KAPITEL
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Rosalía – Berghain: Zwischen Mystik, Rausch und Rückkehr

Heilig oder hedonistisch? In Berghain trifft Club auf Kathedrale, Ekstase auf Erkenntnis. Rosalía erschafft zwischen sakraler Oper und elektronischen Texturen ein feministisches Ritual aus Mystik, Rausch – und Rückkehr; nicht nur zu sich selbst, sondern zu dem, was uns alle verbindet.

Dass der Song so viel Aufmerksamkeit bekommt, ja fast als eine Art Erlösung gefeiert wird, ist kein Zufall. Wir leben in einer Ära permanenter Vernetzung – und zugleich tiefster Vereinzelung. Ständig im On- und Erregungsmodus wächst zwischen Scrollen, Kommentieren und Selbstoptimieren eine neue Form der Leere – digital, emotional, spirituell.

Berghain trifft genau in diesen Riss. Rosalía füllt ihn – mit einer Klangliturgie über die Sehnsucht nach Verbindung in einer fragmentierten Welt. Sie singt über das, was viele längst spüren, aber selten formulieren können: das Bedürfnis, wieder Teil von etwas zu sein, das größer ist als das eigene Ich

Der Club als innerer Tempel

Kein Beat, kein Licht, nur Atem. Dann: Streicher, Chöre, eine Stimme, die nicht spricht, sondern beschwört. „Seine Angst ist meine Angst, seine Wut ist meine Wut.“ So beginnt Berghain – eine Oper im Songformat, die nicht einfach gehört, sondern gefühlt werden will.

Ein klassisches Herzschmerz-Lied zu erwarten, wäre ebenso kurz gegriffen wie die Annahme, es handle sich um eine Hymne an den gleichnamigen Club. Vielmehr wird das Berliner Berghain zur Metapher einer kollektiven Erfahrung, in der das Ich sich verliert, um sich selbst wiederzufinden. Als Sinnbild für Exzess, Entgrenzung, Transformation und Anonymität vereint es die Kernelemente von Rosalías Werk: Entfremdung, (Selbst-)Auflösung und Verschmelzung.

Diese Spannung übersetzt Rosalía musikalisch in Klang: Schichten aus Chorstimmen, orchestrale Crescendi, Klangwellen, die kommen und vergehen wie Atemzüge. Die Musik ist liturgisch, aber nicht kirchlich; sie klingt wie eine Messe ohne Gott. Das Heilige entsteht nicht von außen, sondern durch die Intensität des Inneren. Die Architektur des Klangs ist spirituell, nicht hedonistisch.

Care-Arbeit trifft weibliche Mystik und Selbstermächtigung

Wie schon in früheren Arbeiten thematisiert Rosalía auch in Berghain die weibliche Arbeit am Selbst – buchstäblich wie symbolisch. Etliche Codes und Mythen flankieren die Etappen ihrer inneren, spirituell-feministischen Transformation: vom Wald als Übergangsraum – zwischen Zivilisation und Natur, Mensch und Göttlichem – über Schneewittchen bis hin zur Rückeroberung des Apfels als Sündenmythos.

Selbst Care-Arbeit wird im Musikvideo zur sakralen Handlung. Die typischen Trade-Wife-Szenen dienen dabei als kalkulierter Bruch: Rosalía putzt nicht für jemanden, sondern von etwas – von Erwartung, Zuschreibung, Schuld. In einer Gesellschaft, die Frauen immer wieder in das Narrativ der Fürsorglichkeit zwingt, verwandelt sie das Symbol des Gehorsams in ein Werkzeug, mit dem sie die Idee von „Frau“ dekonstruiert und neu zusammensetzt.

Das Verweben von Musik, Metaphern, Codes und Kontext offenbart die Vielschichtigkeit von Berghain als Gesamtkunstwerk. Dass Rosalía darin auf Deutsch singt, verweist u. a. auf eine ihrer zentralen Inspirationsfiguren: Hildegard von Bingen. In Interviews erklärte sie, dass Hildegards Wirken ihr gezeigt habe, dass Musik nicht bloß Ausdruck, sondern Gebet sein kann – ein Raum, in dem Körper und Erkenntnis zusammenfallen. Genau dieses Prinzip spürt man in Berghain: Die Stimme wird zu einem liturgischen Instrument, der Klang zu einer inneren Vision.

