KAPITEL
Diamant 1

The Purpose of Your Life: Erkenne dich

GOOD TO KNOW: die Aufgabe deines Lebens befindet sich schon in der Ausführung. Vielleicht merkst du es noch nicht, vielleicht vertraust du noch nicht, vielleicht weißt du es einfach noch nicht. Um den Weg zu sehen und die einzelnen Schritte bewusst zu erleben, ist es hilfreich, dich erst einmal selbst zu erkennen.

Individuelles Glück statt Selbstoptimierung – in zwei Teilen nimmt uns unsere Autorin Laura Hirch mit auf ihre ganz persönliche Reise zur inneren Freiheit und Selbstfindung.

Sich selbst, oder besser das Selbst, zu erkennen ist meiner Ansicht nach etwas ganz anderes, als sich selbst kennenzulernen. Letzteres ist hilfreich, um gewisse Handlungen und einzigartige Charakterzüge zu studieren und zu tolerieren oder sich selbst besser zu verstehen. Wenn du aber erkennst, dass du ein Teil des großen Ganzen bist, mittendrin und durch und durch, dann erkennst du dein wahres Selbst. Hast du einmal mit jeder Faser deines Körpers verstanden, dass jede Faser deines Körpers aus Materie besteht, aus lauter winzigen aneinander gehängten Teilchen, die durch die Atmosphäre tanzen, sich für den Moment festhalten und irgendwann loslassen, kannst du vielleicht leichter nachvollziehen, dass wir also auch das Universum zugleich sind. Dass du ich bist und ich du. Yoga antwortet auf die Wer bin ich-Frage mit „Du bist Alles“.

Erkennen

Siehst du, wie sich durch den Drang zur Verbindung mit dem Innen im Außen wirklich vieles finden lässt, was dir diese Verbindung vorgaukeln kann? Siehst du, wie sich der Markt und die Gesellschaft ganz klar darüber bewusst sind, dass sich aus deiner Suche ordentlich Profit machen lässt, du verformbar wirst? Siehst du, wie sie dich vermeintlich zu unterstützen suchen, aber dich in Wahrheit immer weiter von dir wegbringen? Letztendlich hilft dann noch dein Ego dazu, dich vor der Verwandlung, der Verbindung mit dem Höheren zu bewahren. Denn das würde ja bedeuten, dass sich das Ego auflöst. Ja, du musst stark sein und darfst dich nicht allzu sehr grämen, wenn du doch wieder in eine Falle tappst. Hab Geduld und Nachsicht mir dir. Den Status quo zu akzeptieren und gut zu heißen, bringt eine ungeheure Freiheit. Du bist jetzt ok, so wie du bist. Du bist jetzt so, wie du sein sollst. Dich selbst oder dein Selbst zu erkennen, heißt auch, dich mit der Phase anzufreunden, in der du eben gerade bist.

Auch ein Diamant im Schleifprozess ist im Kern ein Diamant. Wer immer nur dem Ideal hinterher rennt, vergisst sich in der Zwischenzeit.

Wie können wir denn überhaupt wissen, was in der Zukunft gut für uns ist? Wenn sich schon jeder Moment so schnell ändern kann, dann können wir auch gleich einfach nur den Moment genießen. Ich habe erlebt, dass mich die Zufriedenheit mit dem Jetzt viel zufriedener macht als die Illusion über eine Zufriedenheit in der Zukunft.

Vertraue darauf, dass bestimmte Situationen und Menschen in dein Leben kommen, die deine Ausrichtung testen. Mich haben zum Beispiel immer wieder Menschen angezogen, deren Lebensstil meinem nicht wirklich entsprochen hat. Ich meinte aber, dass deren Lebensstil auch mir zu gefallen hätte, weil er mir irgendwie normal erschien. Unnötig zu erwähnen, dass ich nicht gerade glücklich war, mich nicht vollends entfalten konnte und mich so als ungenügend empfand. Seitdem ich verstanden habe, dass ich nicht immer gegen den Strom schwimmen muss, treten immer mehr Menschen in mein Leben, mit denen ich mich vollkommen wohl fühle, die mich für meine Art feiern, und mit denen ich wahre Freude empfinde. Du musst jetzt aber nicht gleich alle Menschen absägen, mit denen du dich nicht komplett wohl fühlst. Oft ist das ja auch gar nicht möglich. Wie Personal Trainer dir helfen können, deinen Körper zu stählen, kann dir ein Emotional Trainer helfen, deinen Geist zu stärken. Oder Seiten an dir zu entdecken, die du noch nicht kanntest. Auch wenn du zu dir stehen und dich ausleben möchtest, ist das kein Freifahrtschein für ungehobeltes Benehmen.

