KAPITEL
Daughter: Intensität Für Alle Sinne

Daughter: Intensität für alle Sinne

Daughter sind auf Tour, haben bereits Hamburg beglückt und steuern nun Berlin und München an. Unsere Musikredakteurin Christiane Falk hat die Band nicht nur getroffen, um mit ihnen über das aktuellen Album zu sprechen, sondern sich auch die neuen Videos einmal genauer angesehen.

Eine emotionale Angelegenheit, denn wer zum Video der Daughter-Single „Doing the right thing“ nicht mindestens eine Träne vergießt, der liegt auf der Emotionsklaviatur im frostigen Bereich. Ein alter Mann trägt Anzug, poliert seine glänzenden Stiefeletten, geht auf die Straße raus und holt ein rotes Kleid aus der Reinigung. Doch seine Frau, mit der er früher an so einem Tag sicher zu einem Tanztee gegangen wäre, sitzt heute nur noch demenzkrank zu Hause vor dem Fernseher. (Reinschauen: http://www.dooloop.tv/video/4258381/daughter-doing-the-right-thing)

„Ich hatte nicht vor, einen Text über Alzheimer und Demenzkranke zu schreiben“, sagt Frontfrau Elena Tonra. Aber ja, es stimme, ihre Großmutter leide unter der Krankheit und dieser Zustand beschäftigt sie. Es tue gut, sich über die Musik und Texte mitteilen zu können, ein Ventil zu haben, erklärt sie.

Die beiden Filmemacher Iain Forsyth & Jane Pollard, die bei „20.000 Days on Earth“ über den Musiker Nick Cave Regie geführt haben, zeichnen für den Clip verantwortlich. Er ist der erste einer Trilogie, die das neue Album von Daughter „Not to disappear“ visualisiert.

Elena erinnert sich an die Entstehung: „Wir hatten bereits für ein früheres Video mit den beiden gearbeitet und ihnen die neuen Songs geschickt. Sie schlugen vor, diese an den Autor Stuart Evers zu senden und ihn zu fragen, ob er dazu Kurzgeschichten verfassen könne. Evers wiederum übergab danach seine Ideen an die Filmleute. Am Ende trafen sich alle Beteiligten und in nur drei Tagen entstanden die Videos. „Es war eine spannende kreative Kette, und wir haben in Zeiten, in denen nicht mehr viel Geld für Videos ausgegeben wird, im kleinen Rahmen etwas geschaffen, auf dass wir sehr stolz sind“, so Elena.

Das gilt auch für das zweite Album. Nachdem die Band, in der neben Elena noch Gitarrist Igor Haefeli und Schlagzeuger Remi Aguilella aktiv sind, nach zweieinhalb Jahren auf Tour zurück nach London kam, musste sie sich erst mal wieder an den Alltag gewöhnen. „Du gehst Abend für Abend auf eine Bühne und was du tust, wird meistens beklatscht. Und dann kommst du heim und es bleibt ruhig. Es klatscht ja keiner, wenn ich den Abwasch mache“, kichert sie und erklärt, dass ein Leben auf Tour eine völlig surreale Zeit darstelle.

Für die Aufnahmen zu „Not to disappear“ zog es Daughter dann nach Brooklyn, New York.

Zusammen mit dem Produzenten Nicolas Vernhes (der auch schon mit Deerhunter, The War On Drugs oder auch Animal Collective gearbeitet hat) haben sie eine düstere, immer leicht rastlose Atmosphäre zu schaffen und den Songs eine Dynamik zu geben, die an der Oberfläche brodelt. Daughters Sound ist erneut weit davon entfernt, stürmisch oder gar aufbrausend zu sein, dennoch passiert innerhalb der Lieder mehr als auf dem Debüt. Die Band geht nicht auf Nummer sicher und wiederholt sich einfach nur. Elektronische Beats treffen auf düstere Synthesizerflächen und steigern sich langsam. Ein idealer Soundtrack für lange Autofahrten im Dunklen, auf denen davor und danach Musik von The xx und London Grammar passt.

 

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Neues Album: Not to disappear (Plattenfirma: Beggars)

Anspieltipps: Numbers, Fossa, Mothers, Doing the right Thing

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