KAPITEL
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Nie wieder einsam – wie du das Alleinsein zu lieben lernst

Ein Ende des Lockdowns ist nicht in Sicht und du fühlst dich endgültig abgeschottet und eingesperrt? Wie wäre es, die aktuelle Isolation zu wertvollen Me-Time zu erklären? Viel zu oft richten wir unsere Antennen nach außen und machen uns abhängig von anderen und ihrer Verfügbarkeit. Dabei gibt es so viel in uns selbst zu entdecken: Unsere Gedanken, die uns ununterbrochen beeinflussen, verschüttete Talente und Träume, die gelebt werden wollen, aber auch verdrängte Gefühle und Bedürfnisse, die wir endlich annehmen dürfen.

Während sich einige Menschen zwischen Homeoffice und Homeschooling und der Dauerpräsenz von Partner*in und Kids nichts sehnsüchtiger wünschen als ein paar stille Minütchen, fühlen sich andere schrecklich einsam. Das aufregende Singleleben oder die Fernbeziehung, die momentan ohne gegenseitige Besuche auskommen muss, zeigen sich momentan von ihrer garstigsten Seite.

Klar, auch die größten Naturmuffel haben inzwischen das Spazierengehen für sich entdeckt und der Landausflug mit Freund*innen ist das neue Clubbing. Doch niemand kann acht Stunden am Tag Waldbaden oder über karge Wiesen flanieren. Nach Wochen und Monaten wird selbst Netflix und Insta dröge. So tigerst du durch deine Vier-Wände und träumst von längst vergangenen Zeiten in (ablenkender) Freiheit. Oje, was tun?

Wie wäre es, wenn du aus der Not eine Tugend machst und die aktuelle Situation nutzt, um eine neue Art der Freiheit zu entdecken? Eine Freiheit, die dich ein Stück weit unabhängig von den Entwicklungen im Außen macht und das Zeug hat, deine neue große Liebe zu werden? Klingt verlockend? Trotzdem wirst du auf einige Widerstände stoßen.

In einer Gesellschaft in der Extrovertiertheit, Dauerkommunikation, Liebesbeziehung und Geselligkeit immer noch als Grundpfeiler für ein glückliches und erfülltes Leben betrachtet werden, gilt Alleinsein als unliebsamer und zu vermeidender Zustand, der höchstens in Minimaleinheiten und klarer zeitlichen Begrenzung bestehen darf. Lange Zeit herrschte die Annahme, dass ein Mensch nur dann „richtig“ sei, wenn er in einer Partnerschaft lebte. Die hartnäckige Meinung war und ist: Wer viel alleine ist, hat sicher psychische Probleme, auf alle Fälle leidet er darunter, nicht genug eingebunden zu sein. Eine Annahme, die insbesondere Singlefrauen auch heute oft zu spüren kommen und dazu führt, dass sie regelmäßig unaufgefordert für ihren Status bemitleidet werden. Ein Unding findet die Autorin Gunda Windmüller und plädiert ihrem Buch „Weiblich, ledig, glücklich – sucht nicht“ dafür, das Bild der bemitleidenswerten Singlefrau gründlich zu überdenken.

Nun ist es nichts neues, dass gesellschaftliche Normen und Maßstäbe keine guten Orientierungspunkte sind. Wir können also getrost jede abfällige Bewertung über Bord werfen und uns für die vielen neuen Möglichkeiten und Vorteile öffnen, die Alleinsein-Zeit mit sich birgt. Immerhin – und damit hat sie eigentlich schon einen Ehrenplatz in unserem Leben verdient – ist Alleinsein die Verbündete der Selbstliebe und der Selbstfürsorge. Ein unzertrennliches Trio, wenn es um deine Beziehung zu dir selbst geht.

