KAPITEL
July 2015 1

REVIEW: TAKE THE CAKE

Kuchen ist vielmehr als das chemisch reaktionäre Ergebnis seiner einzelnen Bestandteile. Das Spotlight strahlt fast nie auf Zutaten wie Eier, Milch und Mehl oder Hintergründe wie die historische Entstehung von Gebackenem, die Entdeckung von Treibmitteln oder das ewige Bild der Frau neben dem des Kuchens. April Gertler öffnet mit TAKE THE CAKE: The Sponge neue Perspektiven, wenn sie Parallelen zwischen dem Ei des Huhns und dem der Frau zieht.

20 Uhr. Grüntaler9. Der Raum für Performances in Berlin füllt sich schnell, Kissen werden auf dem Boden ausgelegt, damit jeder sitzend zu April Gertler aufschauen kann. „Essen ist ein perfektes Medium performativer Kunst“ – sagt April und backt deswegen an diesem Abend einen Kuchen. Während der 45-minütigen Performance TAKE THE CAKE: The Sponge, steht sie vor etwa 30 Menschen und paart Lecture Performance mit Backshow. Der luftige Sponge Cake, vergleichbar mit einem Biskuit-Kuchen, ist der Lieblingskuchen ihrer Schwester, erzählt sie uns und beginnt kurz darauf über Hühner und Eier zu sprechen, während sie uns ein Bild eines Hühnereis zeigt, das an der Wand hängt. „Was ist ein Ei?“, fragt sie, bevor sie uns seinen anatomischen Aufbau erklärt.

„It’s all about eggs!“

Sie beginnt, sechs Eier zu trennen und erläutert ihr „drei Schüssel System“: eine für das Eiweiß, eine für das Eigelb und eine, in der sie das Eiweiß trennt, bevor sie es in die größere Schüssel gibt, um es vor der Verschmutzung durch das Eigelb zu schützen. Während sie Eigelb und Zucker schlägt, erklärt sie uns, dass man seinen wöchentlichen Calciumbedarf ganz einfach decken kann, indem man Eierschalen, die zum größten Teil aus Calciumcarbonat bestehen, im Ofen trocknet, dann mahlt und wöchentlich einen Teelöffel davon zu sich nimmt. Über die Geräusche des elektronischen Mixers hinweg ruft sie uns zu, dass man schon im 16. Jahrhundert lernte, Eischnee neben der bereits bekannten Hefe als Treibmittel für Gebackenes zu nutzen. Allerdings mit einer größeren Wertschätzung, da das damalige Huhn noch weit entfernt war vom heutigen Hybridhuhn, das alle 24-26 Stunden ein Ei legen kann.

Wer ist nun eigentlich April Gertler?

Die amerikanische Künstlerin hat in Kalifornien Interdisziplinäre Sozialwissenschaften und Fotografie studiert, kam dann zunächst nach Frankfurt und 2005 nach Berlin, wo sie seitdem lebt und arbeitet. In ihrer Arbeit ist es der gemeinschaftliche Erfahrungsmoment, an den sie anknüpft, so gestaltet sie Performances und kuratiert Events. 2009 startete sie PICTURE BERLIN, ein hybrides Residency-Programm für internationale Künstler. Sie ist Teil des Berliner Projektraums tête und des kuratorischen Projekts Sonntag, das monatliche Kunstausstellungen einzelner Künstler mit deren Lieblingskuchen verbindet. Seit April 2016 lehrt sie als Gastdozentin analoge Fotografie am Bard Campus Berlin und wurde im September letzten Jahres für TAKE THE CAKE mit einem Forschungsstipendium der Stadt Berlin ausgezeichnet.

„It’s all about interpretation!“

Auf ihrer kleinen Bühne im Grüntaler9 hat sie nun Eigelb und Zucker zu einer hellgelben Masse geschlagen und sorgt jetzt für steifen, glänzenden Eischnee, während sie uns die zwei Denkschulen backender Menschen erläutert: die einen sind sehr unflexibel und korrekt was Zutaten und Werkzeuge angeht, die anderen backen den Kuchen auch wenn sie keinen im Rezept aufgeführten Honig mit elektronischem Mixer unterrühren können – sie nehmen einfach Melasse und einen Löffel.

