Raus aus der Selfcare-Blase – zurück zu mehr Mut und Liebe
Zwischen Selbstoptimierung und Rückzug: Haben wir verlernt, füreinander da zu sein? Zeit für neue Nähe, ehrliches Zuhören – und Verbundenheit.
Ein Plädoyer
Ich scrolle durch Instagram und stoße immer häufiger auf Posts wie: „Blind Date Friends Tapas-Abend“, „Blind Date gemeinsam aufs Konzert gehen“, „Walk Together“. Events, die uns helfen sollen, neue Menschen kennenzulernen, unseren Freund*innenkreis zu erweitern. Gleichzeitig sehe ich Reels, in denen empfohlen wird, allein essen zu gehen, sich selbst auf ein Solo-Date einzuladen. Dazwischen immer wieder Videos mit Geschichten wie: „Ich habe mich in den letzten Jahren von vielen Menschen getrennt, die mich genervt haben oder bei denen ich mich nicht mehr wohlgefühlt habe. Jetzt, Anfang 30, fühle ich mich ziemlich einsam. Vielleicht sollte ich mich wieder bei einigen melden.“
Wir trennen uns wegen Meinungsverschiedenheiten, politischer Differenzen oder einfach, weil sich das Leben verändert. Neue Jobs, neue Wohnorte, neue Beziehungen. Gleichzeitig sprechen wir immer öfter mit einem kleinen Gerät statt miteinander. Wir sehen immer weniger andere Menschen, spüren ihre Präsenz nicht, vergessen, was passiert, wenn Worte und Stimmungen einen Raum füllen. Ich habe ähnliches erlebt. Treffen mit Freund*innen wurden immer häufiger abgesagt. Mal hieß es: „Ich brauche gerade mehr Zeit für mich.“ Oder: „Nicht böse gemeint, aber beim letzten Treffen waren so negative Vibes. Ich weiß, es ging dir schlecht, aber ich muss auch auf mich selbst achten.“ Also habe ich mich in Arbeit gestürzt, neue Projekte angenommen. Denn: Wenn ich beschäftigt bin, kann ich mich doch gar nicht einsam fühlen. Oder?
Ich sehe immer mehr FLINTA-Personen, die öffentlich darüber sprechen, wie sehr ihnen soziale Kontakte fehlen. Ironisch, oder? In einer Zeit, in der Selfcare und Selbstoptimierung als Schlüssel zum Wohlbefinden gelten, zeigen sich zunehmend ihre Schattenseiten.
In einer Zeit, in der Selfcare und Selbstoptimierung als Schlüssel zum Wohlbefinden gelten, zeigen sich zunehmend ihre Schattenseiten.
Selbstoptimierung im Kapitalismus bedeutet: Schlaf optimieren – mit Apps, Melatonin-Gummibärchen und zugeklebtem Mund. Dann perfekte Instagram-Frühstückbowls, Cryo-Duschen, Vitamininfusionen, Heimtests für die Darmflora. Für die maximale Performance.
Bei Selfcare geht es darum, auf sich selbst zu achten. Negative Erfahrungen fernhalten, an unserem Mindset arbeiten, gut zu uns sein. In Yogaklassen wird Freiheit gefeiert, aber auch: „Positive Vibes only“. Bloß kein Stress. Wir konzentrieren uns immer stärker auf uns selbst. Und ja, unser Alltag gibt uns wenig Raum für andere. Wer will nach einem anstrengenden Arbeitstag noch den Ballast anderer tragen?