Was dem liebevollen Blick auf das Alleinsein so oft im Wege steht, ist die Angst davor etwas zu verpassen. Der Vergleich mit anderen (bzw. mit dem scheinbaren aufregenden Leben, das so schillernd auf Insta präsentiert wird) geht oft mit dem Gefühl einher, der einsamste Mensch ever zu sein. Fakt ist: Beziehungen halten immer kürzer und die meisten Menschen erleben regelmäßig Phasen des Singledaseins. Anstatt sich sofort wieder in den Datingmarkt zu stürzen, steckt hier so viel Potential für dich: Wer sich auf sich selbst besinnt und sich unabhängiger vom Außen macht, lernt immer mehr Seiten von sich selbst kennen. Die willkommenen – aber auch die weniger angenehmen, die so oft ins Abseits gedrängt werden und vor sich hin rumoren. Dort in der Verdrängung kosten sie uns jede Menge Energie und lassen uns oft nach alten, ungünstigen Mustern handeln. Vielleicht ist es an der Zeit, hier einmal genauer hinzusehen? Erst, wenn unsere Antennen nicht ständig ins Außen gerichtet sind, können wir die eigenen inneren Stimmen und Empfindungen wahrnehmen – und zu verstehen lernen. Natürlich ist es unvermeidbar – und sogar wichtig –, dass hier auch schmerzhafte und negative Dinge auftauchen. Da ist die Versuchung groß, sich mit Hilfe von Netflix, Instgram und Co. schnell aus dem Staub zu machen. Es nützt aber nix: Wer sich der Begegnung mit sich selbst verweigert, wird immer auf der Flucht sein. Auf Dauer enorm kräfteraubend.

Es lohnt sich also, sich einmal all den mehr oder weniger (un)bewussten Gedanken, Annahmen und Glaubenssätzen zu stellen – und sie zu überprüfen. Denn oft ist uns gar nicht klar, was wir den ganzen Tag so in uns selbst zusammenbrauen und welche Gefühle damit einhergehen.

Glaub nicht alles was du denkst

Dabei ist die Macht unserer Gedanken nicht zu unterschätzen. Dennoch nehmen wir uns selten Zeit, uns ihre Wirkung auf unsere Stimmung bewusst zu machen. Von den 60.000 bis 70.000 Gedanken, die ein Mensch durchschnittlich pro Tag denkt, sind die meisten nicht nur unbewusst sondern auch negativ. Im Grunde befinden sich unsere Gedanken in einer Dauerschleife – so denken wir selten wirklich etwas Neues, sondern wiederholen gedanklich die alte Laier. Dabei sind unsere Gedanken stets durch einen Wahrnehmungsfilter getrübt, der im Außen nach Bestätigung der eigenen Annahmen sucht. Lautet mein inneres Programm bspw. dass die Welt ein feindlicher Ort ist und Menschen böse Absichten haben, werde ich ganz automatisch das Verhalten anderer entsprechend interpretieren. Aus einem freundlichen Lächeln wird dann schnell ein abfälliges oder provokantes Grinsen. So bestätigen wir uns unbewusst immer wieder unsere Grundannahmen.

Es lohnt sich also, die eigenen Gedanken einmal genauer unter die Lupe zu nehmen und das Alleinsein zu nutzen, den Verdrängungsimpulsen zu widerstehen. Eine bemerkenswerte Technik hierzu hat Byron Katie entwickelt – nachdem sie durch ihre persönliche Hölle gegangen war: In ihren 30ern erkrankte die Amerikanerin an Depressionen, die so stark wurden, dass sie schließlich in ein Heim kam. Inzwischen fühlte sich Byron Katie so wertlos, dass sie auf dem Boden schlief, weil sie sich eines Bettes nicht würdig fühlte. An diesem Tiefpunkt angelangt wachte sie eines Morgens auf und erkannte: Die Ursache für ihre Depressionen war nicht die Welt um sie herum, sondern das, was sie über die Welt glaubte. Wir leiden nur dann, wenn wir einem Gedanken für wahr halten, der damit streitet, was ist. Anstatt, ohne Aussicht auf Erfolg, zu versuchen die Welt so zu verändern, wie unsere Gedanken sie haben möchte, können wir unsere Gedanken hinterfragen. Byron Katie hat – ursprünglich für sich selbst als Selbsthilfe-Tool gedacht – genau dafür eine Methode entwickelt: The Work. Glücklicherweise müssen wir nicht erst wie Katie durch das tiefe Tal der Einsamkeit und der Depression gehen, um die Erkenntnisse zu nutzen: The Work wird inzwischen seit Jahrzehnten weltweit praktiziert und von vielen Psycholog*innen und Coaches angewendet. Mit vier einfachen Fragen hilft The Work, stressvolle Gedanken und Urteile zu identifizieren. In diesem Reflexionsprozess lernst du viel über deine Gedankenwelt und deine Urteile über dich selbst und über andere. Letztendlich wirst du erkennen, dass alles außerhalb von dir eine Spiegelung deines eigenen Denkens ist.

