren Freund*innen eine gemeinsame Zukunft? Dem ganzen neoliberalen Trouble etwas entgegenzusetzen, könnte doch heißen, Freund*innenschaft und Solidarität zu stärken, statt sich in Pärchen-Höhlen zu verkriechen.
Es gehört Mut dazu, sich in freundschaftlichen Beziehungen auf das Terrain der Zukunftsplanung zu wagen. Was in romantischen Beziehungen ganz selbstverständlich ist, muss für Freundschaften erst noch entdeckt werden. Dazu gehört auch das Erkennen und die Wertschätzung davon, was unsere Freund*innen für uns tatsächlich bedeuten.
Verlieben kann man sich ja trotzdem, wenn man so sehr daran hängt. Als Teilaspekt eben.
Wenn ein ganz frisches romantisches Techtel aber einer jahrelangen Freundschaft gegenüber direkt absolute Priorität genießt, ist das mindestens zweifelhaft.

 

 

Text: Marike Bode

 

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