KAPITEL
Glatze Hinterher

Ich hab’ mir eine Glatze rasiert und einen Artikel darüber geschrieben – das waren die Reaktionen

Wer im Internet publiziert, muss andere Meinungen aushalten können – hört man zumindest. Soziale Netzwerke ermöglichen es jenen, die massenmedial keine Stimme haben, ihren Widerspruch im Minutentakt offen kundzutun. Das, was Journalistinnen und Journalisten dabei zu hören bekommen, hat oft nichts mehr mit simpler, argumentativ untermauerter Kritik zu tun, die den eigenen Blick schärft.

Als Caren Miesenberger, Autorin aus Hamburg, über ihre Erfahrungen als Frau mit Glatze berichtete, bekam sie auf dem Facebook-Auftritt von ze.tt und Zeit Online viele Kommentare und Unterstellungen der unschönen Art zu lesen: „Alter Schwede, was hat diese Frau bloß für Komplexe?“, „Wer stellt sich mit blonden Glatthaaren vor eine beigefarbene Wand und klebt sich ein knallrotes Gummiboot ins Gesicht?“, „Sieht einfach nur grottenhässlich aus“ – um nur einige zu nennen.

Beleidigende, transphobe und misogyne Kommentare sind an der Tagesordnung, sobald es eine Frau wagt, über persönliche Erfahrungen zu schreiben, die den Kern ihres Frau-Seins tangieren. Eines gleich vorweg: Ja, es macht einen Unterschied, ob man als Frau oder Mann schreibt. Eine Studie des Guardians, in der 70 Millionen Onlinekommentare auf der Seite seit 2006 untersucht wurden, hat bewiesen, dass acht von zehn Autoren, die online am häufigsten diskreditiert werden, Frauen sind.

Wir haben mit Caren über freie Meinungsäußerung, problematische Wortmeldungen und Sexismus in den Kommentarspalten gesprochen.

Hallo Caren! Nach deinem Text haben dich einige User auf Instagram gefragt, ob du nicht mit solchen Kommentaren gerechnet hättest. Was ist schlimmer: Dass du damit hättest rechnen sollen, oder, dass die Kommentare niemanden mehr überraschen?

Gute Frage! Du sprichst zwei Probleme an: Einmal, dass ich meinen Körper durch den Artikel dem Mob zum Fraß vorwarf. Dieser verzehrte ihn mit Genuss und spie ihn in Form von Hasskommentaren wieder aus. Für mich zeigt das vor allem, wie sehr mein Körper, der als weiblich gelesen wird, einer ungeheuren sozialen Kontrolle unterworfen ist. So war ich für manche Verfasser*innen dieser mit längeren Haaren ein Kerl, für manche erst nach der Rasur (lacht).

Das andere Problem ist der Umgangston im Internet. Ich denke, dass die Anonymität vorm Smartphone oder Computer einen Schutzraum bietet, in dem Leute sich eher trauen, ehrliche Aussagen frei von der Leber weg zu treffen. Das ist nicht unbedingt schlecht, Wahlen zum Beispiel sind ja auch anonym und da halte ich den Schutz der Anonymität für sehr sinnvoll. Aber: Manche der Kommentare sind extrem respektlos, verletzend und diskriminierend. Einige – und das finde ich auch wichtig zu sagen – nett und positiv. Alle, die sich massenmedial bewegen, sind daran gewöhnt, krasseste Diskriminierungen zu lesen, zu erhalten und/oder auch zu äußern, je nach individueller Eingebundenheit und entsprechend des eigenen Nutzverhaltens. In den Kommentarspalten findet konzentrierte Gesellschaft statt. Aus diesem Artikel habe ich mal wieder gelernt, dass die Gesellschaft in Deutschland halt doch nicht so fortschrittlich ist, wie sie sich gerne gibt. Sonst wäre mein Text mit einem gelangweilten Gähnen einfach abgetan worden.

Wie rechtfertigen die Menschen Kommentare, die auf dich als Person, auf dein Äußeres abzielen?