Ziel ist es nicht, alles in der Welt gutzuheißen. Vielmehr geht es darum, unsere automatischen Be- und Verurteilungen zu überprüfen. Probier es einfach aus: thework.com/deutsch

Sei geduldig

Unser Gehirn ist kein Fan von Veränderungen und greift am liebsten auf Altbekanntes zurück. So denken wir wie gesagt ständig das Gleiche und reagieren meistens immer wieder auf ähnliche Art und Weise. Annahmen im Außen zu bestätigen und entsprechend zu reagieren gibt unserem Gehirn Kontinuierlichkeit. Sei daher geduldig, wenn du dich immer wieder bei ungünstigen Gedanken oder Verhaltensweisen erwischt. Lass dich nicht entmutigen und bleib dran. Je mehr dir die Dinge bewusstwerden, desto mehr leicht fällt es dir, in einen „Etappen und Umschalten“-Modus zu fallen, wie die Psychologin Stefanie Stahl es nennt.

Zeit für einen inneren Frühlingsputz

Wenn du mehr und mehr deine Gedankenwelt ausgemistet hast, kannst du mit dem Aufräumen gleich weitermachen. Phasen des Alleinseins laden förmlich dazu ein, eine Bestandaufnahme zu machen und zu schauen: was brauche ich noch, was kann weg, was darf noch fertiggestellt werden oder zukünftig mehr Raum einnehmen? Nein, hier ist nicht die alte Jeans gemeint, die du seit fünf Jahren nicht mehr getragen hast. Hier geht es um offene Loops, also Geschichten, die nicht abgeschlossen sind, Gefühle, dich sich angestaut haben, ungeklärte Beziehungen, ungelebte Träume. Aber auch Menschen und Bindungen, an denen du schon viel zu lange festhältst und die du nun loslassen darfst. Loslassen ist für viele von uns ein heikles Thema. Schmeckt es doch im ersten Moment immer nach Verlust und Veränderung. Der positive Effekt kommt meist zeitverzögert. Nimm dir die Zeit zu überlegen. Gab es in der Vergangenheit etwas, an dem du auf Biegen und Brechen festgehalten hast? Wie fühlt es sich heute für dich an? Welche positiven Veränderungen hat dieses Loslassen in dein Leben gebracht?

Besonders bei Menschen, die uns einst sehr nahestanden, ist es oft schwer, sie auf allen Ebenen gehen zu lassen. Wie wäre es, wenn du diesen Prozess mit dem ein oder anderen Ritual unterstützt? In ihrem Buch „Zeit für Rituale“ hat Lore Galitz einige hilfreiche Impulse für dich zusammengetragen.

Dennoch: Loslassen stellt für jeden Menschen eine andere Herausforderung dar. Je nach Mentalität und Prägung fällt sie einigen leichter und anderen schwerer. Hier ist es wie immer wichtig, sich nicht zu vergleichen. Es gibt kein Gesetz, wie lange man braucht um bspw. über einen Verlust hinwegzukommen oder sich von einer Idee zu verabschieden. Die Autorin Ina Rudolph hat sich ausgiebig mit dieser Thematik beschäftigt und mehrere lesenswerte Bücher dazu geschrieben. (Einen Gastbeitrag von Ina findest du hier.) Oft ist uns gar nicht bewusst, wie viel Leid wir uns durch unnötiges Festhalten selbst zufügen. Auch hier geht es um einen Prozess, der viel Geduld und Selbstmitgefühl erfordert.

Wer die befreiende Fähigkeit, Altes und Belastendes vollständig loszulassen, von Grund auf lernen möchte, dem sei der Jahreskurs von Ina Rudolph (Foto unten) „Endlich loslassen“ ans Herz gelegt. Noch bis zum 14.02.2021 kannst du dich anmelden und dich ein ganzes Jahr von Ina coachen lassen. Hier kommst du direkt zum Kurs.