Etwa 330 Eier jährlich legt ein Hybridhuhn; wenn Frauen so oft ovulieren würden, wie Hühner Eier für den menschlichen Konsumenten produzieren müssen, wären wir körperlich am Ende. Und irgendwie sind wir das auch, wenn man sich die Zahlen von In-Vitro-Fertilisationen anschaut, die jährlich steigen. Weibliche FJan 2016_1ruchtbarkeit ist ein riesiges Business, denn unsere Eier sind wertvoll, können doch daraus kleine Menschen entstehen. Das Hühnerei bleibt heutzutage allerdings meist unbefruchtet, sonst wäre es nicht essbar für den Menschen und könnte nicht verkauft werden. Frauen mit unerfüllten Kinderwünschen hätten manchmal gerne eine ebenso fließbandartige Produktion ihrer Eier, dann wäre die Chance größer, aus der Befruchtung im Glas ein Ergebnis zu erzielen. Denn künstliche Befruchtung ist kein Spaziergang, das weiß auch April Gertler und erzählt beim Schlagen des Eiweißes und dem Einrühren des Zuckers ihre eigene Hormongeschichte: Wie sie einmal auf der Berlin Art Fair war und der Zeitpunkt ihrer täglichen Hormonspritze immer näher kam, denn sie muss unbedingt zum immergleichen Zeitpunkt gesetzt werden. So lief sie mit ihrem Partner auf die Toilette, saß auf dem Deckel, darauf bedacht das Ritual schnellstmöglich so hygienisch wie möglich durchzuziehen. Sie fühlte sich wie ein Junkie.

An dieser Stelle sind die Wege von weiblichem Mensch und weiblichem Haushuhn sehr ähnlich: das weibliche Haushuhn legt ein unbefruchtetes Ei, das ihr sogleich abgenommen wird. Dem weiblichen Menschen wird nach erfolgreicher Hormonbehandlung eine Eizelle abgesaugt und entnommen. Während das Hühnerei jetzt geputzt und in einen Pappkarton gelegt wird, kommt die menschliche Eizelle in ein Reagenzglas und wird befruchtet. Ist die Befruchtung erfolgreich, wird gehofft, dass sich der Mini-Embryo in der Gebärmutter einnistet. Währenddessen backt Mutti einen leckeren Biskuitkuchen mit sechs Eiern für die Tochter, damit sie sich was Gutes tut und der Stress den Embryo nicht von der Einnistung abhält.

„A party without cake is only a meeting“– Julia Child

Mit der Parallelschaltung von Backshow und Lecture Performance, also dem Backen von luftigen Sponge Cakes und einer Art performativen Vorlesung über die Eier von Hühnern und Frauen, thematisiert April Gertler einen Zusammenhang, den es bisher nur in Form von Diskursen über die Muttermilch der Frau und die Muttermilch von Tieren gab. Sie öffnet einen Themenbereich, der viele Ecken des zeitgenössischen Nahrungsmittelkonsums betrifft: die das Essen legitimierende Reduktion benennender Wörter. Wie wir nur zu menschlicher Milch Muttermilch sagen und bei tierischer Milch die Rolle des gebenden Lebewesens bewusst ignorieren, wird nur das tierische Ei zum essbaren Produkt, der menschlichen Eizelle aber wird so viel Bedeutung zugeschrieben, das Unternehmen mit In-Vitro Fertilisation und Social Freezing werben können.

Im Grüntaler9 rührt April Gertler jetzt gesiebtes Mehl, etwas Zitronenschale und Orangensaft in den Teig, hebt im letzten Schritt behutsam den Eischnee unter und stellt die Form in ihren kleinen Ofen. Damit ihr Publikum nicht so lange warten muss, holt sie unter ihrem recipe_cake_july17Tresen einen abgekühlten Sponge Cake hervor, den sie uns anbietet. Und nach der ganzen Eiergeschichte bewundern wir die durch den Eischnee entstandene, wunderbare Luftigkeit des Kuchenstücks, die unsere Beziehung zum Hühnerei auf eine neue Ebene stellt – die uns zurückführt zur Bedeutung und Entstehung unserer Nahrungsmittel, die wir so selbstverständlich einkaufen; die uns sensibilisiert für ein Produkt, das wir nur vom Menschen abgrenzen, weil wir uns den Gebenden längst Untertan gemacht haben.

 

Text: Rebecca Heinzelmann

Bilder: Ayala Gazit

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