KAPITEL
Kristina Lunz Mehr Weltfrieden

Mehr Frau. Mehr Weltfrieden?

Terror, Putsch, Kriege und erstarkender Nationalismus – in der Wahrnehmung vieler scheint 2016 ein besonders gewaltvolles Jahr zu sein. Oft wird auf Gewalt mit Gewalt reagiert, martialische Aussagen folgen oft Akten der Gewalt. Hierfür stehen Trump, Putin und Erdogan exemplarisch. Sie drehen die Spirale der Gewalt weiter: Zu wenige Worte resultieren in zu vielen Waffen und Hass. Die Spirale muss gestoppt werden, ein neuer Ansatz muss her. Radikale Ideen werden gebraucht. Gloria Steinem schreibt, dass der simpelste Weg, um echten Wandel zu schaffen, der folgende sei: Lass diejenigen, die normalerweise schweigen, das Reden übernehmen. Und diejenigen, die normalerweise reden, sollen zuhören. Das wäre radikal einfach. Es würde beispielsweise bedeuten, dass mehr Frauen in politischen Positionen der Macht die Entscheidungen träfen.

Sind mehr Frauen die Lösung?

Doch würde das tatsächlich einen Wandel bringen? Die Forschung sagt eindeutig ja. Mit Gleichberechtigung in einem Land und der daraus folgenden stärkeren weiblichen Partizipation in Politik wird auch das allgemeine Miteinander friedvoller. Das gilt vor allem dann, wenn Frauen in Schlüsselpositionen der Macht sitzen. So wie etwa Margot Wallström.

Als Margot Wallström im Herbst 2014 Schwedens Außenministerin und stellvertretende Ministerpräsidentin wurde, verkündete sie Schwedens ‚feminist foreign policy’, Schwedens feministische Außenpolitik. Was anfangs zu Gekicher führte und Machtdemonstrationen anderer Staaten auslöste – beispielsweise als Saudi Arabien mit harten Sanktionen drohte, nachdem Wallström die Unterdrückung von Frauen im Land kritisierte und die Waffenexporte nach Saudi Arabien infrage stellte – ist inzwischen Anlass für Respektbekundungen vieler Regierungen weltweit. Im Vorwort des aktuellen Aktionsplans des schwedischen Außenministeriums heißt es:

„Gleichberechtigung ist noch immer keine Realität, sondern Vision. Schwedens feministische Regierung möchte diese Vision in Realität verwandeln. Gleichberechtigung ist ein Ziel an und für sich. Aber sie ist auch essentiell, um die weiteren Ziele der Regierung wie Frieden, Sicherheit und nachhaltige Entwicklung zu erreichen.“

Um diese Ziele zu erreichen, hat der Aktionsplan der schwedischen Regierung für die kommenden drei Jahre besondere Schwerpunkte definiert. Dazu gehören sowohl die Stärkung der Rechte von Frauen und Mädchen bei humanitären Katastrophen sowie die Bekämpfung geschlechtsspezifischer und sexualisierter Gewalt gegen Frauen und Mädchen in Konflikten und Post-Konflikt-Situationen, als auch die Bekämpfung der Straffreiheit dieser Verbrechen. Die Förderung der Teilnahme von Frauen als Akteure bei Friedensprozessen hat ebenso Priorität. Der Plan basiert auf der Erkenntnis, dass Frauen einen wesentlichen Faktor in der Friedensbildung darstellen. Ohne sie geht es eben nicht, denn die Verletzung von Frauenrechten legitimiert Gewalt in anderen Bereichen und destabilisiert eine ganze Gesellschaft.

Die Bedeutung von Gleichberechtigung für Weltfrieden

Wallström hat ihre Prioritäten klargemacht. Außenpolitik ist oft Muskelspielerei, ein Abwägen zwischen nationalen Interessen und Werten. Wo oft kurzfristige realpolitische Überlegungen gewinnen, hat Wallström wertebasierte, langfristige strategische Überlegungen triumphieren lassen. Denn sie weiß, „[…] dass der zuverlässigste Prädiktor dahingegen, ob ein Land intern gewaltbereit ist – oder militärische Gewalt gegen andere Staaten einsetzt – nicht Armut, natürliche Ressourcen, oder die Stärke der Demokratie ist; der zuverlässigste Faktor ist die Gewaltbereitschaft gegenüber Frauen. Sie normalisiert jede andere Form von Gewalt“. Das schrieb Gloria Steinem und bezieht sich auf die Studie ‚Sex and World Peace’ von Hudson et al. In einem ‚Foreign Policy’-Artikel fasst Hudson die Ergebnisse zusammen: „Die Tage, in denen behauptet werden konnte, dass die Situation von Frauen nichts mit Angelegenheiten von nationaler und internationaler Sicherheit zu tun haben, sind vorbei. Die empirischen Ergebnisse, die das Gegenteil beweisen, sind zu vielzählig und robust, um ignoriert zu werden.“ Weitergedacht heißt das auch, dass das Verständnis von Gleichberechtigung als eine Angelegenheit von Frieden und Sicherheit eine transformative Kraft entfalten kann. Schweden hat dies vor allen anderen erkannt und revolutioniert so das Parkett von Diplomatie und Sicherheitspolitik.