Als Yogis praktizieren wir immer noch das Prinzip des ahimsa (Abwesenheit von Gewalt), üben uns also konstant im Mitgefühl und reflektieren unsere Handlungen dahingehend, dass sie unserer Erde und allen Mitgeschöpfen nicht schaden. Es gibt tausend Ausreden, sich vor sich selbst zu drücken und lieber weiter zu jammern oder zu hoffen, dass sich Probleme von alleine lösen.

Selbstoptimieren

Beim Yoga geht es um Verbindung. Um die Verbindung von Körper, Geist und Seele, aber letztendlich um die Verbindung mit dem Göttlichen. Wir lernen zu spüren, dass wir nicht getrennt sind. Diese Erkenntnis hat in meinem Leben lange auf sich warten lassen, Enttäuschungen bedeutet, mich viele Workshops gekostet und hin und wieder an den Rande des Wahnsinns getrieben. Ich fühlte mich absolut getrennt, alleine und irgendwie immer schon anders als andere. Immer war ich auf der Suche nach einem Ausweg, nach Möglichkeiten, mich zu verändern und verbiegen, zu gefallen und dann doch wieder gewollt anzuecken. Immer obduzierte ich mir unzählige Anforderungen, denen ich genügen wollte und brach sie dann doch in rebellischer Manier. Am Ende war ich am glücklichsten, wenn ich mich nicht spüren musste. Eine jahrelange Essstörung und Erfahrung mit Süchten aller Art waren die Hilfsmittel, um meine Unsicherheiten zu betäuben. Nichts war gut genug, diese Mittel zu ersetzen und so gewöhnte ich mich daran, die innere Leere mit Dingen von außen zu füllen.

Die Suche nach Verbindung führte also erst einmal über die Sucht. Die Erkenntnis war da, die Suche mit etwas anderem stillen zu müssen, und dennoch fand ich nichts Vergleichbares, fiel immer wieder in gewohnte Muster zurück. Ich wünschte, ich hätte damals gewusst, dass Selbstdisziplin oder Kontrolle mit dieser Situation absolut nichts zu tun haben, sondern den inneren Druck sogar noch erhöhen und die Heilung nur hinauszögern. Unglücklich über meinen selbst errichteten Käfig suchte ich dennoch tapfer weiter, fand zur Spiritualität und schöpfte zum ersten Mal Hoffnung. Yoga und Meditation, esoterische Praktiken wie Astrologie, alternative Medizin, Reiki und zahlreiche Indienreisen zu meinem Guru waren nun mein neues Zuhause. Ich fühlte endlich die Verbindung zum großen Ganzen und vor allem zu mir selbst immer häufiger, wenn auch nur für kurze Momente. Dennoch war ich nicht frei, fühlte weiterhin den Drang, mich unangenehmen Situationen und Gefühlen durch Flucht zu entziehen, und so schlug ich jeden Tag ein neues Kapitel im großen Buch der Selbstoptimierung auf − eine weitere verlockende Falle, den Ist-Zustand mit der Illusion einer glorreichen Zukunft einzutauschen. Ich kann heute gar nicht mehr aufzählen, was ich alles ausprobiert habe, um mich in eine „bessere“ Version zu verwandeln. Das Leid war groß, der Markt unerschöpflich und ich willens, zu zahlen. (So wurde ich zur Sammlerin von Selbsthilfebüchern.) Und schon ist man in die Falle der Selbstoptimierung gefallen.

Selbstlieben

Wie bereits erwähnt, hätte ich meinen bis dato beschrittenen Lebensweg locker mit Selbsthilfe-Büchern bepflastern können. Ein Wort trat dabei in fast jedem Buch in Erwähnung. Erst markierte ich es mit einem Filzstift, dann schrieb ich es mir in mein Soul-Journal, dann besuchte ich Kurse dazu. Und obwohl es mir so wichtig und unumgänglich zur Selbstentwicklung erschien, konnte ich jahrelang keine Verbindung dazu aufbauen: Die Selbstliebe. Wie habe ich dieses Wort verflucht. Und doch merkte ich, dass ich wohl nicht um dieses Thema herum kommen würde. Denn: sich selbst zu lieben ist essentiell. Und es ist die persönlichste Herausforderung, der du begegnen wirst.