Die Grenzen zwischen Selbstoptimierung und Selfcare verschwimmen. Dabei ist Selfcare in ihrem Ursprung ein feministischer Akt. Und absolut legitim. Wie sollen wir langfristig gesund bleiben, wenn wir uns ständig aufopfern? Auch Therapeut*innen fragen: „Wie wollen Sie für andere da sein, wenn Sie nicht für sich selbst sorgen?“
Aber: „Everybody wants to be a villager but no one wants to build a village.“
Wir leben in einem Zeitalter der Angst. Um unsere Zukunft, unsere Jobs, unsere Gesundheit. Zusätzliche Bindungen einzugehen, für andere da zu sein, kann überfordern. Wir fürchten Verletzungen, wenn wir uns zeigen. Vielleicht haben wir nie gelernt, über Bedürfnisse zu sprechen. Und wenn wir verletzt werden, tut es weh. Wir schämen uns. Oft heißt es dann nur: „Sprich lieber mit jemand Professionellem.“ Gespräche enden, bevor sie beginnen. Und Distanzen wachsen. Vielleicht haben wir nie gelernt, die Bedürfnisse anderer zu sehen. Zu fragen: „Willst du gerade, dass ich einfach zuhöre? Brauchst du Gesellschaft?“
Manchmal sind wir selbst überfordert, warten auf Diagnosen, stemmen Care-Arbeit. Fühlen uns allein. Und trotzdem: Wir brauchen einander. Wir sind soziale Wesen. Wir brauchen menschlichen Kontakt, Gemeinschaft. Es gibt keine universelle Lösung. Aber wir können anfangen. Uns auf Unbekanntes einlassen. Neue Hobbys. Zusammen mit anderen. Raus aus der Komfortzone. Das kann Angst machen. Aber es ist mutig, für andere da zu sein, auch wenn wir nicht wissen, wie.
Nicht immer braucht es eine Lösung. Manchmal reicht es, einfach da zu sein.
Nicht immer braucht es eine Lösung. Manchmal reicht es, einfach da zu sein. Einen Raum gemeinsam zu teilen kann ein Geschenk sein. Denn in der Gegenwart eines anderen Menschen können wir uns weniger einsam fühlen. Vielleicht struggeln andere gerade mit etwas, das wir selbst schon durchlebt haben. Das kann schmerzen, aber es kann auch verbinden. Und uns empathischer machen. Unsere Erfahrungen sind ein Schatz. Sie können Trost spenden. Kraft geben. Und selbst wenn wir etwas nicht nachvollziehen können, können wir sagen: „Ich bin überfordert, aber ich bin da. Du bist nicht allein.“ Verletzlichkeit schafft Verbundenheit. Und wir müssen verstehen: Liebe, Mühe, Zeit sind nie symmetrisch verteilt. Das Leben ist kein Tauschhandel. Manche Beziehungen fordern mehr, andere geben mehr. Und das ist okay. Zu lieben bedeutet, zu geben, ohne etwas zu erwarten. Sich zu öffnen. Menschlich zu sein.
Auch ich zweifle. Frage mich, ob ich zu viel gegeben habe. Und trotzdem: Ich will nicht aufhören zu lieben. Auch nicht nach schlechten Erfahrungen. Denn ich will zurückblicken können und sagen: Ich habe mich nicht zurückgehalten. Ich habe geliebt.
„Love is a practice“, sagte bell hooks. Also: Lasst uns anfangen, uns wieder mit mehr Liebe zu begegnen.
Text: Samson Grzybek Foto: Jana Rodenbusch
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Samson Grzybek ist Autor*in, Lyriker*in, Speaker*in und Gründer*in von Queermed Deutschland – einer Plattform für diskriminierungssensible Gesundheitsversorgung und queere Safer Spaces.
Mit Queermed setzt sich Samson als nonbinärer Aktivist*in für mehr Awareness in medizinischen Strukturen ein – durch Vorträge, Workshops, Blogbeiträge und Bildungsformate. Schwerpunkte sind u. a. queere Lebensrealitäten, Trauma, Klassismus, Herkunft und Machtverhältnisse. Samsons Texte erscheinen auf dem Queermed-Blog, in Newslettern sowie Magazinen wie Veto oder Teenstark. Im Podcast „Trauerschatten“ spricht Samson mit Gäst*innen über persönliche Trauererfahrungen – einfühlsam, politisch und offen. Mehr über Samson Grzybek erfahrt ihr hier.