Am häufigsten wurde mir gesagt, dass ich mit diesen Kommentaren rechnen müsse, wenn ich so einen Artikel schreibe. Ich wusste dann immer nicht, ob ich lachen oder weinen soll. Mit scharfen Worten umgehen zu können ist Teil meines beruflichen Handwerkes. Nur gibt es einen Unterschied zwischen inhaltlicher Kritik und diskriminierender Sprache: Transfeindliche und misogyne Aussagen gehen halt gar nicht. Das hat nichts mit freier Meinungsäußerung zu tun, das ist psychische Gewalt.

Mit der Dimension habe ich zugegebenermaßen nicht gerechnet. Mein Text wurde auch von Zeit Online geteilt und hatte über 3.000 Interactions. Die Kombination von First-Person-Journalismus, Selfies zur Bebilderung und einem feministischen Thema, das auch noch recht trotzig aufgeschrieben wurde, scheint ziemlich viele Klicks zu ziehen. Aber zurück zu den Kommentaren: Mein Eindruck ist, dass es dabei um Macht geht. Man will das letzte Wort haben. Und sich nicht von einer Frau das Recht wegnehmen lassen, ungestört diskriminierend rumzuwüten. Die eigene fragile Maskulinität fühlt sich angegriffen. Daher der Schrei nach „freier Meinung“. Dass andere, womöglich weniger Privilegierte durch diese sogenannte „freie Meinungsäußerung“ mundtot gemacht werden sollen – geschenkt. Seine Meinung frei äußern zu können, darf meiner Meinung nach nicht nur selektiv gelten.

Was hat dich an der Art und Weise, wie kommentiert wurde, besonders gestört?

Zwei Dinge: wie herablassend mit mir als Autorin gesprochen wurde und wie krass häufig diskriminierende Aussagen vollkommen unbewusst getätigt wurden. Ich bekam E-Mails, in denen ich als „Mäuschen“ angesprochen wurde. Und viele der Kommentare sprachen mir meine berufliche Kompetenz komplett ab. Ich bin eine 28-jährige erwachsene Frau, die ganz genau weiß, was sie da geschrieben hat. Sage ich einem Endzwanziger-Sachbearbeiter, dessen Excel-Tabelle mir nicht passt: „Pass auf, Babyboy, eineinhalb Zentimeter Zeilenabstand gehen wirklich gar nicht?“. Nee. Das ist respektlos. An den Kommentaren zeigt sich, wie sehr mir als Journalistin Respekt verweigert wurde aber auch, wie sehr als Frau.

Ein beliebtes Argument der Kommentierenden ist auch: Wer sich so verletzlich zeigt, hat es nicht anders verdient. Woher kommt der Gedanke, man hätte diese Reaktionen provoziert?

Das ist Täter-Opfer-Umkehr par excellence. Es wird getan, als habe meine Aktion, der Artikel, unangemessene Re-Aktionen, die Kommentare, zu verantworten. Das ist selbstverständlich Bullshit, aber auch kein sonderlich neues Phänomen. Nicht nur psychische, sondern auch physische Gewalt wird so gerechtfertigt. Ein Beispiel sind Vergewaltigungen, wo es dann heißt, dass der kurze Rock einer Frau schuld daran sei, dass sie angegriffen wurde. Meiner Meinung nach lässt sich dieses Denkmuster einordnen in eine Gesellschaft, in der Cismänner gegenüber anderen Geschlechtern eine Vormachtstellung besitzen.

Gerne wird Journalistinnen auch nicht geglaubt, die von ihren Erfahrungen mit Hate-Speech berichten. Oft heißt es dann: Man könne einfach nicht mit Kritik umgehen, man müsse doch einsehen, dass Männer genauso damit konfrontiert sind, es gäbe das Problem des Sexismus gar nicht. Wie kommt es deiner Meinung nach zu dieser Auffassung?