Probier’s mal mit Dankbarkeit

Neben den unliebsamen Gedanken, die sich insbesondere aufdrängen, wenn wir alleine, machen sich gerne Gefühle des Mangels bemerkbar. Wir Menschen neigen dazu, uns darauf zu konzentrieren, was wir nicht haben. Unterstützt werden wir dabei von Insta und Co. – wird uns hier doch täglich vorgegaukelt, wie viel reicher anderen vom Leben beschenkt wurden. Ständig wollen wir also etwas haben, was uns scheinbar fehlt. Mehr oder weniger bewusst erwarten wir – ob nun vom Schicksal oder von anderen – dass dieser Mangel behoben wird. Aus dieser Haltung entstehen dann, um es mit den Worten des Psychologen Robert Betz zu sagen, Verbraucher-Gemeinschaften. Beziehungen also, die darauf beruhen, dass zwei sich brauchen und sich letztendlich verbrauchen. Das klingt ziemlich unsexy, oder? Wie wäre es, der Welt nicht aus einem Mangel heraus zu begegnen, sondern aus einem Gefühl der Fülle? Dafür gibt es ein einfaches Rezept als ersten Schritt: Dankbarkeit. Dankbar für Dinge, die bereits in deinem Leben sind. Für andere Menschen, für Erlebnisse, für scheinbare Selbstverständlichkeiten, aber auch für alles, was du selbst erschaffen hast. Es wirkt bewiesenermaßen Wunder, sich täglich Zeit zu nehmen, aufzuschreiben, wofür man dankbar ist. Dafür brauchst du nur Zettel und Stift, du kannst deine Erkenntnisse natürlich auch täglich feierlich in einem Dankbarkeitstagebuch verewigen. Unser Gehirn freut sich über Gewohnheiten.

Wie du siehst, gibt es wunderbare Möglichkeiten, Alleinsein zu nutzen – und lieben lernen. Die Autorin Franziska Muri, die sich privat und beruflich ganz den Themen ganzheitliche Heilung und Spiritualität widmet, hat 21 Gründe zusammengetragen, das Alleinsein zu lieben. Neben den oben dargestellten gehören dazu auch schöne Begleiterscheinungen wie „die eigene Kreativität entdecken und entfalten“, „sich auf das eigene Selbst verlassen“, frei von den Ideen und Plänen anderer die eigene Vision entwickeln“, die Sinne zu schärfen und mehr im Hier und Jetzt zu sein. Klingt verlockend, oder? Und dies ist nur ein Auszug aus den vielen schönen Erkenntnissen, die die Autorin zum Thema Alleinsein zusammengetragen hat. Neben ihren Büchern bietet Franziska Muri, die man zweifelsfrei als Botschafterin der Selbstliebe und -fürsorge bezeichnen kann, übrigens aktuell auch einen Onlinekurs an: Niemals einsam – Wie Du lernst, aus dem Alleinsein Kraft zu schöpfen. Darin begleitet dich Franziska Muri durch den Prozess und steht dir mit Videomodulen und Begleitmaterial zu Seite. Sie ist sich sicher: Wenn Du mit dir selbst verbunden bist, kannst du nicht einsam sein!

Welch vielversprechende Aussicht – nicht nur in Zeiten von Lockdown und Corontäne.

Alle Buchtipps aus dem Beitrag und weitere Empfehlungen:

Gunda Windmüller: Weiblich, ledig, glücklich – sucht nicht, Rowohlt, 288 Seiten

Franziska Muri: 21 Gründe, das Alleinsein zu lieben, HEYNE, 288 Seiten

Franziska Muri: Glücklich mit mir, HEYNE, 224 Seiten

Gedanken

Byron Katie: Lieben was ist, arkana, 384 Seiten

Byron Katie: Wer wäre ich ohne mein Drama?, Goldmann, 448 Seiten

Byron Katie: Wer bin ich ohne diesen Gedanken?, arkana, eBook

Loslassen

Ina Rudolph: Ich will ja loslassen, doch woran halte ich mich dann fest?, Goldmann, 256 Seiten

Ina Rudolph: Ich will mich ja selbst lieben, aber muss ich mich dafür verändern?, Goldmann, 256 Seiten

Ina Rudolph: Loslassen – Dein Arbeitsbuch für ein ganzes Jahr, Goldmann, 256 Seiten, erscheint am 19. April

Bärbel Wardetzki: Loslassen & dranbleiben, Kösel, 224 Seiten

Lore Galitz: Zeit für Rituale, Irisiana, 160 Seiten

Dankbarkeit

Daniel Bergheim Botnmark: Glückstagebuch, Mentor Verlag, 160 Seiten

Michelle Obama: Becoming – Finde deine Stimme, Goldmann, 544 Seiten

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