KAPITEL
 Y2A2371 RomanDachsel

Sister Circles – Schwestern im Geiste

Eigentlich habe ich zwei Schwestern. Maximiliane und Nele. Doch seit rund einem Jahr treten mehr und mehr Schwestern in mein Leben. Und ja, eigentlich hatte ich schon immer mehr als zwei. Seit einem Jahr nehme ich regelmäßig an spirituellen „Sister Circles“ teil und möchte keinen missen. Denn wenn Frauen zusammenkommen, entsteht wahre Magie.

Ana empfängt mich mit einem großen Lächeln. Sie lächelt von Herzen und wie jedes Mal fühle ich mich gleich Zuhause. Angekommen. Angenommen. Schwesterlich. Ana Sophie Rose ist die Gründerin von „Sisters of Love“, einer Community, die Frauen zu Schwestern macht und ihnen hilft, ihre feminine Wahrheit zu leben.

Wir treffen uns in Anas Space Room, in dem es nach frischen Blumen und Räucherwerk aus Eukalyptus und Kardamom riecht. Heute sind wir zusammengekommen, um den Abschluss-Circle des „Wild Paradise Tempels“ zu feiern. Ana, ich und drei weitere, zauberhafte Frauen krönen diesen Abschied mit einer Kakaozeremonie. Einen Monat lang haben wir gemeinsam einen Circle zelebriert, der uns jeden Tag Kraft gespendet hat. Und der unglaublich viel Gemeinschaft und Glück in mein Leben brachte. Dabei haben wir nicht jeden Tag zusammengesessen. Nein – neben jeglicher spiritueller Sisterhood warten natürlich auch Jobs, Freund*innen und andere Aufgaben auf uns. Neben den realen, partizipierenden Circles haben wir täglich unsere Gedanken und Ausrichtungen in einer geschützten Gruppe in den sozialen Medien geteilt. Alles ist erlaubt, jedes Wort wird gehört, jeder Gedanke geteilt.

Bei meinem allerersten Kreis mit Ana kam ich 20 Minuten zu früh, hatte Blumen für unseren „Sister Flower Circle“ dabei und war super aufgeregt. So sehr ich schreiben liebe, so nervös werde ich, wenn ich vor fremden Menschen sprechen muss. Wir trafen uns, zwölf fremde Frauen in einem Kreis, die binnen drei Stunden zu Schwestern wurden. In unserer Mitte Kerzen, Blumen, Steine und Kakaobohnen. Der Circle stand unter dem Motto „Selbstliebe“. Wir meditierten zusammen, sprachen über Dinge, die uns beschäftigten, Angst machten, uns herausforderten. Von Familienproblemen über Jobkrisen, über Selbstzweifel oder schmerzenden Beziehungen. Es ist eine so wunderschöne Bereicherung, wenn wir uns einen Moment aus dem Trubel da draußen herausnehmen. Zusammen im Kreis, wie unsere Ahnen damals ums Feuer. Das klingt pathetisch, doch wurden gemeinschaftliche Strukturen vor tausenden von Jahren oft maßgeblich von Frauen gestaltet. Starke Frauen, die Gemeinden prägten, auf Augenhöhe mit anderen Frauen – und Männern. Unsere heutigen patriarchalen Strukturen haben viel von dieser Verbundenheit zerstört. Und neben dem Feminismus entwickelt sich aktuell auch in einer Form von urbaner Spiritualität eine neue Art und Weise des „Female Empowerment“.

Die Kraft der Schwesternschaft. Die nichts mit der familiären Verwandtschaft zu tun hat, sondern neue Räume zwischen Frauen entstehen lässt. Wir weinten, lachten und gaben jeder Einzelnen von uns die Aufmerksamkeit und die Zeit, die sie benötigte. Ana führte uns und hielt uns den Raum, um loszulassen. Am Ende meines ersten Circles lag ich abends Zuhause im Bett und fühlte mich verbunden. Stark und dabei leicht wie eine kleine, flauschige Daune. Seitdem besuche ich regelmäßig Circles. Bei Frauen wie Ana. Oder Agnes Theresia Schwemer und Kaja Otto, die in Hamburg die „SHEvolution Sisterhood“ ins Leben gerufen hat.

Wer jetzt denkt, dass ich mich aus dem Alltag flüchte, um kuschelig auf Kissen gebettet die Augen vor der Realität zu verschließen, liegt leider falsch. Verglichen zu den Stunden, die ich mit Arbeiten, Sport, Beziehung und Alltäglichkeiten verbringe, sind die Stunden in Circles ziemlich überschaubar. Zeitgleich ist die Wirkung dieser Treffen unermesslich wertvoll und weitreichend. Ich begegne Frauen seitdem mit einem noch offeneren Herzen, mit mehr Verständnis. Ich verstehe falsche Glaubenssätze auf Anhieb und kann anderen Frauen in meinem Umfeld viel verständnisvoller helfen. Und: Ich liebe mich selbst mehr denn je! Denn wenn wir uns selbst lieben so wie unsere Schwestern, dann machen wir uns unbesiegbar. Dann brauchen wir keine Anti-Falten-Creme, kein neues Trend-Piece und schon gar nicht schlecht über andere Frauen zu reden. Denn jede von uns hat viele Schwestern, für die wir ebenso eine Schwester sind!

In vielen deutschen Städten werden bereits regelmäßig Sister Circles gehalten. In Hamburg findet man zum Beispiel viele unter womencirclehamburg.de. In Berlin sind einige unter meetup.com gelistet.

Text: Lara Keuthen Foto: Roman Dachsel

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