Eine Beziehung kann enorm darunter leiden, wenn ein*e Partner*in das Liebesdefizit des anderen ausgleichen soll. Wenn von ihr*ihm das eingefordert wird, was man sich selbst nicht geben kann. Ich hab mal gehört, dass wir die Liebe in uns selbst finden müssen, bevor wir wie Bettler durch die Gegend wandeln, um die Tassen voll Liebe aufgefüllt zu bekommen. Das gilt auch für dieAnerkennung von anderen, was im Endeffekt auch auf die Bitte um Liebe hinausläuft. Alles, was du dir zufügst im Wissen, dass es dir schaden wird, ist das Gegenteil von Selbstliebe. Das Wort Selbsthass ist für meinen Geschmack etwas zu hart und doch kann es Erkenntnis bringen. Wenn du dich selbst liebst, bist du lieb zu dir. Dann achtest du darauf, was du deinem Körper zuführst, und wie du über dich selbst denkst und sprichst. Dann bist du nachsichtig, wie bei einer guten Freundn und hast Verständnis, wenn dein Körper und Geist mal nicht so „funktionieren“, wie sie sollten. Sich in sich selbst zu verlieben, hat etwas Zartes, gar Zauberhaftes an sich. Es ist nicht narzisstisch und auch nicht verkopft oder Ego-involviert, sondern pur und fühlt sich etwas wie die erste Liebe an. Selbstliebe muss natürlich auch gepflegt werden wie eine Beziehung zwischen zwei Partner*innen.

Für den Anfang kannst du dich jeden Morgen mit zwei, drei lieben Sätzen an dich gewöhnen. Dir selbst einen guten Morgen wünschen. Dich jeden Tag einem bestimmten Körperteil widmen, der dir an dir gefällt und ihm immer wieder Beachtung schenken. Ganz bewusst Liebe mit dir selbst machen, anstatt dich in irgendwelche Fantasien zu stürzen. Oder dich für etwas loben. Wem das zu freaky ist, kann sich beim Duschen oder Eincremen etwas sanfter berühren oder streicheln. Als mir zu diesen Taktiken geraten wurde, fand ich das äußerst befremdlich. Nach einer Woche passierte etwas. Lass mehr Zeit vergehen und du wirst merken, dass du dich nun sehr viel anders wahrnehmen wirst und sich destruktive Verhaltensmuster auflösen können. Ich habe manche Tage, an denen ich mich einfach nur umwerfend finde, und ich schreibe diesen Satz ganz bewusst. Dein eigenes Licht anzuknipsen und die Birne dann glühen zu lassen – OMG ist so SO absolut OK. Leider stellen wir uns lieber in den Schatten anderer, als sie mit unserer Großartigkeit „einzuschüchtern“. Haben andere ein Problem damit, haben sie ein Problem damit. Betrachte dich nicht aus den Augen der anderen, denn jeder hat seine eigene Wahrheit. Es ist deine Aufgabe, dein Leben authentisch zu leben. Im Yoga ist die Wahrhaftigkeit, Sathya, eine wichtige Säule auf dem Weg zur Erleuchtung.

Transformieren

Ich bin jahrelang Meister*in darin gewesen, alles anzuzweifeln, was ich bin. Mich eher aus einem verzerrten Spiegel oder aus den Augen anderer zu betrachten. Unbewusst und sicher ungewollt habe ich mir so nach und nach eine feste Mauer um mich errichtet, meinen eigenen Käfig gebaut. Sich seiner eigenen Freiheit zu berauben passiert nicht von heute auf morgen – eine Befreiung natürlich auch nicht. Im Yoga suchen wir die ultimative Befreiung (moksha) aus dem immer wiederkehrenden Kreislauf (samsara) des Lebens. Im Hinduismus ist die Wiedergeburt etwas, das es zu überkommen gilt, sodass wir letztendlich mit Gott, oder der Quelle verschmelzen. Die ultimative Verbindung also. Transformation bedeutet für mich nicht mehr, mich zu verändern, sondern beschreibt eher den Prozess, mich wieder mit mir zu verbinden. Diese Verbindung zu etablieren und wirklich das zu leben, was mich ausmacht. Es ist meine Heimkehr.

Ich bin wirklich unfassbar dankbar für die turbulenten Zeiten. Ich bin froh, dass ich die Sucht erfahren durfte, denn sie war mir eine wichtige Lehrerin. Sie hat mich immer wieder zurückgeholt, wenn ich nach zu oberflächlichen Antworten gesucht habe, mich nicht losgelassen habe, bis ich genug in die Tiefe gesehen hatte und so beide Welten kennenlernen durfte, um darüber hinaus eine Einheit zu spüren. Sie hat mich am Ende doch zu mir selbst geführt und mir geholfen, meinen Weg zu sehen und ihm zu folgen und mich für meine Aufgabe geschult. Verstehst du, dass all deine Erfahrungen wertvoll sein können und dich für deine Aufgabe vorbereiten? Ich wünsche dir Mut, genauer hinzusehen, und ich freue mich schon, dich im nächsten Teil weiter bei der Aufgabe deines Lebens zu begleiten.

Alles Liebe und Om Shanti, deine Laura

Möchtest du mehr über Laura, ihre Arbeit und Filme erfahren? Dann schau doch mal auf ihrer Website vorbei.

Text Laura Hirch Illustrationen Laura Breiling