KAPITEL
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Revolution – Neue Kunst für eine neue Welt

Knapp 50 Jahre russische Kunstgeschichte bringt die britische Regisseurin Margy Kinmonth in knapp 1 1/2 Stunden unter. Die Kunst dient dabei auch als Blaupause für die russische Politik und Gesellschaft und zeigt sehr eindrucksvoll, durch welch schmerzhafte Transformation die Gesellschaft der Sowjetunion in dieser Zeitperiode gehen musste. Der Film ist aber mehr als eine Aneinanderreihung historischer Fakten: Er belebt einen kraftvollen, revolutionären Zeitgeist wieder. Am 2. März kommt der Film in die Kinos.

Mit der russischen Revolution kam die künstlerische Freiheit: Junge Kreative in der ganzen Sowjetunion wurden angesteckt vom neuen Optimismus und Idealismus. Sie glaubten fest an die Revolution, waren beflügelt von der neuen Ideologie und sprengten die Grenzen der Kunst wie vor ihnen niemand zuvor. Die russische Avantgarde wurde zum globalen Vorreiter. Unter Lenin wurde die neue Kunst gefördert, aber auch mehr und mehr instrumentalisiert und zum ästhetischen Steckenpferd des Sozialismus gemacht – davon wurden alle Bereiche erfasst, auch Werbung und Propaganda. Die Kunst wurde Mittel zum Zweck, und Künstler und Künstlerinnen, die nicht in Lenins Sinne arbeiten wollten, wurden ausgesiebt. Durch seinen Nachfolger Stalin wurden dann endgültig alle kritischen Stimmen erstickt: Mithilfe von „Säuberungsaktionen“, Abschiebungen in Arbeitslager, Folter und Exekution. Der Geist der russischen Avantgarde lebt aber weiter: Einigen Künstlern und Künstlerinnen gelang die Flucht, und sie wurden zu Shootingstars der internationalen Kunstszene – zum Beispiel Wassily Kandinsky und Marc Chagall. Andere überlebte die eigene Kunst: beispielsweise der viel kopierte Fotograf, Maler, Architekt und Grafikdesigner Rodtschenko, der Maler Malewitsch, dessen „schwarzes Quadrat“ in die Kunstgeschichte einging, der legendäre Dokumentarfilmer Wertow und viele mehr beeinflussten mit ihren künstlerischen Innovationen ganze Generationen.

Malewitsch's legendäres "Schwarzes Quadrat auf weißem Hintergrund" von 1915

Malewitsch’s legendäres „Schwarzes Quadrat auf weißem Hintergrund“ von 1915

Strikt chronologisch stellt der Film vom Ende des Zarenreichs bis zu Stalins Tod die meist schmerzhaften Stationen russischer Avantgardekünstler und -künstlerinnen auf ihrer Suche nach künstlerischer Freiheit dar – mit Hilfe einer sehr klassischen Mischung aus Archivaufnahmen, Reenactments und Interviews mit KuratorInnen und Nachfahren der russischen Pioniere und Pionierinnen.

Der Idealismus und Pioniergeist der Kreativen dieser Zeit wird im Film in den Fokus gestellt. Es geht Margy Kinmonth nicht nur um eine Auflistung der Fakten, sondern darum, den revolutionären Zeitgeist greifbar zu machen. Für den Film wühlte sie sich durch russische Museumsläden und Archive und barg längst vergessene Schätze avantgardistischer Kunst, die jahrzehntelang niemand zu Gesicht bekam. Die Dokumentation ist letztendlich eine Hommage an Pioniergeist, Optimismus, Umsturz und den Drang nach Freiheit. Dargestellt werden außergewöhnliche Individuen mit Ideen, die alte Grenzen sprengten und die Kunst weltweit nachhaltig veränderten – trotz eines Maximums an staatlicher Repression. Der Film ist daher nicht nur etwas für Kunstliebhaber und historisch Interessierte, sondern für alle, die sich von dieser revolutionären, künstlerischen Sprengkraft begeistern lassen.

Text: Johanna Warda
Bilder: Foxtrot Films

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