Hildegard von Bingen verstand Spiritualität als etwas, das durch den Körper strömt; Rosalía übernimmt diese Perspektive und übersetzt sie in eine säkulare Gegenwart. So entsteht eine unerwartete Verbindung: mittelalterliche Mystik und moderner Clubraum, Heilige und Cyborg, Gebet und Ekstase. Beide Künstlerinnen arbeiten mit einer Form weiblicher Spiritualität, die nicht entrückt, sondern verkörpert ist – eine Mystik, die Macht nicht von außen leiht, sondern aus der eigenen Stimme bezieht.

Wer könnte dieses Duo besser ergänzen als Björk? Sie, die seit den 1990ern Weiblichkeit als mythologisch-technologischen Raum erforscht, wirkt in Berghain wie ein tiefes Echo – ein geistiger und klanglicher Resonanzkörper, der Rosalías innere Verwandlung im Song miterzeugt. Hört man genau hin, ergänzen sich Björks und Rosalías Stimmen wie zwei Aspekte derselben Entität.

Das entfaltet eine symbolische Wirkung mit feministischer wie spiritueller Dimension: Zwei Frauenstimmen werden eins – ohne sich zu dominieren. Kein Duett im klassischen Sinn, sondern eine Fusion: Rosalía – der menschliche, verletzliche, körperliche Ausdruck. Björk – die überirdische, urtümliche, „göttliche“ Schicht. Gemeinsam erschaffen sie ein polyphones Ritual – jenseits eines allmächtigen, übergeordneten Gottes.

Rausch als Sehnsuchtsort

Berghain ist keine Hymne auf den Rausch. Es ist eine Meditation über die Sehnsucht, sich selbst zu vergessen, um sich wieder zu spüren. Über die Möglichkeit, im Kollektiv etwas wie Transzendenz zu finden.

In diesem Motiv liegt etwas zutiefst Kristevianisches: das Durchqueren des Rauschs als Rückkehr zum Lebendigen. Julia Kristeva beschreibt das Heilige nicht als Erhebung, sondern als Moment, in dem das Subjekt seine Grenzen verliert – wo Sprache, Körper und Begehren ineinander übergehen. So betritt auch Rosalía in Berghain diesen Raum zwischen Auflösung und Wiedergeburt: Ekstase wird zum Akt der Reinigung, ein Ritus, der das Ich entgrenzt, um es neu zu ordnen. Der Club als moderner Tempel – ohne Priester, ohne Dogmen.

Was bleibt

Am Ende des Songs bleibt Stille. Der Chor verebbt, Rosalías Stimme löst sich auf, als würde sie sich selbst in Hall verwandeln. Es ist, als würde das Stück sich selbst ausatmen. Diese Stille ist kein Nichts, sondern das, was übrigbleibt, wenn alles verschmolzen ist. Sie ist das Ursprüngliche – das, was Björks Stimme symbolisch öffnet. Spirituell gesprochen ist das der Übergang von Ekstase zu Präsenz, vom kollektiven Rausch zur inneren Verbundenheit.

Berghain ist keine Hommage an den Club. Es ist eine Allegorie auf den Zeitgeist. Rosalía kreiert daraus eine Oper über Verlust und Rückkehr, über Entfremdung, Ekstase und das Heilige im Profanen – über das Bedürfnis, sich selbst im Kollektiv wiederzufinden und schließlich die Transformation in der Rückkehr zu erfahren: nicht nur zu sich selbst, sondern zu dem, was größer ist – zum Ursprünglichen, zum Lebendigen, zum Klang, aus dem alles kommt.

Ob sich Rosalía in diesem Blick auf Berghain und all den anderen Deutungen wiedererkennt? Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Sicher ist, dass sie ein Werk erschaffen hat, das berührt, erstaunt – und viele menschliche Sehnsüchte und Spannungsfelder in sich vereint.

 

Text: Juliane Rump Foto: Screenshot aus Rosalías Video zu Berghain. Youtube / @rosalia