Frauen als Friedenschafferinnen

Wie Wallström erklärt, ist die Förderung von Frauen als Friedensakteure eine Priorität ihrer Politik. Denn zwischen 1992 und 2011 waren nur zwei Prozent der Mediator_innen und nur neun Prozent der Verhandelnden in offiziellen Friedensgesprächen Frauen. Des Weiteren werden nur zwei Prozent der finanziellen Mittel für Frieden und Sicherheit der Gleichberechtigung und dem Empowerment von Frauen gewidmet. Doch Frauen sind nicht nur Opfer. Wenn man sie lässt, dann sind sie die effektivsten Friedensschaffer_innen. Wenn beispielsweise der Anteil von Frauen im Parlament um fünf Prozent zunimmt, dann sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass ein Staat mit Gewalt auf eine internationale Krise reagiert um das Fünffache. Und die Wahrscheinlichkeit, dass Friedensvereinbarungen mindestens 15 Jahre halten, steigt um 35 Prozent, wenn Frauen an deren Entstehung beteiligt sind.

Die Gründe

Wenn die Inklusion von Frauen priorisiert wird, dann ist Frieden wahrscheinlicher, vor allem wenn Frauen in Positionen sind, wo sie Entscheidungen treffen können. Scilla Elworthy, dreifache Friedensnobelpreisnominierte und Preisträgerin des Niwano-Friedenspreis, schreibt in ihrem Artikel „Love in a time of hatred“: „Männer tendieren dazu, auf Angriffe mit Krieg zu reagieren“ und spricht sich selbst für Kooperation, Zusammenhalt und gewaltfreie Lösungen im Angesicht von Terror aus. Das Institut Inclusive Security argumentiert, dass Frauen Dialog und Vertrauen fördern sowie Koalitionen für Frieden bauen; Frauen beachten verschiedene Perspektiven und tragen durch diesen inklusiven Ansatz zu längerfristigen Frieden bei – denn die Ausgrenzung bestimmter Gruppen aufgrund der Religion, Ethnie oder Kultur birgt riesiges Gewaltpotential und trägt zu Armut und Staatsversagen bei. Gloria Steinem fügt hinzu, dass „Frauen verschiedenster Gruppen messbar wahrscheinlicher als Männer für Gleichberechtigung, Gesundheits- und Bildungsthemen abstimmen, sowie gegen Gewalt als Konfliktlösung.“ Der Grund sei nicht Biologie, sondern Erfahrung.

Erfahrung und Sozialisierung scheinen die Antworten auf das ‚Wieso’ zu sein. In patriarchalen Gesellschaften werden Frauen und Männern bestimmte Rollen zugewiesen und ein Ausbrechen aus diesen ist mit sozialen Sanktionen verbunden. Bereits 1991 identifizierte Oxford-Professorin Frances Stewart diese Rollen für Frauen: Erzeugerinnen, Hausfrauen, Mütter und Verantwortliche für den Zusammenhalt und die Organisation der Gemeinschaft, die über die direkte Familie hinausgeht. Hätte man Frauen nicht Jahrtausende lang unterdrückt, dann wären vielleicht auch sie für unzählige Kriege, Genozide und Massaker verantwortlich. Das Patriarchat und unsere Sozialisierung haben jedoch dafür gesorgt, dass es nie soweit kommen konnte. Und weiterhin sind Selbstmordattentäter, Amokläufer, Kriegstreiber und kriegslustige Politiker vor allem eins: männlich. Da inferenzielle Statistik niemals Aussagen über Individuen macht, bedeutet es nicht, dass jede einzelne Frau friedvoller ist und jeder einzelne Mann gewaltbereiter. Es handelt sich um Aussagen über Tendenzen in einer Gesellschaft. Deshalb bedeuten mehr Frauen tendenziell mehr Frieden.

 

Text Kristina Lunz  Foto

Kristina Lunz setzt sich als Gründerin der Initiative StopBildSexism und Teil des Bündnis „#Ausnahmslos“ auf vielfältige Weise gegen Sexismus und sexuelle Gewalt ein. Sie war das „New Girl on the Block“ unserer ersten Printausgabe.

Dieser Beitrag hat 3 Kommentare

  1. Die Frauen die bisher an der Macht waren, sind aber bzgl. Frieden eine herbe Enttäuschung gewesen und haben statistischen gesehen sogar mehr Kriege angefangen wie Männer.

    „The world would be a better place if women were in charge, many people say — or, at the very least, a place with fewer armed conflicts. Psychologist Steven Pinker said so, as did Francis Fukuyama in a 1998 article for Foreign Affairs. There’s just one problem with those arguments: From the end of the 15th century to the start of the 20th, queens were more likely to start wars than their male counterparts.

    “People have this preconceived idea that states that are led by women engage in less conflict,” says Oeindrila Dube, an assistant professor of politics and economics at New York University. But historically, that’s just not true. Not only did queens fight more wars than kings, they were also more likely to start them…“

    https://psmag.com/queens-on-attack-91dedee5ad9f

    Aber die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt und die Frauen von heute sind bestimmt die besseren Menschen. Wenigstens sie selber glauben es ja schon mal.

  2. Matze, guter Punkt! Aber das könnte natürlich auch daran gelegen haben, dass die Königinnen sich auf Grund ihres Geschlechts dazu gezwungen sahen, härter aufzutreten, damit man sie nicht als schwach wahrnimmt?
    Statistiken sind ja nicht immer so einfach…

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