Das liegt an unterschiedlichen Erfahrungshorizonten, die es erlauben, die Probleme auszublenden, die für die jeweilige Person inexistent sind. Wie viele männlichen Journalisten werden damit bedroht, vergewaltigt zu werden? Ich kenne keinen männlichen Journalisten, dem Vergewaltigung angedroht wurde. Mir hat bei Twitter schon mal jemand geschrieben „Du bist ein Feminazi und verdienst, dass man dir nachstellt“. Wer sowas nicht am eigenen Leib spürt, kann verständlicherweise gar nicht wissen, dass es diese Art von Bedrohungen gibt.

Wo liegt deine persönliche Grenze zwischen Kritik und Hass?

Das ist fallabhängig. Aber ich frage mich immer: Wird in dem jeweiligen Kommentar meine Existenz und meine Arbeit generell wertgeschätzt oder werden mir Grundrechte abgesprochen, wenn ich den Gedanken des Kommentars fortführe?

Warum glaubst du, dass sich Horst und Stefan dazu berufen fühlen, dein Äußeres zu kommentieren?

(lacht) Weil sie es so beigebracht kriegen. Es ist normal, dass der Wert eines Menschen an seinem Aussehen festgemacht wird. Männer werden abgewertet, wenn sie nicht weiß und dünn sind. Frauen werden abgewertet, weil sie Frauen sind, und noch mehr, wenn sie nicht weiß und nicht dünn sind. Menschen, die sich nicht als Frau oder Mann verorten, werden allein dafür abgewertet.

Eine Möglichkeit, die anstrengende Seite des Internets zu ignorieren, ist, die Hater einfach hassen zu lassen. Was hältst du von dieser Strategie?

Die Schwarze u.s.-amerikanische Schriftstellerin Toni Morrison hat über Rassismus mal etwas sehr Kluges gesagt: “The function, the very serious function of racism is distraction. It keeps you from doing your work. It keeps you explaining, over and over again, your reason for being.“
Für diejenigen Leute, die sich Rassismus und andere Diskriminierung nicht gefallen lassen wollen, kann es also eine Überlebensstrategie sein, den Hass zu ignorieren. Ich selbst kriege keine rassistischen Kommentare ab, weil ich weißdeutsch und christlich sozialisiert bin, und halte die meisten frauen- und transfeindlichen Hasskommentare aus, weil ich weiß, welche Struktur dahintersteckt. Trotzdem sehe ich meine Auftraggeber*innen in der Pflicht, mir durch ordentliche Moderation den Rücken freizuhalten und das ungestörte Arbeiten zu ermöglichen. Massenmedien sollten sich dem entschlossen entgegenstellen. Einzelpersonen müssen selbst entscheiden, wie sie damit umgehen.

Was würdest du dir für den Umgang im Netz miteinander wünschen?

Dass der Start-Up-Heini aus Berlin genauso wie Handwerker Harald aus Bayreuth checken, dass die Texte, unter die sie ihren Hass streuen, nicht vom Himmel gefallen sind, sondern da Menschen sitzen, die ihr Herzblut darein stecken, für sie gratis konsumierbar an gesellschaftlicher Pluralität und Gerechtigkeit zu ackern. Journalismus ist ein verdammt harter Job mit schlechter Bezahlung und viel Konkurrenz. Hasskommentare bedeuten zusätzliche emotionale Arbeit, die wiederum unvergütet ist. Wann habe ich das letzte Mal ne Wand gratis gemauert gekriegt? Kann ich mich nicht dran erinnern. Dem journalistischen Handwerk etwas mehr Wertschätzung entgegenzubringen ist das eine. Das andere ist, dass Schwächeren, die den Mut haben, ihre Schwäche zu artikulieren, mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden soll, ohne ihre Vulnerabilität und ihren Erfahrungshorizont zu delegitimieren. Das kann auch heißen, einfach mal nicht zu kommentieren, wenn die Erfahrungen fehlen.

Praktisch solidarisch können sich Männer zeigen, indem sie – so uncool es für viele ist, auf Facebook intervenieren– diskriminierenden und beleidigenden Kommentaren Paroli bieten, sie melden, selbst aktiv werden. Bloß nicht nur zuschauen.

Interview: Bianca Xenia Mayer
Bild: Caren Miesenberger

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